Wenn die Fußgänger in diesem Spätsommer durch die Münchner Altstadt spazieren, passieren sie viele, auf den ersten Blick unscheinbare Straßen und Ecken. Doch hinter einigen dieser Orte steckt die lebendige jüdische Geschichte der Stadt, die erst das geschulte Auge wieder ins Zentrum rückt. In der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) ist es Stadtführer Chaim Frank, der diesen Blick in die Vergangenheit seit vielen Jahren pädagogisch zu vermitteln weiß.
»Überall, wo ich lebte, hat mich die jüdische Geschichte interessiert«, erklärt Frank seine Berufung zum Stadtführer durch das jüdische München. Für mehrere Jahrzehnte begleitete er interessierte Zuhörer durch die Altstadt, durch das Gärtnerplatzviertel, bis nach Schwabing und über den Alten Israelitischen Friedhof. Damit machte er oft jene Orte wieder lebendig, auf die heute nicht einmal eine historische Gedenktafel hinweist.
Leidenschaft für das lebendige Erinnern
Seine eigentliche Heimat ist ihm München aber nicht wirklich geworden. Geboren in einem DP-Lager in Wien, studierte Frank in Wien Kunstgeschichte und später Judaistik, arbeitete in Paris als Kunstrestaurator und kam 1984 eher zufällig nach München. Seine Frau, eine Opernsängerin, hatte eine berufliche Chance beim Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks ergriffen, ihre Karriere sollte sie aber bald weiter durch die Welt führen, und Chaim Frank blieb in der Münchner Kehilla. Seine Leidenschaft für das lebendige Erinnern konnte Frank für viele Jahre mit dem von ihm geschaffenen Dokumentations-Archiv für Jüdische Kultur und Geschichte umsetzen. Das seit 1984 bestehende biografische Archiv über jüdische Künstler aus aller Welt befindet sich mittlerweile an der Universität von Olmütz in Tschechien.
Die liebste Stadtführung ist für Frank jene, die durch die ältesten Schichten jüdischer Vergangenheit in der Münchner Altstadt führt. Sie endet in der Westenriederstraße am Viktualienmarkt, wo es im frühen 19. Jahrhundert eine Synagoge gab, mit einer von vielen Anekdoten aus Franks Repertoire. Gleich daneben steht nämlich das Wohnheim der Werner-Friedmann-Stiftung für bedürftige, ältere Künstler. Friedmann, selbst jüdischer Herkunft, war einer der wichtigsten Journalisten und Verleger im Nachkriegsdeutschland. In früheren Zeiten versammelten sich sonntags immer zahlreiche Schaulustige unter einem der Fenster des Hauses, um der Fensterbank-Arie einer Sopranistin im Ruhestand zu lauschen.
»Überall, wo ich lebte, hat mich die jüdische Geschichte interessiert«, erklärt Chaim Frank.
Mittlerweile benötigt Frank einen Gehstock, die langen Wege fordern ihn mehr als früher. Offizielle Stadtführungen gibt er außerhalb der jüdischen Gemeinde nicht mehr. Vom Gemeindezentrum am Jakobsplatz aus führt seine Altstadt-Führung am ehemaligen Kaufhaus von Heinrich Uhlfelder vorbei, das den gesamten Häuserblock zwischen Oberanger, Rosental und Nissergasse einnahm. Nach der Verwüstung in der Pogromnacht 1938 gelang der Familie Uhlfelder die Flucht in die USA, ein Wiederaufbau des Kaufhauses nach dem Krieg scheiterte.
Bereits 1229 ist mit »Abraham der Municher« der erste jüdische Münchner nachgewiesen
Nur wenige Schritte sind es dann zum Marienhof. Zwischen Landschaftsstraße und Schrammerstraße befand sich im 14. Jahrhundert eine Judengasse und darin die 1381 fertiggestellte erste Synagoge Münchens. Bereits 1229 ist mit »Abraham der Municher« der erste jüdische Münchner nachgewiesen, doch die Ursprünge dürften noch weiter zurückliegen. Die jüdische Geschichte Münchens ist somit nicht wesentlich jünger als die urkundlich verbürgte Geschichte der Stadt selbst, die auf das Jahr 1158 datiert ist.
Aufgrund der Baustelle ist der Marienhof unzugänglich, ein wesentlicher Teil der Führung ist damit verschwunden, wie Chaim Frank bedauert. Unweigerlich drängt sich ihm die Assoziation auf, dass auch die jüdische Geschichte Münchens für rund 300 Jahre verschwand. Nach über einem Jahrhundert mit mehreren Pogromen vertrieb Herzog Albrecht III. im Jahre 1442 alle jüdischen Einwohner aus Altbayern und damit auch München. Die Judengasse wurde zur Gruftstraße, die Synagoge zur Marienkapelle und später zur Gruftkirche. Erst im 18. Jahrhundert begann sich jüdisches Leben wieder in München zu etablieren.
Gedankliche Parallelen zieht Frank immer wieder, zwischen den Katastrophen von 1442 und 1942, aber auch zwischen den Jahren 1891 und 1991, in denen jüdische Migration aus Osteuropa die Münchner Gemeinde bereicherte und vor neue Herausforderungen stellte. 1892 wurde die erste Synagoge Ohel Jakob in der Herzog-Rudolf-Straße eröffnet, deren orthodoxe Liturgie sich der Neugestaltung mit Orgelmusik in der Hauptsynagoge von 1887 in der Herzog-Max-Straße widersetzte. Der kleinere Neubau war durch Privatspenden unter anderem des Margarinefabrikanten Sigmund Feuchtwanger, Vater von Ludwig und Lion Feuchtwanger, möglich geworden.
Von der Herzog-Rudolf-Straße führt der Spaziergang zu den Orten der ersten Wiedergeburt der jüdischen Gemeinde: Im Tal 13 wurde 1763 in der Wohnung der Familie Abraham Wolf Wertheimer eine jüdische Gebetsstube eingerichtet, die bis zur Einweihung der Synagoge 1826 an der heutigen Westenriederstraße den Mittelpunkt der Gemeinde bildete. Im Tal wirkten Gemeindevorsteher Abraham Uhlfelder, vermutlich der Großvater des Kaufhausgründers Uhlfelder, und Rabbiner Hessekiel Hessel, die beide den Bau der Synagoge jedoch nicht mehr erleben sollten.