Den Rauch des Brandes konnte man sogar von der Autobahn bei Aachen aus sehen, berichtet Friedrich Thull, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Aachen. Das Feuer ist mittlerweile gelöscht, und auch der Wald- und Moorbrand im belgischen Naturschutzgebiet Hohes Venn südlich von Aachen konnte eingedämmt werden. Nordrhein-Westfalen sei von der anhaltenden Trockenheit trotz einiger Schauer stark betroffen, sagt der Geschäftsführer. Auch der Rasen im Synagogengarten sei durch die Hitze verbrannt. Dort habe das Day Camp des Jugendzentrums stattgefunden. »Ich weiß nicht, ob sich der Rasen noch einmal erholt.«
Auch Judith Neuwald-Tasbach lebt in NRW. Wenn sie durch ihre Stadt geht, ist sie deprimiert. »Der Sommer zeigt uns, wie schlimm unsere Zukunft aussehen könnte. Die Rasenflächen sind gelb, manche Bäume werfen bereits ihre Blätter ab.« Der Grund dafür war der ausbleibende Regen. Wochenlang hat es in Gelsenkirchen kaum geregnet, die Trockenheit ist immer noch deutlich spürbar. »In der Stadt wurde viel begrünt, doch inzwischen sind viele Grünflächen gelb und vertrocknet.«
Sparsam mit Wasser umgehen
Im kleinen Vorgarten der Alten Synagoge schwächeln die Sträucher und das Kirschbäumchen. Ebenso leiden die Pflanzen in ihrem eigenen Garten. Rund um eine kleine Wiese hat Neuwald-Tasbach Sträucher und Blumen gepflanzt. Die Hortensien sind inzwischen verblüht, doch die Teerose trägt noch immer prächtige Blüten. »Ich gieße nur die Pflanzen in den Töpfen und versuche, sparsam mit dem Wasser umzugehen.«
Morgens und abends füllt sie drei Vogeltränken mit Wasser und beobachtet, wie durstig die Tiere sind. Auch die Situation an den Flüssen bereitet ihr Sorgen. Rhein und Elbe führen derzeit deutlich weniger Wasser. »Unsere Versorgung gerät unter Druck, weil Containerschiffe wegen des Niedrigwassers nicht mehr voll beladen fahren können.« Auch der Lebensraum etlicher Tiere schwindet dadurch. »Viele Fische leiden unter den hohen Wassertemperaturen und dem Sauerstoffmangel.«
Weiter sagt sie: »Gemäß Tikkun Olam ist jeder verpflichtet, aktiv zur Verbesserung der Welt beizutragen und sich zu kümmern, dass es allen gut geht.« Also hat sie Konsequenzen gezogen: Sie legt möglichst viele Wege zu Fuß zurück und verzichtet auf das Auto. Von der Politik wünscht sich Neuwald-Tasbach mehr Solaranlagen auf den Dächern und weniger versiegelte Flächen in den Städten. Es sollten Bäume gepflanzt, Grünflächen erhalten und mehr Wasserspender bereitgestellt werden.
Ein E-Auto anschaffen
»Die ganze Situation war für mich der Auslöser, mir ein E-Auto anzuschaffen«, sagt Jehuda Wältermann. Man hört ihm an, dass er sich ärgert. Vor allem über die Politik, die keine Ideen habe, wie mit der Trockenheit umgegangen werden kann. An den Blättern der Bäume könne man erkennen, dass es ihnen nicht gut geht. »Sie sind nicht mehr so kräftig grün.« Wältermann lebt in Oldenburg. Warum man sich Israel mit seiner Tröpfchenbewässerung nicht zum Vorbild nehme? Israel sei eines der wenigen Länder, in denen die Waldfläche in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Über die Idee einiger Forscher, technische Kühlsysteme zu bauen, kann er nur den Kopf schütteln. »Die Natur zeigt uns doch Möglichkeiten.« Man müsse sie aber auch zulassen.
