Als ich am 10. November 1992 zum ersten Mal nach Deutschland kam, trug ich ein T-Shirt. Damals herrschte einer der härtesten Winter, ich bekam einen Kälteschock. Meinen ersten Job trat ich auf dem Weihnachtsmarkt Unter den Linden in Berlin an, da half ich Freunden beim Backen von Burekas. Die gefüllten Blätterteigtaschen kamen gut an. Aus geplanten sechs Wochen wurden schließlich drei Jahre.
Hier kam ich erstmals mit dem Geigenbau in Berührung. Das war einem Zufall zu verdanken, denn im Flieger hatte ich meine zukünftige Frau kennengelernt. Einige Monate danach traf ich ihre Eltern und auch deren Nachbarn. Einer von ihnen war Geigenbaumeister. In seiner Werkstatt in Celle absolvierte ich eine dreijährige Lehre, später habe ich den Meister gemacht. Nach der Ausbildung habe ich als angestellter Geigenbauer in verschiedenen Werkstätten gearbeitet: in Münster, Hamburg und Hannover. Dann begann meine Selbstständigkeit.
Ich hatte keine Vorbehalte gegenüber Deutschland
Dass ich keine Vorbehalte gegenüber Deutschland hatte, mag daran gelegen haben, dass niemand aus meiner Familie vom Holocaust betroffen war. Die Menschen, auf die ich in Deutschland traf, kamen mir freundlich und zuvorkommend vor, Begegnungen mit Antisemiten hatte ich keine. Möglicherweise lag das an meinem Umfeld. Die Welt der klassischen Musik ist durch Kultur geprägt, und für meinen Beruf erhielt ich nur Zuspruch.
Geboren wurde ich in Ramat Gan, unweit von Tel Aviv. Ich bin das älteste von vier Kindern, neben zwei Brüdern habe ich eine Schwester. Ein Bruder lebt in Atlanta. So häufig wie möglich besuche ich meine Familie. Während meiner Kindheit und Jugend hatte ich nichts mit klassischer Musik im Sinn. In meiner Armeezeit habe ich als Hubschraubermechaniker gearbeitet. Ansonsten war ich immer sehr sportlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich liebe den Wassersport und habe Wellenreiten gemacht. Das fehlt mir in Deutschland, also habe ich hier mit dem Windsurfen begonnen.
Meinen Beruf empfinde ich als erfüllend, ich mag die Handarbeit mit Holz, es ist jedes Mal ein Erlebnis, feine Instrumente zu bauen, zu reparieren, ihnen zu einer Seele zu verhelfen. Ein Instrument spiele ich nicht, allerdings kann ich so ziemlich alles anspielen. In meinem Repertoire habe ich ungefähr zehn Modelle an Bratschen und Geigen vorrätig. Meine Modelle konstruiere ich nach dem Vorbild alter italienischer Instrumente. Dafür entwerfe ich zunächst eine Schablone, den Umriss, anschließend kommt die Wölbung, man versucht, das Äußere so zu konstruieren, dass man schließlich den idealen Klang erreicht. Im Grunde ist das Instrument nur ein Werkzeug, es liegt am Musiker, es durch das eigene Spiel zum Leben zu erwecken.
Es ist jedes Mal ein Erlebnis, feine Instrumente zu bauen.
Eine Geige ist das Ergebnis der Zusammensetzung unterschiedlicher Hölzer. Für die Decke verwende ich Fichte. Korpus, Hals und Boden bestehen aus Bergahorn. Das Zubehör wie das Griffbrett, der Saitenhalter sowie der Wirbel werden aus Ebenholz gefertigt. Auch den Öl-Lack mache ich selbst. Je nachdem, woran ich gerade arbeite, höre ich klassische Musik. Beim Ausarbeiten der Decke oder des Bodens brauche ich allerdings absolute Ruhe. Dafür wähle ich eine Zeit am Wochenende oder am Abend.
Ich nehme mir viel Zeit für die individuelle Beratung
Meinen Laden öffne ich nur nach Terminabsprache, ich nehme mir viel Zeit für die individuelle Beratung. Seit Corona arbeite ich allein. Mit den meisten Kunden bleibe ich in Kontakt, sie kommen spätestens zur Jahresüberholung wieder. Mit meinem Kunsthandwerk befinde ich mich in einer Nische: Geigenbauer können nicht durch KI ersetzt werden, auch nicht durch Massenware. Anfang der 2000er-Jahre, als die Chinesen begannen, preiswerte, industriell gefertigte Instrumente anzubieten, habe ich befürchtet, das könnte das Ende meines Berufs bedeuten. Doch bald stellte sich heraus, dass solche Industrieprodukte niemals ein Manufakturprodukt ersetzen können. Es gibt erhebliche Klangunterschiede.
Das ist ähnlich, wenn man ein Konzert besucht. Ich bin anspruchsvoll und extrem kritisch in dieser Hinsicht und höre jede noch so kleine Note heraus. Man kann wahrnehmen, wie genau gespielt wird. Musiker sind auch nur Menschen, und nicht immer ist man in Top-Form. Das Publikum bekommt das meist gar nicht mit.
