Weimar

Eine Wand voller Botschaften

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vor der Kunstinstallation »Verschwindende Wand« am Jom Haschoa auf dem Theaterplatz in Weimar Foto: imago images/Thomas Müller

Es ist auf den Tag genau 76 Jahre her, dass amerikanische Soldaten das Konzentrationslager auf dem Ettersberg nahe Weimar befreiten. Der 11. April 1945 ist seitdem Gedenktag.

Es ist ein sonniger Vormittag, als vor dem Deutschen Nationaltheater Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Platz betritt. Er sei gekommen, um sich an jenem Tag bei allen zu bedanken, die sich gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Radikalisierung einsetzten. Im Theater wird er – ohne Publikum – bei einer Online-Übertragung seine Worte in die Welt schicken und damit auch zu jenen Menschen sprechen, die sonst zum Gedenken nach Weimar gekommen wären.

Schon der 75. Jahrestag musste – pandemiebedingt – im vergangenen Jahr abgesagt werden. Auch in diesem Jahr gab es keine Begegnungen, dafür Gespräche via Internet mit zwei der letzten aktiven Überlebenden. Online-Plattformen sind entstanden, virtuelle Rundgänge und Gesprächsangebote.

Überlebende Auch Naftali Fürst ist an jenem Nachmittag virtuell zu Gast, wenn in einer kleinen Talkrunde an die Befreiung des Lagers erinnert wird. Er war damals zwölf Jahre alt und hat mehr als 60 Jahre nicht über das Vergangene gesprochen. Erst 2005 fand er den Weg zu einem Treffen mit Überlebenden. Seitdem war dieser Tag im April jährlich ein fester Termin in seinem Kalender. Seine Worte und die von knapp 100 anderen Überlebenden geben jenem Tag eine besondere Bedeutung. Denn: Mitten auf dem Theaterplatz steht als Kunstinstallation eine Wand aus 1600 Holzklötzchen.

1600 Botschaften – Vermächtnisse der Überlebenden – zum Mitnehmen.

Wie in Regalreihen sind sie übereinander gestapelt. Es sind Zitate jener Personen, die mit den dunkelsten Kapiteln der Menschheit in ihren jüngsten Jahren konfrontiert waren und dennoch Mut, Anstand und Würde bewahren sollten und einen Neuanfang für Europa erträumten.

Auch Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, ist an diesem Tag in Weimar. Gemeinsam mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora hat das Goethe-Institut diese Installation errichtet.

Kunstinstallation Ursprünglich hat eine russische Studentin die Wand 2013 als Idee kreiert. In Moskau sei sie auch zum ersten Mal gezeigt worden, »zum Jahrestag des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion, dann in Israel, später in 16 europäischen Städten, jetzt steht sie erstmals in Deutschland«, erzählt Carola Lentz, die über ihre Aufgabe spricht, das Erinnern mithilfe dieser Botschaften wachzuhalten. Die Zitate seien »von bekannten und weniger bekannten Überlebenden und reflektieren Erfahrungen, sind aber auch ein Auftrag für künftige Generationen«.

»Jeder Einzelne kann die Würde von jedem anderen Individuum respektieren oder jemandem in Not eine helfende Hand reichen«, schrieb Jack Unikowski. »Ich bin in den Lagern ein Europäer geworden«, so Pierre Sudreau.

Zwei Tage lang blieb die Wand in Weimar und lud Menschen ein, die Gedanken der Überlebenden zu lesen und mitzunehmen.

»Die Botschaften heißen heute für mich: Kampf gegen Rechtsradikalismus, gegen alles, was illiberale Tendenzen fördert und das alles fortzuführen, sich für die demokratischen Ideale einzusetzen«, sagt Carola Lentz.

1600 Klötzchen zum Mitnehmen – eine Idee, die gut ankommt bei den Menschen an jenem Morgen auf dem Theaterplatz. Zwei Tage lang blieb die Wand in Weimar und lud Menschen ein, die Gedanken der Überlebenden zu lesen und mitzunehmen.

Studenten Auch drei junge Studierende aus Süddeutschland wollten mehr über diese Aktion wissen. Tage zuvor waren sie mit einem Info-Stand für »Amnesty International« in der Innenstadt präsent. Passanten hätten sie auf die Aktion aufmerksam gemacht.

Sie wollten sich auch ein Holzklötzchen mit nach Hause nehmen, »gerade weil die Generation, die es ja noch erlebt hat, langsam nicht mehr hier ist und wir das auch so nicht mehr mitbekommen haben, sondern nur noch in den Schulbüchern lesen«, sagt der 20-jährige Psychologiestudent Martin.

Dorothee Schlüter von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora weiß, dass das Erinnern künftig ohne die unmittelbaren Zeitzeugen auskommen müssen wird: »Noch gibt es Überlebende, die haben dieses Jahr zum Glück noch große Beiträge geleistet, zum Beispiel durch ein Interviewprojekt. Und tatsächlich ist es ein Thema, dass wir auf die neuen Generationen mit neuen Formaten zugehen müssen.«

Zwangsarbeiter Erst vor wenigen Tagen war Günter Pappenheim im Alter von 95 Jahren gestorben, einer, der zur festen jährlichen Runde der Überlebenden gehörte. Dass er aus einer jüdischen und sozialdemokratischen Familie stammte und später französischen Zwangsarbeitern half, war ihm einst im Jugendalter zum Verhängnis geworden.

Im KZ Buchenwald auf dem Ettersberg und seinen 139 Außenlagern waren bis 1945 insgesamt fast 280.000 Menschen inhaftiert. Mehrt als 56.000 überlebten die Torturen nicht.

»Es gibt nicht die Botschaft der Überlebenden«, sagt an jenem 76. Gedenktag der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, als er den Bundespräsidenten zur »Verschwindenden Wand« führt. »Die Welt der Überlebenden ist vielfältig. Es eint sie aber eines: die tiefe Überzeugung davon, dass wir in einer demokratischen, einer humanen Gesellschaft leben müssen, die Rassismus, Antisemitismus und jegliche Hetze gegen Minderheiten ablehnt. Und das wird man diesen Botschaften auch entnehmen können«, betont Wagner.

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