Würzburg

Auf Spurensicherung

Eigentlich wollte der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, den Fokus auf die jahrhundertealte jüdische Geschichte in Deutschland vor 1933 richten. Doch schon bei seinem ersten offiziellen Termin in Würzburg, einer Veranstaltung zum Thema Stolpersteine und der Rolle der Polizei im »Dritten Reich«, holte Schuster der Holocaust wieder ein.

Es gehe hier nicht um einen Wunschtermin, sagte er vor Beginn der Veranstaltung bei der Würzburger Bereitschaftspolizei der Jüdischen Allgemeinen. Dieser habe schon festgestanden, bevor er seine Kandidatur überhaupt erklärt habe. »Insofern kann man nicht interpretieren, dass ich beim ersten Termin gleich dieses Thema besetzen will. Aber es ist mir schon deshalb wichtig, weil ich der Meinung bin, dass das Thema Stolpersteine ein wichtiges ist. Diese Art des Gedenkens finde ich – wie auch die Spitze des Zentralrats – sehr positiv«, sagt der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg.

unbehagen
Genau darum äußerte er bei seiner Rede aber auch Unbehagen über manche Entwicklungen bei den Stolpersteinen. Zum Beispiel, dass der Künstler Gunter Demnig inzwischen auch Steine für Holocaust-Überlebende verlegt. »Überlebende, die heute noch unter uns weilen – können sie nicht viel besser selbst ihre Geschichte erzählen?«, fragte Schuster. »Einen Stolperstein für meine Großmutter zu verlegen, die die Schoa überlebt hat, käme mir merkwürdig vor. Sie hat doch einen Grabstein mit ihrem Namen!«

Ihn verstöre darüber hinaus die Tatsache, dass sich Demnig auf einigen Stolpersteinen der Nazi-Terminologie bediene mit Begriffen wie »Wehrkraftzersetzer«, »Rassenschande« oder »Gewohnheitsverbrecher«. Seien die Begriffe wirklich für jeden erkennbar? Sei sicher, »dass jeder Passant weiß, was wirklich mit ›Rassenschande‹ eigentlich gemeint war? Was ›Wehrkraftzersetzung‹ oder ›Gewohnheitsverbrecher‹ bedeutete?«, fragte Schuster weiter. Ihre Angehörigen seien »oft tief verletzt« durch diese Angaben. Demnig riskiere damit, die »hohe Zustimmung« zu diesem wichtigen Kunstprojekt zu gefährden.

»Denn das wäre ganz fatal: Wenn Stolpersteine schließlich wegen dieser Entwicklung abgelehnt würden«, mahnt der Zentralratspräsident. Gleichzeitig stellte er aber auch klar, dass es sich um ein Kunstprojekt handele. »Und deshalb geht es auch nicht an, dass immer mehr Menschen mitbestimmen wollen, wie die Stolpersteine gestaltet sein sollen«, fügt er an.

Er würde sich gern mit Gunter Demnig über diese Problematik unterhalten, sagte Schuster. »Ich möchte sie weiterhin sehen im Pflaster. Ich möchte über sie stolpern, stehen bleiben und innehalten«, schloss der Zentralratspräsident. »Den Namen von Anna Lachmann und Ferdinand Selig lesen, von Ludwig Oppenheim und Lina Leib.«

Fragen All diese Fragen konnte Schuster jedoch nicht dem Künstler direkt stellen, obgleich Demnig tagsüber im Würzburger Stadtgebiet allein 22 Stolpersteine verlegt hatte. Unter anderem auch zwei in der Nähe der Kaserne der Bereitschaftspolizei.

Zu Beginn seines Grußwortes war Schuster aber auch auf den eigentlichen Anlass der Einladung eingegangen. Erst 2011 habe es eine große Ausstellung zum Thema: »Die Polizei im Nationalsozialismus« im Deutschen Historischen Museum gegeben. Welche Rolle spielten Polizisten im Dritten Reich bei Erschießungen von Juden hinter der Front?» Hier fand Schuster deutliche Worte. «Es mussten Jahrzehnte vergehen, bis sich die Polizeibehörden und die Länderinnenminister überhaupt mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben.» Hier habe eine Verdrängung stattgefunden.

Es gehe jedoch nicht darum, die Polizei nachträglich und kollektiv an den Pranger zu stellen, sondern darum aus der Geschichte zu lernen. «Recht und Menschlichkeit müssen Maßstab für die Polizei sein. Vorurteile dürfen es nicht sein», forderte er. Angesichts der Morde der NSU zeige sich, was «wir heute bei der Polizei genauso dringend brauchen, wie wir es vor 70, 80 Jahren gebraucht hätten. Eigenständig denkende Menschen, mit dem Mut, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen, selbst wenn es der Karriere abträglich ist.»

Verantwortung Für die bayerische Bereitschaftspolizei bekannte sich Abteilungsführer Werner Freidhof zur Verantwortung bei den Verbrechen der Nazis: «Menschen wurden getötet, weil die Polizei sie, statt sie zu schützen, in den Tod geschickt hat.» Aufgrund dieser geschichtlichen Lehren seien heute Persönlichkeitsbildung und Wertevermittlung Fixpunkte der polizeilichen Ausbildung.

Referent Jörg Brimer von der Bereitschaftspolizei sprach von «kollektiver Scham und Betroffenheit». Alleine diese sei aber nicht ausreichend, um ähnliche Verbrechen in Zukunft zu verhindern. «Nur wenn Erinnerung Verinnerlichung bedeutet, kann aus ihr etwas Positives werden», mahnte er.

Recklinghausen

Wie der Fußball Eddy rettete

Die Jüdische Gemeinde und Schulen der Region trugen den Emanuel-Schaffer-Cup aus – in Erinnerung an den legendären israelischen Trainer

von Martin Krauß  16.07.2026

Maccabiah

Momente, Medaillen, Menschen

Nach zwei Wochen ist das größte internationale Sportevent in Jerusalem erfolgreich zu Ende gegangen

von Katrin Richter  15.07.2026

Programm

100 Synagogen, zwei Chemnitzer und ein Eis am Stiel: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 16. Juli bis zum 23. Juli

 15.07.2026

Jahrhundertzeugin

Wie eine Sintiza die Nazizeit überlebte und ihre Heiterkeit rettete

Frieda Daniels ist Hochseilartistin. Sie floh als Sintiza vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Als 93-jährige Zeitzeugin war sie nun in Heidelberg zu Gast. Eine außergewöhnliche Lebensgeschichte

von Stefanie Ball  15.07.2026

Interview

Glaubwürdigkeit schaffen

Yuki Ronen Schmidt über die Arbeit von Miphgasch/Begegnung und die eigene Rolle in dem Bildungsarbeitsprojekt

von Pascal Beck  14.07.2026

Düsseldorf

Das Om im Schalom

Die Jüdische Volkshochschule bietet Kurse an, die Yoga und Judentum verbinden. Das Online-Angebot ist auch offen für andere Gemeinden und Interessenten

von Annette Kanis  13.07.2026

Porträt der Woche

Spezialist für Musicals

Adam Benzwi ist Amerikaner und entdeckte in Berlin die Schlager der 1920er-Jahre

von Gerhard Haase-Hindenberg  12.07.2026

Berlin

Türkisches Unternehmen »Medicana« neuer Träger vom Jüdischen Krankenhaus

Die 270-jährige Tradition des Hauses bleibe bewahrt – Kritik an der Übernahme kommt von Ver.di

 10.07.2026

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026