Weltmeisterschaft

Ein Thema, sieben Minuten

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Alon Cohen und Ro’ee Levy sind enttäuscht, lassen sich aber nichts anmerken. Gerade ist ihr Antrag gegen die »Finanzierung von Rohstoffabbau durch internationale Entwicklungsunternehmen in korrupten Staaten« im Unterhaus nach einer harten Debatte abgelehnt worden. Schon bereiten sie sich auf den nächsten Antrag vor, ohne das Thema zu kennen: Finanzreform, Innenpolitik, Genderfragen? Kein Problem: Alon und Ro’ee, Teilnehmer der World Universities Debating Championship (WUDC) in Berlin, gehören zu den Besten.

Im vergangenen Jahr fand die WUDC in Manila statt, diesmal ist Berlin der Austragungsort. 800 Redner von 278 internationalen Universitäten sind in die Technische Universität gekommen, um sich über neun Tage in insgesamt 925 Debatten zu messen. Debattiert wird nach dem British Parliamentary Style, bei dem die Pro-Seite mit zwei Zweier-Teams gegen eine genauso große Contra-Seite einen vorgegeben »Antrag« verteidigt, wie im britischen Unterhaus. Jeder Debattierende hat sieben Minuten Redezeit. Eine Jury entscheidet, welche Seite am überzeugendsten argumentiert hat.

Leistungen »Es macht süchtig«, sagt Ro’ee, der in Tel Aviv Wirtschaft studiert. Als ihn sein Freund Alon vor ein paar Jahren zu einer Debatte mitgenommen hat, war er gleich gefangen: »Man trainiert seinen Geist und kann sofort seine Leistungen messen.« Für den Politikstudenten Alon ist es ein Sport, wie Tennis oder Schach. Die israelischen Debattenteams sind gefürchtet. In Manila haben die Nevo-Brüder, Omer und Sella, die Weltmeisterschaft gewonnen. In diesem Jahr sind 29 Israelis dabei.

Das WUDC ist eine Mischung aus akademischer Konferenz, UN-Sitzung und Sommercamp für Erwachsene. Mit Betonung auf Letzterem – schon der Begrüßungstüte liegen Kondome bei. »Für viele gilt: What happens in Berlin stays in Berlin« erklärt Alon. Auch sonst ist jedes Klischee, das über Debattierwettbewerbe herrscht, falsch. Unter den Teilnehmern gibt es ausgemachte Nerds genauso wie Collegeanwärter mit Aktentasche. Ihnen allen sind nur zwei Dinge gemein: eine große, fast sichtbare Intelligenz und Redelust. Muss ein guter Debattierer auch streitsüchtig sein? »Privat gehe ich Konflikten eher aus dem Weg«, sagt Ro’ee.

»Eine gute Debatte ist nicht mit einem Streit zu vergleichen. Sie basiert nicht auf Emotionen oder auf persönlichen Angriffen, sondern auf Logik.« Ihm haben die Debatten vor allem bei Essays und öffentlichem Sprechen geholfen. Eine angestiegene Streitlust kann er nicht feststellen – »das passiert vor allem anderen«. Alon fügt hinzu: »Debatten sind leider kein großer Bestandteil des israelischen Alltags – Streitereien hingegen schon.«

Die Redner versammeln sich im großen Saal des Hauptgebäudes der TU, um auf der Leinwand das nächste Thema zu erfahren. Dann haben sie 15 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten, Argumente abzuwägen und vorherzusagen, eine Strategie zu entwerfen. »Weil wir schon so lange ein Team sind, können wir fast in Stichwörtern kommunizieren. Vor allem braucht man ein bisschen Koffein oder Zucker«, sagt Alon. Das Thema der nächsten Debatte lautet: »Sind sich als ›fortschrittlich‹ verstehende weiße Männer moralisch dazu verpflichtet, auf Führungspositionen zu verzichten, wenn sie im Wettbewerb mit gleichwertig qualifizierten Kandidaten aus historisch benachteiligten Gruppen kommen?«

Die Teilnehmer schwärmen aus. Kurz darauf sitzen Srishti und Oskar in einem kleinen Raum im Mathematikgebäude und taktieren. Die beiden studieren in London und sind ein auffälliges Team: Srishti ist zierlich und kommt aus Indien, Oskar ist groß, trägt ein Obama-Shirt mit weißem Sakko, eine Kette mit Magen David und eine bunte Kippa. Die folgende Debatte ist eine Freude. Sie ist intensiv, intellektuell und lebendig. Oskar gibt mit lauter Stimme zu bedenken, dass in den USA im Kongress und im Senat mehr Männer mit dem Namen Cohen als schwarze Frauen sitzen. Srishti hat sich ein Nashorn aus Stoff als Glücksbringer mitgebracht.

Musik Wie im britischen Unterhaus können während des Beitrags Fragen gestellt werden, die die Redner aber nicht anhören müssen. Srishti und Oskar stehen auf, sagen »Madam!«, Brittany sagt »No, thank you« und macht eine wegwerfende Bewegung, die beiden setzen sich wieder. Immer und immer wieder. In solchen Momenten ist die Debatte fast wie ein Stück Musik. Am Ende liegen Oskar und Srishti und die Schotten Ross und John deutlich vorn.

Später erklärt Oskar, warum es hier so viele jüdische Teilnehmer gibt, egal aus welchem Land. »In den meisten jüdischen Familien wird viel Wert auf Wortgewandheit und Streitkultur gelegt. Das passt einfach. Und angeblich sollen viele Juden ja nicht sonderlich athletisch sein und suchen sich weniger körperliche Sportarten.« Er fühlt sich in der Debatten-Community sehr wohl und hat den Berlinbesuch genutzt, um mit anderen Teilnehmern den Gottesdienst in der Synagoge Oranienburger Straße zu besuchen.

Konflikte gibt es trotzdem. Parallel zum Wettbewerb wird über den Austragungsort 2015 entschieden. Neuseeland und Malaysia haben sich beworben. »Malaysia würde uns, sagen wir, vor ein paar Probleme stellen«, sagt Michael Shapira von der israelischen Delegation. Offiziell dürften Israelis dann nicht einreisen, eine Teilnahme wäre also sehr unwahrscheinlich.

Malaysia Zwei Tage später – Alon und Ro’ee sind inzwischen im Viertelfinale – wird abgestimmt. Auckland unterliegt Kuala Lumpur, mit 41 gegen 57 Stimmen. Mai Mokhsein, Ausrichter des Wettbewerbs in Malaysia, möchte das israelische Team aber beruhigen: »Wir sind zuversichtlich und arbeiten eng mit dem Tourismusministerium zusammen, um allen Israelis eine sichere Einreise zu ermöglichen.« Michael Shapira ist etwas reservierter: »Auch wenn wir uns für Malaysia freuen, sind wir natürlich trotzdem besorgt.«

Oskar sieht den Konflikt distanziert. »In diesem Jahr konnte zum Beispiel das Team aus Sierra Leone nicht kommen. So etwas passiert immer. Außerdem haben die meisten Israelis einen zweiten Pass.« Deswegen gab es schon Konflikte mit einzelnen Teilnehmern aus Israel. Für ihn ist der Konflikt vor allem eins: Ein Symbol für den wachsenden Graben zwischen israelischen und Diasporajuden. Auf den Debattenwettbewerb hat das keinen Einfluss: »Wir sind trotzdem alle gute Freunde.«

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