»Alle Befürchtungen der Klimaforscher sind eingetreten.«
Christopher Willing
Ihm sei aufgefallen, dass die Obstbäume in seinem Garten weniger kräftig gedeihen und der Rasen gelb geworden ist. »Meine Frau und ich sind Waldfreaks. Wir gehen oft hier bei uns um die Ecke spazieren.« Doch der Zustand des Waldes sorgt nicht gerade für Entspannung. Auch der Gedanke daran, dass große Brände in Kanada und Europa wüten, belastet ihn. Er würde sich wünschen, dass die Politik noch stärker auf erneuerbare Energien setzt. »Ich sehe oft Windkraftanlagen, die stillstehen, etwa weil das Stromnetz überlastet ist oder der erzeugte Strom nicht ausreichend gespeichert werden kann. Andererseits sollen Gaskraftwerke gebaut werden, und es wird weiter auf fossile Energien gesetzt. Das kann doch nicht sein.«
Gleichzeitig werde über stark versiegelte Städte berichtet, die sich im Sommer extrem aufheizen. »Seit Jahren gibt es diese Bilder und Berichte. Da möchte ich wissen, warum man nichts dagegen unternommen hat.« Das macht ihn wütend und traurig zugleich. Und Wältermann fragt sich, was man den Kindern eigentlich hinterlasse. »Auf jeden Fall eine schlechtere Natur und schlechtere Perspektiven.«
Trinkwassergewinnung als eine der großen Herausforderungen der Zukunft
»Natürlich bin ich sehr besorgt«, sagt auch Christopher Willing aus Nordhessen. »Alle Befürchtungen der Klimaforscher sind eingetreten.« Willing studierte bereits vor Jahrzehnten Bauingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Abwasser- und Trinkwasseraufbereitung. Schon in den 80er-Jahren habe sein Professor davor gewarnt, dass die Trinkwassergewinnung zu einer der großen Herausforderungen der Zukunft werden würde. Weite Teile der Bevölkerung seien auf Grund- und Flusswasser angewiesen, darüber hinaus auch auf Stauseewasser. In den vergangenen Jahren habe sich jedoch kaum noch neues Grundwasser gebildet. »Alle Alarmglocken müssten läuten.« Aus seiner Sicht gibt es zahlreiche Fehler im Umgang mit der Ressource Wasser. Ein Problem sei etwa, dass Flüsse das Wasser heute zu schnell ableiten würden.
»Dadurch kann das Grundwasser nicht ausreichend aufgefüllt werden.« Hinzu komme, dass die Niederschläge, die zur Grundwasserneubildung beitragen, schnell abgeleitet werden, statt diese versickern zu lassen. »Die Schüttungen sind weniger geworden – es wird nicht genug Wasser den Grundwasserleitern zugeführt.« Gleichzeitig werde zu viel Grundwasser entnommen, ohne die Reserven ausreichend zu schützen – ein Teufelskreislauf.
Willing spricht von einem »Entwässerungskomfort«, den sich Deutschland über Jahrzehnte geleistet habe. »Wir tun zu wenig gegen den Klimawandel, entwässern weiterhin große Flächen und weisen immer neue Baugebiete aus. Jeder muss seinen CO₂-Fußabdruck reduzieren und sparsam mit Wasser umgehen. Nur so gibt es eine Chance.« Auf politische Entscheidungen allein zu warten, reiche nicht aus.
Das sieht Joachim Knöpfel aus Baden-Baden genauso. Er wundert sich, dass die Hitzewelle nicht zu einem Umdenken motiviert. »Wir werden alle dafür bezahlen müssen.« Venjamin Makarov macht gerade seine Ausbildung zum Bankkaufmann in Münster. »Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft«, sagt der 22-Jährige. Er sei überwiegend mit dem Rad unterwegs. »Ich würde von mir behaupten, dass ich kaum umweltschädlich konsumiere – außer bei Lebensmitteln.« Beim letzten Mitzvah Day hat er mit dem Dortmunder Jugendzentrum und seinen Azubi-Kollegen eine Aktion gestartet, um Kleidung zu recyceln. »Das ist unser Tikkun Olam.«