Schechina

Wer Regie führt

Träume, Macht und Hunger: Jakows Aufstieg folgt dem göttlichen Drehbuch. Foto: Thinkstock

Die Geschichte von Josef, dem Lieblingssohn unseres Stammvaters Jakow, erreicht im Wochenabschnitt Wajigasch ihren Höhepunkt. Der junge Mann hatte zu Beginn der Geschichte einen Traum: Seine elf Brüder und sein greiser Vater würden sich vor ihm verneigen. Spott und Schelte erntete Josef dafür.

Die Brüder waren ihm nicht wohlgesinnt und verkauften ihn an eine Karawane, die nach Ägypten reiste. Dem Vater gaukelten sie einen Unfall vor – der Lieblingssohn sei von einem wilden Tier gerissen worden – und besudelten Josefs bunte Jacke mit Tierblut, um den scheinbar tödlichen Unfall zu belegen.

Karriere Josef macht trotz gelegentlicher Abstürze Karriere als Traumdeuter und wird als Pharaos rechte Hand der starke Mann in Mizrajim. Durch vorausschauendes politisches Handeln als Konsequenz seiner Traumdeutung werden in Ägypten in Jahren des Überflusses Vorratsspeicher mit Getreide gefüllt, damit das Volk in den darauffolgenden Jahren nicht Hunger leidet.

Schließlich kommen auch Josefs Brüder nach Ägypten, um Getreide zu holen, denn auch bei ihnen herrscht eine Hungersnot. Jetzt treibt die Geschichte auf einen dramatischen Höhepunkt zu: Josef will seinen leiblichen Bruder Benjamin, der bei einer zweiten Reise der Brüder mit nach Ägypten gekommen ist, durch eine fein gesponnene Intrige als Sklaven zurückbehalten: Die Brüder sollen ohne Benjamin zum Vater zurückkehren.

In dieser aus Sicht der Brüder nahezu ausweglosen Situation stehen sich Josef, der oberste Beamte des Pharao, und seine Brüder, die Bittsteller, gegenüber. Josefs Bruder Jehuda übernimmt die Verantwortung: Er hält eine Rede, die 17 Verse lang ist und 14-mal den Namen des greisen Jakow erwähnt. Jehuda befürchtet, der Vater werde den Verlust Benjamins nicht überleben. Es würde ihn »mit Jammer in die Gruft« bringen, man könne es dem alten Stammvater nicht zumuten, auch den zweiten, besonders geliebten Sohn seiner Frau Rachel zu verlieren. Schließlich bietet Jehuda sich selbst als Geisel für Benjamin an.

An dieser Stelle gibt sich Josef zu erkennen: »Ich bin euer Bruder Josef, den ihr nach Ägypten verkauft habt.« Er hätte auch sagen können: »den ihr töten wolltet«, oder: »den ihr gehasst habt«. Jetzt wird Josef noch versöhnlicher und tröstet seine Brüder: »Seid nicht betrübt, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn zur Erhaltung des Lebens hat mich Gott vor euch hergesandt.« Das Opfer tröstet die Täter – Josef rationalisiert den kriminellen Akt der Brüder, indem er getreu dem Motto »Gam se letowa« (auch dies – das Schlechte – führt zum Guten) Gottes erlösende Regie hinter allem sieht. Die Rabbiner erkennen in Josefs Lebensweg die Nähe der Schechina, der Gegenwart Gottes.

Triumph Im weiteren Fortgang des biblischen Textes triumphiert Josef aber auch. Nein, er ist kein Träumer, sondern ein Prophet. Der Einwand des Vaters gegen seinen Traum (»Sollen ich, deine Mutter und deine Brüder kommen, um uns vor dir zu verneigen?«, 1. Buch Mose 37,10) war Wirklichkeit geworden. Und Josef kostet es aus: »Ihr könnt meinem Vater von all der Ehre, die mir hier in Ägypten zuteil wird, und von allem (also seiner Macht) erzählen.« Nein, sie müssen es ihm sogar erzählen, denn nur so ist zu erklären, dass nicht Josef zum greisen Vater, sondern der greise Vater zu ihm in den Palast des Pharao reist.

Josef verschärft den Ton noch weiter. Schließlich geht es darum, das Land Kanaan zu verlassen, das schon in der biblischen Erzählung erhöht ist. Noch heute ist eine Einwanderung nach Israel, eine Alija, ein Aufstieg aus den Niederungen der Welt in die Höhen des gelobten Landes – ein Sinnbild für die Vorstellung, Kanaan sei auf dem Weg ins Paradies eine Stufe höher als selbst der höchste Berg. Josef ordnet den Brüdern an, dem Vater zu sagen: »Komm herab zu mir, bleib nicht stehen« (45,9).

Die Rabbiner haben ein Problem mit dieser Textstelle, denn hier wird verlangt, aus Kanaan hinabzusteigen und nach Mizrajim hinunterzugehen. Hier ziehen die Rabbiner den großen Joker der jüdischen Hermeneutik: Sie sagen, die Schechina, die Gegenwart Gottes, habe Josef umgeben. Das macht das Herabsteigen aus Kanaan wett, denn die Brüder nähern sich Josef, der von der Schechina umgeben ist.

Nachrichten Der greise Jakow erhält schließlich die gute Nachricht, dass Josef lebt und einer der Mächtigsten der damaligen Welt ist. Es heißt, die Nachricht habe Jakows Geist belebt. Die Rabbiner leiten daraus ab, dass gute Nachrichten von der Schechina, der Gegenwart Gottes, umgeben sind. Wie armselig steht hingegen unsere Infotainment-Industrie da, die uns pausenlos mit Nachrichten aus aller Welt versorgt. Sie handelt getreu dem Motto »Bad news are good news«, denn schlechte Nachrichten lassen sich besser verkaufen. Wir sollten aus diesem vorläufigen Ende der Josefsgeschichte lernen: Gute Nachrichten beleben den Geist, denn sie erfreuen sich der Gegenwart Gottes.

Der Autor ist Rabbiner der Berliner Synagoge Hüttenweg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajigasch erzählt davon, wie Jehuda darum bittet, anstelle seines jüngsten Bruders Benjamin in die Knechtschaft zu gehen. Später gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und versöhnt sich mit ihnen. Der Pharao lädt Josefs Familie ein, nach Ägypten zu kommen, um »vom Fett des Landes zu zehren«. Jakow erfährt, dass sein Sohn noch lebt und zieht nach Ägypten. Der Pharao trifft Jakow und gestattet Josefs Familie, sich in Goschen niederzulassen. Josef vergrößert die Macht des Pharao, indem er die Bevölkerung mit Korn versorgt.
1. Buch Mose 44,18 – 47,27

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026