Im September fliege ich zu Rosch Haschana nach Israel. Normalerweise bin ich ein- bis zweimal im Jahr bei meiner Familie. Doch schon nach zwei Wochen habe ich genug von der Hektik und freue mich auf die Ruhe in Deutschland.
Hannover empfinde ich inzwischen als mein Zuhause. Hier lebe ich seit 24 Jahren. Ich liebe die Stadt, meinen Freundeskreis, das viele Grün und das Wasser. Es ist ruhiger als Berlin, dort in der Nähe wohnen meine beiden inzwischen erwachsenen Töchter. Der größte Unterschied zu Israel ist das Klima. Ich vermisse das gute Wetter und das Meer. Meine erste Erfahrung in New York, wo ich nach der Armee 1991 für ein halbes Jahr gelebt habe, war es, im Sommer tagelang Regen zu erleben.
In Israel haben die Menschen mehr Temperament und sind offener
In Israel haben die Menschen zudem mehr Temperament und sind offener. Es gibt eine unglaubliche kulinarische Vielfalt, manchmal fehlt mir das. Ich koche gern, wenn ich Besuch habe. Vor allem liebe ich scharfes Essen, mit Peperoni oder Zhoug gewürzt. In Hannover gibt es libanesische und türkische Restaurants, Falafel und Schawarma, aber keine israelische Gastronomie.
Generell bin ich nicht ängstlich, doch ich gerate zunehmend ins Grübeln. Das Geschäft ist seit dem 7. Oktober 2023 zurückgegangen, auch durch die Inflation, die Darlehenszinsen sind relativ hoch, Ausgaben werden derzeit zweimal überdacht. Und ein Streichinstrument ist eine nicht unerhebliche Investition.
Glücklicherweise arbeite ich mit Musikschulen zusammen und vermiete Instrumente. Ob ich auch etwas anderes bauen könnte? Vermutlich schon, ich habe einmal einen Tisch gebaut. Und ein Backgammon-Spiel mit einem schönen Furnier. Als mich mein Vater besuchte, bekam er glänzende Augen. Also habe ich ihm vergangenes Jahr zum 80. Geburtstag ein Brettspiel gebaut, das war ungefähr eine Woche Arbeit. Er hat sich so darüber gefreut!
Der Rückgang in unserem Geschäft ist bereits seit 2015 spürbar, vieles verändert sich gesellschaftlich, Betriebe gehen pleite.
Der Rückgang in unserem Geschäft ist bereits seit 2015 spürbar, vieles verändert sich gesellschaftlich, Betriebe gehen pleite. Etliches wandert in den Online-Handel ab, die Bereitschaft, in die Kultur zu investieren, schwindet. Mein Laden ist das Gegenmodell zu Online-Plattformen. Er ist wie ein Showroom aufgebaut. Bei mir können die Instrumente angespielt werden, dabei kann ich den Klang einstellen. Wenn ich ein Instrument versenden würde, könnte ich nichts anpassen. Ich muss die Kunden im Umgang mit dem Instrument erleben.
Niemand in meiner Familie macht etwas Vergleichbares. Meine Eltern waren Polizisten. Tatsächlich habe ich eine sehr große Familie, mit vielen Onkeln, Tanten, Nichten und Neffen. Bei uns ging es immer bunt und lustig zu. Die Vorfahren meines Vaters kommen aus dem Irak, mein Vater ist 1951 als Kind ausgewandert. Meine Mutter wurde in Israel geboren. Ihre Vorfahren kamen ursprünglich aus Spanien, später sind sie in die Türkei geflohen, meine Großeltern kamen 1947 ins damalige Palästina.
Mit meinen Kindern habe ich früher Hebräisch gesprochen
Als ich mich entschied, in Deutschland zu bleiben, haben meine Eltern das akzeptiert. Mit meinen Kindern habe ich früher Hebräisch gesprochen. Die Mutter meiner Kinder ist Deutsche, doch sie fühlte sich der israelischen Kultur verbunden. Deshalb haben wir die christlichen wie die jüdischen Feste und Feiertage gefeiert. Ich bin nicht gläubig, aber ich mag Traditionen.
Seit dem 7. Oktober bin ich vorsichtiger geworden, ich schaue genauer hin, wenn mich jemand nach meiner Herkunft fragt. Denn in diesem Punkt bin ich ganz realistisch, die Situation wird sich nicht von allein verbessern. Wenn man jetzt nichts unternimmt, in dem Sinn, dass man die Radikalen in ihre Schranken weist, wird sich die Lage weiter zuspitzen.
Überall auf der Welt erleben wir, was passieren kann, wenn Menschen frustriert sind. Seit zwei Jahren habe ich meinen deutschen Pass. Neben meinen deutschen Freunden sind auch Iraner, Palästinenser, Kurden, Marokkaner, Tunesier und Syrer in meinem Bekanntenkreis. Unter uns ist die Politik kein Problem. Denn Menschen, die hier angekommen sind, die hier arbeiten wollen und integriert sind, verhalten sich vollkommen anders als jene, die in Parallelgesellschaften leben, die sich nicht integrieren wollen.
Ich hoffe sehr, dass sich die Situation auch in Israel verbessern wird. Wir werden sehen, was die Wahlen bewirken.
Aufgezeichnet von Alicia Rust