Wie jedes Jahr bringt die Jewrovision Jugendliche aus ganz Deutschland zusammen – mit Musik, Tanz, Freundschaften und jeder Menge Emotionen. Hinter den Auftritten auf der Bühne steckenn jedoch weit mehr als Choreografien und Songtexte: monatelange Proben, Teamgeist, Aufregung und persönliche Geschichten. Ob zum ersten Mal auf der Bühne oder schon seit Jahren dabei – jede Erfahrung ist anders. Jugendliche und Madrichim aus verschiedenen Städten erzählen, was die Jewrovision am Freitag in Stuttgart für sie so einzigartig macht.
Bella (15), Frankfurt
Ich bin ein großer Jewro-Fan. Bei den Proben im Juze »Amichai« wächst man zusammen, immerhin sind wir mehr als 20 Tänzerinnen und zwei Sänger. Das Jewro-Konzept ist für mich etwas ganz Besonderes, denn alle Teilnehmer sind jüdisch. Und auch das Mini-Machane ist mir wichtig, da treffe ich Freunde aus anderen Städten wieder und lerne Jugendliche aus ganz Deutschland kennen. Wir sind ehrgeizig, der Kampfgeist ist ausgeprägt; wir wollen gewinnen. Sehr gern mag ich auch die Zeit vor der Show im Backstage-Bereich. Wenn ich geschminkt werde, fühle ich mich fast wie eine Profitänzerin. Überall herrscht eine prickelnde Atmosphäre. Wir schauen zu Tänzern aus anderen Städten hinüber und verfolgen auch etwas ihre Choreografie, die oft noch einmal durchgegangen wird. Wenn wir auf die Bühne laufen, ist es Gänsehaut pur. Wir geben alles.
Sasha (18), Leipzig
Vor vier Jahren bin ich ohne jegliche Deutschkenntnisse aus der Ukraine gekommen. Ich mag Rap und wollte schon lange in diesem Stil auf der Bühne performen. Als ich merkte, dass »Chaverim« bei der Jewro mitmachen würde, dachte ich: »Das ist meine Chance.« Den Text auf Deutsch zu schreiben, war eine echte Herausforderung – bis dahin hatte ich nur auf Russisch oder Englisch gedichtet. Ich fing an, mich mit deutschem Rap zu beschäftigen und die Reime zu lernen. Mit Übung und Ehrgeiz habe ich es schließlich geschafft. Den Mut dazu hat mir die Jewro im vergangenen Jahr gegeben: Ich hatte noch nie eine Bühne gesehen, auf der Jugendliche – keine ausgebildeten Profis – einfach ihr Talent zeigen können. Das hat mir die Hoffnung gegeben, dass mein Traum, Musiker zu werden, vielleicht doch erreichbar ist. Zwei Tage nach der Jewro muss ich meine mündliche Abiprüfung ablegen. Mein Prüfungsfach? Musik!
Esther (16), München
Getanzt habe ich schon immer, besonders gern Hip-Hop. Zurzeit trainiere ich wieder intensiv – für unseren Auftritt auf der Jewro-Bühne. Bereits zum fünften Mal bin ich dabei. Schon seit meiner Kindheit besuche ich das Juze »Neschama«; es ist ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Die Proben sind anspruchsvoll, machen aber unglaublich viel Spaß. In den Pausen werden wir von unseren Madrichim mit Snacks und Getränken versorgt, sodass wir uns rundum wohlfühlen und neue Energie tanken können. Dieses Jahr haben wir ein klares Ziel: Wir wollen gewinnen. Einer der schönsten Momente bei der Jewro ist für mich jedoch, wenn ich all meine Freunde wiedersehe, die ich so lange vermisst habe. Gemeinsam Schabbat zu feiern, macht dieses Mini-Machane jedes Jahr aufs Neue zu etwas ganz Besonderem.
