Corona

Der Lage angemessen

Der Thüringer Landesrabbiner Alexander Nachama Foto: imago images/Karina Hessland

Nicht weiter als 15 Kilometer sollen sich Menschen, die in sogenannten Corona-Hotspots leben, von ihrem Wohnort entfernen dürfen. Hinzu kommen mancherorts nächtliche Ausgangssperren und weitere Einschränkungen.

Hotspot Ein solcher Hotspot war in der vergangenen Woche die Stadt Worms, südlich von Mainz. Seit Mitte vergangener Woche herrscht hier eine nächtliche Ausgangssperre, der Bewegungsradius ist eingeschränkt – Regelungen, die vom rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium angeordnet wurden, als die Sieben-Tage-Inzidenz auf einen Wert von mehr als 300 angestiegen war. Mittlerweile ist der Inzidenzwert wieder etwas gesunken.

Stella Schindler-Siegreich, die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, lebt in einem Vorort von Worms, das zur Jüdischen Gemeinde Mainz gehört. Daher bekomme sie eigentlich wenig direkt mit von den verschärften Maßnahmen, sagt die 72-Jährige. Vorsichtig und umsichtig in ihrem Verhalten sei sie schon die ganzen vergangenen Monate gewesen – aufgrund ihres Alters und gewisser Vorerkrankungen. »Ich habe meine Kontakte sowieso schon aufs Telefonieren und auf digitale Kontakte reduziert.«

Beim wöchentlichen Einkauf meide sie die Hauptzeiten und sei generell wenig unterwegs. »Doch seit die Corona-Zahlen gestiegen sind, meide ich jetzt auch den Park, den ich sonst liebe, weil dort noch andere Menschen unterwegs sind.« Sie sei einfach noch vorsichtiger geworden und versuche, sich – soweit möglich – zu schützen.

TErmine Fuhr sie sonst ein- bis zweimal die Woche noch nach Worms, beschränkt sie sich jetzt vollkommen auf ihren Vorort. Termine bei Ärzten und ihrem Physiotherapeuten hat sie abgesagt. Ohne triftigen Grund darf zurzeit nach 21 Uhr niemand die Wohnung verlassen. Die Einhaltung der vor einigen Tagen erneut verschärften Corona-Regeln wird nun streng kontrolliert.

»Ich bleibe in meinem Vorort und bin hier in den Feldern unterwegs«, sagt Schindler-Siegreich. In ihrem Alter könne sie den Alltag flexibel und frei gestalten, im Gegensatz zu der jüngeren, arbeitenden Generation mit Kindern.

Soziale Kontakte vermisst sie, insbesondere auch zu den Enkelkindern. »Natürlich fehlen mir diese Begegnungen, aber auch das normale gesellschaftliche Leben, einfach auch andere Kontakte und Reize, die muss man sich jetzt selbst schaffen.« Die 72-Jährige nimmt sich bewusst für den Tag vor, Freunde anzurufen, oder schaut sich eine Ausstellung oder einen Vortrag im Internet an. »Das klingt alles so banal, aber es sind Möglichkeiten, in gesellschaftlich-geistiger Verbindung zu bleiben.«

Gottesdienste Obwohl in vielen Bundesländern Gottesdienste von der 15-Kilometer-Regel ausgenommen sind, finden vielerorts derzeit keine statt. Das bestätigt auch Elena Miropolskaja, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde »Wiedergeburt« Oberhavel. »Die durch Corona erforderlichen Abstände könnten nicht eingehalten werden, dazu haben wir zu wenig Platz«, sagt Miropolskaja.

Für die Mitglieder sei man aber weiterhin da. »Wir dürfen vor allem unsere Senioren nicht isolieren«, betont sie. »Die meisten von ihnen sind schon sehr alt und wohnen allein. Sie brauchen unsere Hilfe, selbstverständlich bei Einhaltung aller Schutzregeln.« Isolation mache depressiv, erklärt sie, deswegen dürfen die Mitglieder auch weiterhin in die Gemeinde kommen. »Am Wochenende bieten wir Begleitung bei Spaziergängen an. Natürlich achten wir auch hierbei auf die Einhaltung der vorgegebenen Schutzregeln, Ausflüge sind momentan nicht möglich.«

»Wir haben drei Standorte«, erklärt Rabbiner Alexander Nachama, »das sind Jena, Erfurt und Nordhausen, aber nur in Erfurt finden weiter Gottesdienste statt.« Die Synagogen in den anderen beiden thüringischen Städten seien räumlich zu klein, »die vorgeschriebenen Abstände einzuhalten, wäre einfach nicht möglich«.

