Jubiläum

Brücke zur Moderne

Auf dem Podium: Mirjam Thulin, Christoph Markschies, Elke-Vera Kotowski, Walter Homolka (v.l.) Foto: Tobias Barniske

»Etwas über die rabbinische Literatur« – hinter diesem schlichten Aufsatztitel verbarg sich 1818 nicht weniger als ein Umbruch. Als der Student Leopold Zunz (1794–1886) seinen wegweisenden Aufsatz verfasste, der nicht nur zum Meilenstein in der akademischen Welt, sondern auch ein Aufbruch in die jüdische Moderne werden sollte, war er gerade einmal 20.

Mit seinem Text legte er nicht nur den Grundstein für die »Wissenschaft des Judentums«, eine Idee, die Rabbiner Abraham Geiger (1810–1874) rund 50 Jahre später umsetzte, sondern regte damit auch eine Debatte an, in deren Folge sich die drei zentralen Strömungen des Judentums formierten: liberal, konservativ, orthodox.

bewegung Als Zunz schon fast 80 Jahre alt war, entstand in Berlin die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums als Ausdruck einer wissenschaftlich-emanzipatorischen Bewegung, zu der er wesentlich beigetragen hat.

Der Einfluss der damaligen Hochschule auf das liberale Judentum ist bis heute spürbar.

Akademisches und politisches Ziel Geigers war eine Gleichberechtigung der jüdischen Theologie innerhalb der Theologien und universitätsbezogenen Disziplinen – eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. 1883, zur Zeit des Berliner Antisemitismusstreits, wurde der Hochschule ihr Titel wieder aberkannt.

Von 1919 an durfte sich die Lehranstalt wieder Hochschule nennen, bis ihr die Nazis 1934 diesen Status gewaltsam wieder entzogen. Bis zu ihrer erzwungenen Schließung 1942 hatte die Hochschule mehr als 730 Studierende, darunter auch Regina Jonas (1902–1944), die erste Rabbinerin weltweit überhaupt.

Ihr letzter Leiter war Leo Baeck. Der große Rabbiner war zudem seit 1933 auch Präsident der Reichsvertretung der Deutschen Juden.

VERGEGNUNG Am 6. Mai 2022 jährt sich die Eröffnung der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zum 150. Mal. Aus diesem Anlass würdigten am Dienstag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zahlreiche Gäste aus Politik und Gesellschaft die Verdienste der Gründungsväter der Wissenschaft des Judentums und ihrer Hochschule, darunter der Zentralrat der Juden in Deutschland, die Leo Baeck Foundation, das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam und die Moses Mendelssohn Stiftung.

Angelehnt an den Begriff der »Vergegnung« des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber beschrieb Gastgeber Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, das antijüdische akademische Klima, mit dem die jüdischen Gelehrten im 19. und 20. Jahrhundert zu kämpfen hatten.

Auf der anderen Seite der Spree waren die jüdischen Gelehrten aus der damaligen Artilleriestraße allenfalls Gäste.

»Ismar Elbogen wäre ein idealer Akademiker für die vormalige Preußische Akademie der Wissenschaften gewesen«, sagte Markschies. Doch die Gelehrten aus der Artilleriestraße, dem Sitz der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, seien in der Universität auf der anderen Seite der Spree allenfalls »Gäste« gewesen.

Dass Zunz und Geiger mehr im Blick hatten als die akademische Verankerung jüdischer Themen, machte Walter Homolka in seinem Grußwort deutlich. »Zunz ging es darum, die jüdische Literatur und Geschichte an der Universität vertreten zu lassen«, sagte der Vorsitzende der Leo Baeck Foundation und Rektor des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam, das sich in der Tradition der Hochschule sieht.

Geiger sei es darum gegangen, »durch die historisch-kritische Methode eine Brücke zu schlagen zwischen Tradition und Moderne: um die Veränderbarkeit der jüdischen Religion und Anpassung an die Umstände der Gegenwart«.

TUCHOLSKYSTRASSE Wie folgenreich die Gründung war, zeigt ein Ausspruch des früheren israelischen Staatspräsidenten Zalman Shazar (1889–1974), der selbst eine Zeit lang in Berlin studiert hatte. Die Wissenschaft des Judentums sei »die bedeutendste Gabe, die das deutsche Judentum dem Gesamtjudentum schenkte«.

Die Namen der Gelehrten und Lernenden der Hochschule lese sich »wie ein ›Who’s who‹ des liberalen deutschen Judentums über mehrere Generationen hinweg, das durch die Schoa weitgehend vernichtet wurde«, sagte Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in seinem Grußwort. »Durch Flucht und Emigration konnte es in einigen Teilen der Welt, vor allem in den USA, bewahrt werden«, so Lehrer. Der Einfluss der damaligen Hochschule auf das liberale Judentum sei bis heute spürbar.

Als der Zentralrat 1999 von Bonn nach Berlin zog, habe er sich ganz bewusst für die Tucholskystraße als Standort entschieden.

In der Tradition dieses Erbes verstehe sich auch der Zentralrat der Juden in Deutschland, betonte Lehrer. Als der Zentralrat 1999 von Bonn nach Berlin zog, habe er sich ganz bewusst für die Tucholskystraße als Standort entschieden – die frühere Artilleriestraße 14 mit dem Löwen von Juda am Eingangsportal. Der Zentralrat habe damit auch an die Geschichte des deutschen Judentums anknüpfen wollen, wie es zu Beginn des Nationalsozialismus bestanden hatte.

»Der Zentralrat und seine Institutionen knüpfen an diese Arbeit im Sinne der ›Einheit in der Vielfalt‹ auf unterschiedlichen Wegen an«, sagte der Zentralratsvize. Er verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Initiative von Rabbiner Nathan Peter Levinson – einem früheren Studenten von Leo Baeck –, eine jüdische Ausbildungseinrichtung in Deutschland einzurichten. 1979 wurde daraufhin in Heidelberg die Hochschule für Jüdische Studien in Trägerschaft des Zentralrats gegründet, die sich ebenfalls als einer der Erben der Berliner Hochschule versteht.

GEBORGENHEIT Auf Nathan Peter Levinson ging auch Rabbiner Andreas Nachama ein, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland. Selbst in dunkelsten Zeiten, zitierte er Levinson, sei die Hochschule ein »Ort der Geborgenheit« gewesen. Bis zuletzt hatten hier jüdische Gelehrte unterrichtet, jüdische Studenten gelernt.

Mit einem der prominentesten Zitate von Regina Jonas betitelte Sonja Guentner ihr Grußwort: »Gott hat nicht nach dem Geschlecht gefragt«. Die Vorsitzende der European Union for Progressive Judaism erinnerte darin an die Berlinerin Regina Jonas, die 1935 als weltweit erste Frau zur Rabbinerin ordiniert wurde. Heute würden in Jonas’ Nachfolge weltweit weit mehr als 1000 Rabbinerinnen in progressiven und in konservativen Gemeinden amtieren, »auch in Berlin«. Und auch in der Orthodoxie seien »mehr und mehr Aufbrüche von Frauen hin zum geistlichen Amt zu beobachten«, sagte Guentner.

Auch damit erfüllt sich nun 150 Jahre später eine Hoffnung, die 1818 mit einem schlichten Aufsatz begonnen hatte.

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