Hannah (17), Köln
Beim ersten Mal war die Jewro für mich überwältigend. Es war etwas ganz Neues, und ich habe viele Eindrücke gesammelt. Natürlich war ich sehr aufgeregt. Jetzt werde ich wieder tanzen und denke, dass die Aufregung nicht mehr ganz so stark ist wie noch vor drei Jahren. Andererseits ist es jedes Jahr anders: ein neuer Act, ein anderes Publikum, neue Teilnehmer und ein anderer Song. Jede Performance fühlt sich anders an. Mit den Leuten aus dem Aachener Juze »Kavannah« sind wir von »Jachad« richtig gut zusammengeschweißt – wir verstehen uns alle supergut. Ich möchte sie nicht mehr missen. Wir haben viel Spaß, und das ist das Wichtigste.
Lena (25), Nürnberg
Bei einem guten Jewro-Text ist für mich unfassbar wichtig, dass er sich erstens reimt, und zweitens, dass die Silben auf den Takt passen. Zum Beispiel, wenn »Tradition« auf dem »i« betont wird, klingt das einfach unstimmig. Und natürlich ist die Message das Wichtigste: Bevor ich den Text schreibe, frage ich immer unsere Chanichim und Madrichim, was sie aktuell beschäftigt. Das wird dann notiert, und daraus entsteht ein Songtext. Uns als Juzes »Emet/Am Echad« ist es wichtig, dass sich unsere Kinder im Act wiederfinden können. Der schönste Moment für mich ist, wenn nach ein paar Proben die Kids den Song einfach vor sich hin singen, gerade dann, wenn keine Musik läuft, da werde ich echt emotional. Auf Englisch zu texten, fällt mir leichter, was daran liegen könnte, dass ich Englischlehrerin bin und außerdem ziemlich selten deutsche Musik höre. Als Gesangscoach arbeite ich dann natürlich auch an der Aussprache unserer Sängerinnen, damit wäre dann auch mein Bildungsauftrag erfüllt.
Ilya (18), Bremen
Schon mehrmals war ich als Fan bei der Jewro, doch dieses Mal ist alles anders: Ich werde tanzen. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich das wollte. Ich würde nicht sagen, dass ich gut tanzen kann, aber ich habe mich vom Gegenteil überzeugen lassen. Wir, das Juze »Atid«, sind mit »Chasak Hamburg«, mit denen wir zusammen auftreten werden, ein tolles Team. Die Choreografen und Trainer sind toll. Kurz gesagt: Obwohl die Proben anstrengend sind, machen sie unglaublich viel Spaß.
Dina (21), Düsseldorf
Leider bin ich schon zu alt und kann nicht mehr bei der Jewro auf der Bühne stehen und für meine Stadt auftreten. Dafür bin ich als Madricha im Einsatz. Es ist toll, die Gefühle, die ich früher bei der Show hatte, nun an unsere Juze-Kinder und Jugendlichen weiterzugeben. So werden auch unsere Werte von einer Generation zur nächsten weitervermittelt. Mir ist es wichtig, etwas zurückzugeben. Die Spannung steigt jetzt schon von Tag zu Tag; alle sind aufgeregt, manchmal begleitet von der Sorge, ob jeder Schritt sitzt. 30 Mädchen und ein Junge werden für »Kadima« performen. Wahrscheinlich werden wir zahlenmäßig das zweitgrößte Jugendzentrum bei der Jewro sein, denn neben unseren Künstlern fahren noch etwa 70 Kids mit, die am Mini-Machane teilnehmen und uns am Freitag lautstark anfeuern. Wir kommen mit drei vollen Bussen – und wir wollen gewinnen.
Michal (18), Karlsruhe
In diesem Jahr laufen wir – die »JuJuBa« (Juedische Jugend Baden) – mit Tänzern und Sängern aus zehn Städten auf der Jewro-Bühne ein. Fast jeden Sonntag proben wir in Mannheim. Ich brauche mit dem Regionalexpress etwa eine Stunde für den Weg; andere sind deutlich länger unterwegs. Sie kommen aus Lörrach, Pforzheim, Konstanz, Freiburg, Emmendingen, Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg, Baden-Baden und Rottweil. Unsere JuJuBa-Familie ist groß geworden; immerhin werden über 50 Personen auf der Bühne stehen. Als ich zum ersten Mal auf der Bühne tanzte, waren die Madrichim meine Vorbilder. Nun hoffe ich, dass ich für unsere Jüngeren Vorbild sein kann. Denn ich möchte zurückgeben, was ich bekommen habe. Bei uns hat es einen Generationswechsel gegeben; viele Ältere sind ausgeschieden. Für mich wird es die letzte Jewro als Teilnehmerin sein. Im nächsten Jahr bin ich zu alt, deshalb werde ich die tolle Atmosphäre besonders genießen. Schon der Gedanke an die Jewro lässt mich ein leichtes Kribbeln spüren.
