1700 Jahre jüdisches Leben

Wechselvolle Geschichte

Aus der Jacob Jacobson Collection: Geburtsregister von Juden in Berlin (Namen, Hochzeiten und Todesfälle). Die Einträge von 1751 bis 1813 sind auf Deutsch und Hebräisch verfasst. Foto: Leo Baeck Institute New York | Berlin

Das Jubiläumsjahr 2021 löst gleich zwei miteinander verbundene Am­bivalenzen aus. Zum einen ist da der Stolz auf die erstaunlichen Errungenschaften jüdischen Wirkens auf dem Gebiet, das im Laufe der Geschichte zu Deutschland wird. Dieses Gefühl konkurriert mit dem der Trauer und des Grauens angesichts der vom Blut und dem Leid der Verfolgungen, von Pogromen und den grundsätzlichen Ausgrenzungen geprägten Geschichte.

LIEBESERKLÄRUNG Zum anderen wächst ab der Aufklärung ein unbändiger Wunsch von Juden, dazuzugehören und als gute Deutsche anerkannt zu werden. Es wird aber weitestgehend eine einseitige Liebeserklärung bleiben, die schließlich im größten und abscheulichsten Massenmord der Geschichte der Menschheit endet.

Die zweite Ambivalenz besteht also auch in der Frage, ob man dem derzeitig wiedererstarkenden Antisemitismus hierzulande beikommt, indem man aufzeigt, wie viel Juden auch für dieses Land getan haben. Ist dies womöglich, so könnte man fragen, ein erneuter Versuch, sich als die »besseren« Deutschen zu präsentieren?

Auerbach, Bamberger und Carlebach: In vielen Gemeinden amtierten gleichnamige Rabbiner.

Doch beginnen wir mit dem ersten, das heißt, dem rabbinischen Teil der jüdischen Wirkungsgeschichte in Deutschland. Der einzige aschkenasische Gaon, Rav Gerschon Meor haGola (960–1028 oder 1040) aus Mainz, erklärte nicht nur das Briefgeheimnis für bindend. Es mag auch am äußeren Einfluss gelegen haben, dass er als einer der Urväter des aschkenasischen Judentums für alle europäischen Juden die Monogamie als verpflichtend erklärte.

Raschi (1040–1105), der circa zehn Jahre in Mainz und Worms lebte, lernte und lehrte, gilt zweifellos als der bekannteste Torakommentator und wird weltweit Tag für Tag von Hunderttausenden Menschen studiert. Der Gelehrte selbst sowie seine Schwiegersöhne und Enkel, die Tossafisten, wurden in jeder Talmudausgabe seit dem Buchdruck mit abgebildet.

RABBINERDYNASTIEN Die Liste der Rabbinerdynastien reicht weit bis in die Neuzeit, es gab Ende des 19. Jahrhunderts gar das Bonmot der sogenannten ABC-Rabbiner: Auerbach, Bamberger und Carlebach – in vielen deutschen Gemeinden waren Rabbiner dieser Familien vertreten.

Noch heute reisen Menschen aus der ganzen Welt zu den Gräbern jener Gelehrten, die weit über die Jeschiwot hinaus studiert werden, dem Maharam von Rothenburg oder dem Baal Schem von Michelstadt, zu dessen Beerdigung auch die Obrigkeiten der Kirchen anwesend waren.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Es sei nur auf die Bücher Neunhundert Jahre Muttergemeinde in Israel (1974) und Chronik der Rabbiner in Frankfurt am Main (2002) von Paul Arnsberg hingewiesen. Letzteres umfasst über 230 Seiten und listet lediglich die Frankfurter Hauptrabbiner auf – viele von ihnen erlangten weltweite Berühmtheit.

KLAGELIEDER Neben den Bibel- und Talmudkommen­taren und halachischen Ausführungen genießt aber auch eine weitere Literaturgattung bis heute weltweite Würdigung: Es sind die Kinnot, die Klagelieder, die zu Tischa beAw, dem Gedenktag der Tempelzerstörung, und Jom Kippur in allen aschkenasischen Gemeinden auf der Welt rezitiert werden.

Dichterisch verweben sie die Trauer um die Zerstörung des Jerusalemer Tempels mit den häufig sehr detaillierten Beschreibungen der grausamen Pogrome in den SchUM-Städten (Speyer, Worms Mainz) sowie in Frankfurt, Würzburg, Augsburg und anderen Orten: literarisches Schöpfen für die Ewigkeit inmitten von Gewalt und Zerstörung.

Mit der Aufklärung und den Napoleonischen Kriegen, die für das Niederreißen der Ghettomauern sorgten, wuchs die Hoffnung, nun endlich anerkannt zu werden und Bürgerrechte zu erlangen. Doch obwohl die Ghettomauern die Juden nicht mehr zurückhalten konnten, waren sie trotzdem noch lange nicht in der deutschen Gesellschaft angekommen. Der soziale Abstand war weit größer als abschließbare Tore eines Judenviertels.

TAUFE Die Ultima Ratio für viele Juden jener Zeit war der Übertritt zum Christentum als »Entréebillet zur europäischen Kultur«, wie es Heinrich Heine formulierte.

