Gelsenkirchen

Fragen nach dem Alltag

Neue Synagoge und Gemeindezentrum in Gelsenkirchen Foto: picture alliance / imageBROKER

»Werden hier die jüdischen Kinder getauft?«, fragt die ältere Dame in der ersten Bankreihe. Judith Neuwald-Tasbach, bis vor Kurzem Vorsitzende der Gemeinde, lächelt. »Juden taufen ihre Kinder nicht«, erklärt sie. Neuwald-Tasbach musste bei der Führung durch die Synagoge viele Fragen beantworten, und sie tat es mit Charme, Humor und Wissen.

Die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfuhren, was eine Tora ist, dass koscher nicht nur etwas mit Essen zu tun hat und eine Synagoge auch ein Haus des Lernens ist. Sie bekamen auch einen Einblick in den Alltag der Gemeinde mit ihren 300 Mitgliedern. Etwa den, dass es eine sehr aktive Gruppe gibt, die sich um erkrankte Mitglieder kümmert, oder dass es zwar kein jüdisches Altenheim in Gelsenkirchen gibt, aber einen eigenen Bereich in einem Zentrum der Arbeiterwohlfahrt.

hitlergruß Die Besucher hörten auch, dass bei Synagogen-Führungen Schüler auf die Frage, ob es an ihrer Schule ein Problem mit Antisemitismus gebe, mit Nein antworteten, obwohl der Hitlergruß dort an der Tagesordnung wäre, und dass eine Lehrerin die Gemeindevorsitzende fragte, ob man Juden an ihrem Blut erkennen könne. Antisemitismus prägt das Leben der Juden in Gelsenkirchen besonders stark, seit vor zwei Jahren circa 200 Personen mit antisemitischen Rufen versuchten, die Synagoge zu stürmen.

Wenn nicht zufällig wegen eines Spiels von Schalke 04 eine Hundertschaft der Polizei in der Nähe gewesen wäre, hätten die Angreifer es auch fast geschafft. »Wir können an unserem Tag der offenen Tür leider unsere Türen nicht öffnen, das ist zu gefährlich«, sagt der Geschäftsführer der Gemeinde, Max Mamrotski.

Antisemitismus prägt das Leben der Juden in Gelsenkirchen besonders stark, seit vor zwei Jahren circa 200 Personen mit antisemitischen Rufen versuchten, die Synagoge zu stürmen.

Viele Besucher waren es nicht, die den Weg zum Fest fanden. Diejenigen, die trotzdem kamen, konnten sich an Waffeln, Kaffee und koscherem Wein erfreuen, eine Führung durch die Synagoge machen oder ihren Namen auf Hebräisch auf ein Blatt Papier schreiben lassen. »Das geht mit jedem Namen, das ist kein Problem«, sagte Vorbeter Nathi Prezel, der diese Arbeit mit Feder und Tinte erledigte.

Fast 20 der gut 40 Besucher nahmen so eine besondere Erinnerung an den Tag mit nach Hause. Eine von ihnen war Birgit Dehling aus der Nachbarstadt Gladbeck: »Ich habe schon seit Langem eine Beziehung zu dem Haus. Als Lehrerin besuchte ich mit meinen Schülern immer die Synagoge am Holocaust-Gedenktag. Mir war wichtig, dass sie auch das Schöne am jüdischen Leben kennenlernen.«

jewrovision Im Saal der Gemeinde wurden Filme gezeigt. Im Zentrum stand allerdings das Video des Jugendzentrums Chesed aus Gelsenkirchen, das bei der Jewrovision Mitte Mai in Frankfurt damit den Videopreis gewonnen hatte. Das eindrückliche Rap-Video war stark geprägt durch das Erlebnis des Angriffs auf die Synagoge 2021 und widersprach eigentlich dem Motto der Musikveranstaltung »Don’t Stop Believing«, wie Judith Neuwald-Tasbach sagte.

Die Gemeinde ist gut in der Stadt vernetzt, auch mit Schalke 04 sei die Zusammenarbeit gut, so Neuwald-Tasbach im April vor dem Heimspiel von Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen, als bekannt wurde, dass sie nicht erneut für den Vorsitz der Gemeinde kandidieren würde.

Früher, sagte Max Mamrotski, seien zum Tag der offenen Tür bis zu 100 Menschen gekommen. »Wegen Corona konnte diese Veranstaltung leider drei Jahre nicht durchgeführt werden. Es ist ein Problem, wenn eine Reihe unterbrochen wird. Aber mit dem Problem sind wir ja nicht allein.« Im nächsten Jahr kann es nur besser werden.

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