Talmudisches

Von Schuppen und Flossen

Foto: Getty Images/iStockphoto

Hering und Lachs sind koscher, Aal und Hai nicht. Warum? Weil den Speisevorschriften der Tora zufolge nur Fische, die Schuppen und Flossen haben, als koscher gelten (3. Buch Mose 11,9). Der Talmud (Nidda 6,9) erklärt: »Alles, was Schuppen hat, hat Flossen. Manches hat Flossen, aber keine Schuppen.« Insofern wird die Frage gestellt, warum überhaupt zwei Merkmale erwähnt werden (Nidda 51b), um zu erklären, dass ein Fisch koscher ist.

Doch wie bei vielen jüdischen Vorschriften ist auch das hier gar nicht so einfach. Denn beispielsweise gibt es Fische, die mit Schuppen geboren werden, diese aber mit zunehmendem Alter verlieren. Das ist beispielsweise beim Schwertfisch der Fall. Dann wiederum gibt es Fische, die Schuppen haben, solange sie im Wasser sind, diese aber auf dem Trockenen verlieren. Die Weisen meinen (Avoda Zara 39a), dass beide diese Arten »erlaubt« seien. Der Talmud erwähnt dabei verschiedene Fischsorten, wie Sultanit, Afiyatz, Akunas oder Otanas. Würde man sie heutzutage im Supermarkt an der Fischtheke verlangen, würde man wahrscheinlich nur ratloses Schulterzucken ernten.

Rabbiner und andere Kaschrutexperten

Neben Rabbinern und anderen Kaschrutexperten tauschen sich auch Biologen und Angler über die im halachischen Sinne relevanten Eigenschaften der Fische aus. Viele Fragen werden in einschlägigen Internetforen diskutiert. In einem Forum schreibt jemand, dass er in der Vergangenheit einmal einen Schwertfisch gefangen habe, und als er das Tier ins Boot gehievt hatte, sei sein ganzes Deck voller kleiner Schuppen gewesen. Ein anderer erwähnt den Thunfisch. Auch der verliere seine Schuppen auf dem Trockenen, wie der Schwertfisch. Er will wissen, warum der Thunfisch als koscher gilt, während es beim Schwertfisch jedoch Zweifel gebe.

Und wirklich gibt es unterschiedlichste Auffassungen, ob der Schwertfisch nun koscher ist oder nicht. Rabbiner Ari Zivotof­sky, Professor an der israelischen Bar-Ilan-Universität, hat dazu ausführliche Forschungen angestellt. In seiner 53-seitigen Abhandlung über den »Fisch mit einem Schwert« erwähnt er, dass dieser im 20. Jahrhundert zum Gegenstand einer erbitterten Debatte zwischen dem orthodoxen und dem konservativen Rabbinat in den Vereinigten Staaten sowie zwischen amerikanischen orthodoxen Rabbinern und dem israelischen Oberrabbinat geworden ist.

Welcher Fisch ist nun wirklich koscher? Im Zweifelsfall bleibt wohl nur, sich beim Rabbiner seines Vertrauens zu erkundigen. So ähnlich war es wohl auch zu talmudischen Zeiten, wie in Avoda Zara (39a) geschildert wird: Damals kam Rav Aschi zufällig nach Tamduria, wo man ihm einen bestimmten Fisch brachte, der einem Aal ähnelte.

»Er nahm ihn heraus, hielt ihn gegen das Licht des Tages und sah, dass er dünne Schuppen hatte, und erlaubte ihn.«

Aber zurück zum eigentlichen Thema: Warum müssen Fische Schuppen und Flossen haben, wenn es doch heißt, dass alles, was Schuppen hat, auch über Flossen verfügt? Dazu findet sich im Talmud (Chullin 66b) ein bemerkenswerter Satz: »Rabbi Abahu erwiderte, und ebenso wurde in der Schule Rabbi Jischmaels gelehrt: die Lehre groß und herrlich zu machen.«

Sich vor schlechten Einflüssen schützen

Groß und herrlich? Rabbi Shalom Rosner aus Beit Schemesch versucht das in seinem Buch Shalom Rav zu erläutern. Er verweist auf den Unterschied zwischen Schuppen und Flossen: Schuppen seien ein Schutz, während Flossen die Richtung der Bewegung vorgeben können. Daher betone der Talmud, dass Schuppen nicht genug sind. Manchmal gehen wir durchs Leben und meinen, dass es ausreicht, wenn wir uns zum Beispiel vor schlechten Einflüssen schützen.

Aber das sei eben nicht ausreichend, macht Rabbi Rosner deutlich. Er meint: Wir können nicht stehen bleiben, wir müssen uns vorwärts bewegen. Wir müssen uns und unsere Kinder dazu bringen, die Lehre »groß und herrlich« zu machen. Wenn wir nur mit dem Strom schwimmen, würden wir unser Ziel nicht erreichen.

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Acharej Mot – Kedoschim

Feuer aus Menschenhand

Heiligung entsteht nicht im Rückzug ins Himmlische, sondern im gestaltenden Eingreifen in die Welt

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  23.04.2026

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026