Eine der Motivationen der jüdischen Reformatoren war es daher, ein Judentum zu schaffen, das dem Deutschsein nicht widerspräche. Man unterscheide sich ja schließlich nur in der Religion, so die Idee, woher auch die Bezeichnung »Deutscher mosaischen Glaubens« stammt. Auch äußerlich passte man Synagogen und die Kleidung der Rabbiner dem christlichen Umfeld an, von der Einführung der Orgel bis hin zum Talar.

Es ist nicht unsere Aufgabe, zu beweisen, dass wir schon immer »gute Deutsche« waren.

Das Ringen um das angemessene Bewahren der Tradition mit dem gleichzeitigen Wunsch, als integraler Teil Deutschlands anerkannt zu werden, führte in vielen Gemeinden zu internen und schließlich öffentlichen Spaltungen. Die Reformbewegung, das konservative Judentum und die traditionstreuere Neoorthodoxie werden so im 19. Jahrhundert in Deutschland gegründet, um schließlich bis heute vor allem im angelsächsischen Raum einen Großteil der jüdischen Gemeinden auszumachen.

Während Rabbiner Samson Raphael Hirsch in Frankfurt am Main gar eine orthodoxe Austrittsgemeinde gründet, bereitet Rabbiner Esriel Hildesheimer seine Studenten am Berliner Rabbinerseminar lieber durch umfassende Schulung in Religiösem wie Weltlichem darauf vor, innerhalb der Einheitsgemeinde die Orthodoxie zu bewahren.

INTEGRATION Die Öffnung der »Judengassen« führte schließlich zur Integration und häufig zur Assimilation. Man findet erfolgreiche (ehemalige) Juden immer häufiger als namhafte Künstler und Wissenschaftler, während die wenigen großen Bankiersfamilien und andere (erfolg-)reiche Juden die jüdische Idee des »Gemilut Chessed«, also der Wohltätigkeit, in zahlreichen Stiftungen in ihren Städten umsetzten. Kranken- und Waisenhäuser, Armenspeisungen und ganze Universitäten (siehe Frankfurt) wären ohne »jüdisches Geld« nicht entstanden.

Wie »deutsch« die Juden waren, lässt sich auch anhand der sogenannten »Judenzählung« im Ersten Weltkrieg ablesen. Ursprünglich antisemitisch initiiert, um zu beweisen, dass Juden feiger und daher weniger aktiv fürs Vaterland an die Front gingen, bewies sie das Gegenteil: Von damals etwa 550.000 deutschen Juden hatten rund 100.000 Juden am Krieg teilgenommen, davon 78.000 an der Front. Mehr als 10.000 Juden hatten sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, 19.000 waren befördert worden, 30.000 hatten Orden für besondere Tapferkeit erhalten.

Und dennoch, schon vor der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten war der Antisemitismus allgegenwärtig. Die deutsch-jüdische Symbiose hat nie wirklich stattgefunden. Die Freude über jüdische Kompetenz von Ärzten, Anwälten, Soldaten, Physikern, Biologen, Erfindern, Geisteswissenschaftlern und Sportlern überlebte die Nürnberger Gesetze nicht.

SCHIRMHERRSCHAFT Die Juden in Nachkriegsdeutschland – bestehend aus Überlebenden der Schoa und deren Nachkommen sowie den Zuwanderern aus den GUS-Staaten – begehen nun unter der Schirmherrschaft staatlicher Behörden ein Jubiläum der wechselvollen Geschichte und Gefühle.

Es mag eine Chance sein, in Erinnerung zu rufen, wie erfolgreich wir auch in diesem Land waren bei der Erfüllung des Aufrufs des Propheten Jirmejahu, den er einst den Exilanten in Babylonien zugerufen hatte: »Suchet der Stadt Bestes, dahin Ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Ewigen; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl.«

Das Jubiläumsjahr zeigt die Errungenschaften, aber auch die Fragilität der Beziehung.

Das Jubiläumsjahr mag den Reichtum jüdischer religiöser wie säkularer Errungenschaften beleuchten, es mag an zahlreiche deutsch-jüdische Freundschaften und Beziehungen erinnern. Es mag uns selbst motivieren, dieses reiche Erbe fortzuführen. Es wird aber auch die Grenzen und die immer wiederkehrende gewalt­tätige Umkehrung dieser Verbindung aufdecken, die Fragilität dieser Beziehung.

ANTISEMITISMUS Angesichts des neu aufkommenden Antisemitismus, angesichts der Tatsache, dass sichtbares jüdisches Leben heute polizeilich geschützt werden muss, dass es meist Mahnmale und Gedenkstätten, Stolper- und Grabsteine sind, die die jüdische Geschichte sichtbar machen, ist es aber sicherlich nicht an uns, beweisen zu wollen, dass wir schon immer »gute Deutsche« waren.

Es ist Aufgabe aller Deutschen, den jahrhundertealten Judenhass zu überwinden. Vielleicht mag dem einen oder anderen dabei die Erinnerung daran helfen, dass wir miteinander mehr erreichen können. Der beste Selbstschutz für uns Juden ist wohl, auch weiterhin daran mitzuwirken, dass es dieser Nation gut gehen möge, »denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl«. Wehe uns allen, Nichtjuden wie Juden, wenn nicht!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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