Abstandsregeln Für die Gottesdienste in Erfurt gilt neben der Abstandsregel natürlich auch die Maskenpflicht. »Regelmäßig wird gelüftet, es findet kein Kiddusch statt, und auf Gesang wird natürlich auch verzichtet.«

»Momentan dürfen nur Gemeindemitglieder an den Gottesdiensten teilnehmen. Viele wohnen direkt im Umkreis und können die Synagoge zu Fuß erreichen.« Grundsätzlich merke man aber schon, »dass es vielen Betern jetzt wichtiger als vor der Pandemie ist, in die Synagoge zu kommen«. Für viele seien die Gottesdienste der einzige Termin, an dem sie andere Gemeindemitglieder sehen können. »Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist in diesen Zeiten schon sehr groß.«

Gemeindeleben An das gewohnte Gemeindeleben sei schließlich derzeit nicht zu denken. »Das ist schon belastend«, sagt Nachama. »Alles, was auch online gemacht werden kann, wird online gemacht.« Mit virtuellen Angeboten erreiche man allerdings nur die jüngeren Mitglieder, der Kontakt zu den älteren wird telefonisch gehalten. »Jeden Freitag versuche ich, einige der Senioren, von denen ich weiß, dass sie nicht kommen werden, anzurufen.«

Die Plätze in der Synagoge sind markiert, für Vergessliche hält man Masken bereit, außerdem steht genug Desinfektionsmittel zur Verfügung. Grund zur Entspannung gebe es aber nicht. »Man macht sich ständig Gedanken darüber, ob die getroffenen Vorkehrungen auch wirklich ausreichen«, gibt Nachama zu. »Andererseits leben wir jetzt nun schon fast ein Jahr mit dem Virus und den Hygieneregeln, gegebenenfalls können wir sie auch noch weiter verschärfen.«

Auch wenn die Infektionszahlen im bayerischen Bamberg von denen in den Corona-Hotspots weit entfernt sind und die Landes-Corona-Verordnung für Gottesdienste Ausnahmen von der 15-Kilometer-Regel vorsieht, finden in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg derzeit keine Gottesdienste statt. »Unser Einzugsbereich ist sehr groß«, erklärt die Gemeinderabbinerin Yael Deusel, »und da haben unsere Leute doch große Bedenken, ob sie es schaffen, vor dem Beginn der abendlichen Ausgangssperre wieder zu Hause zu sein.«

»Man hat immer Angst, dass die Maßnahmen nicht ausreichen.«

Landesrabbiner Alexander Nachama


Ein Gemeindemitglied habe extra bei der Polizei angerufen, die ihm mitgeteilt habe, dass »man natürlich von ihm nicht verlangen werde, im Betsaal zu übernachten, falls es etwas später werde«, berichtet die Rabbinerin. »Wenn die Leute Bedenken haben, ist keine Andacht dabei. Und wir möchten natürlich niemanden in Gefahr oder Verlegenheit bringen.« Da viele Gemeindemitglieder außerdem berufstätig seien, könne man den Beginn des Gottesdienstes nicht vorverlegen.

Parascha Seit dem Beginn der neuerlichen Einschränkungen im Dezember trifft man sich stattdessen bei einer »Zoom«-Konferenz »freitags zum Schabbat-Eingang zu einem virtuellen gemeinsamen Kerzenzünden, dazu gibt es Gedanken zum Kabbalat Schabbat und anschließend einen rund 30-minütigen Schiur zur Paraschat HaSchawua«. Dazu gehöre neuerdings auch ein Gebet für die »Helfer, für diejenigen, die in Bedrängnis sind, krank sind, jemanden verloren haben«. Das Angebot werde sehr gut angenommen. »Gottesdienst ist Gemeinschaft, und wenn es nicht anders geht, dann eben via Zoom.«

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