Sofia (16), Stuttgart
An meine erste Jewro kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich war knapp zehn Jahre alt und eine der jüngsten Tänzerinnen von »Halev«. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich auf einer riesigen Bühne in einer riesigen Halle. Auch das Mini-Machane zum ersten Mal zu erleben, war eine ganz neue Erfahrung. Ich war überwältigt. Heute würde ich sagen, dass ich gelassener als damals bin. Aber die Freude, bei der Jewro dabei zu sein, ist dieselbe. Meine Freunde aus dem Juze und ich konnten uns nicht vorstellen, dass die Show einmal bei uns in Stuttgart stattfindet. Es ist sehr krass für uns. Nun findet sie vor unserer Haustür statt. Meine Familie hat schon Tickets.
David (20), Essen
Derzeit bin ich als Madrich bei »We.Zair Westfalia« dafür zuständig, dass organisatorisch alles reibungslos läuft. Ich bin also eher im Hintergrund aktiv. Beim Videodreh war ich auch dabei und habe die Kids beim Gestalten der Bühnenbilder unterstützt. Mehrmals habe ich fürs Juze Gelsenkirchen auf der Jewro-Bühne getanzt. Und das war immer eine besondere Zeit, in der ich viele schöne Erfahrungen sammeln konnte. Am liebsten erinnere ich mich an die Show vor sieben Jahren, als wir den vierten Platz holten. Da es in meiner Stadt Essen kein vergleichbares Juze gab, bin ich immer nach Gelsenkirchen gefahren. Dort habe ich viel erlebt.
Lilie (19), Dortmund
Beim Mini-Machane werde ich meinen 20. Geburtstag feiern. Es wird also mein letzter Auftritt auf der Jewro-Bühne. Das ist richtig schmerzhaft für mich. Zum Act gehört ja auch die Vorbereitungszeit, ich mag die Proben, das Miteinander, und finde es schön, wie wir im Juze »Emuna« alle immer mehr zusammenwachsen. Bei der letzten Jewro trat ich als Sängerin auf. Auf dem Weg ins Rampenlicht hatte ich das Gefühl, dass mein Herz gleich herausspringt, so aufgeregt war ich. Beim Act gaben wir 120 Prozent, nach dem Abgang konnten wir endlich herumschreien und so die Anspannung loswerden. Ich habe Respekt vor meinem Auftritt in Stuttgart, weiß mich aber von allen anderen gut unterstützt.
Shelly (49, aber im Herzen 29), Berlin
Jede Jewro hat ihren eigenen Charme. Es gibt immer andere Lieder, andere Ideen und andere Visionen. Ich erinnere mich gern an die Jewro 2022, denn es war die erste, die ich als Leiterin des Juze »Olam« mitgestaltet habe. Auch auf die Jewro im darauffolgenden Jahr blicke ich gern zurück, bei der wir in Frankfurt gewonnen haben. Danach gab es bei uns einen Generationswechsel: Viele neue Kinder kamen dazu. Heute freue ich mich zu sehen, wie die Kinder in den vergangenen Jahren gereift und gewachsen sind.
Marc (19), Hannover
Eigentlich hatte ich vor, als Tänzer aufzutreten. Da ich jedoch wegen der Abitur-Vorbereitungen nicht so regelmäßig bei den Proben dabei sein konnte, bin ich diesmal »nur« Madrich für »Chai«. Meine schönste Jewro-Erfahrung hatte ich im vergangenen Jahr, als ich selbst noch mitgetanzt habe. Über fünf bis sechs Monate hinweg haben wir an unserem Act gearbeitet – für einen Auftritt, der nur wenige Minuten dauerte. Als wir schließlich die Bühne verließen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Alles war gut gelaufen, und ich war einfach nur glücklich.
Aufgezeichnet und zusammengestellt von Christine Schmitt