Spurensuche

Von Moses zu Moses zu Reuven

Kein Eintrag auf Wikipedia, nur ein einziges Foto: Rabbi Reuven Agushevitz hat im Internet-Zeitalter kaum Spuren hinterlassen.

Spurensuche

Von Moses zu Moses zu Reuven

Vor 75 Jahren starb Rabbiner Reuven Agushewitz. Er verfasste religionsphilosophische Abhandlungen mit einer Intensität, die an Maimonides und Moses Mendelssohn erinnert. Wer war dieser Mann?

von Richard Blättel  13.11.2025 11:49 Uhr

Es stellt in unseren Tagen eine bemerkenswerte Rarität dar, bei einer Suchanfrage auf Wikipedia nicht fündig zu werden. Aber in der Tat bildet Reuven Agushewitz eine eigenartige wie eigenwillige Leerstelle, die auf einer existenziellen Ebene mit seinem Leben zusammenhängt. Doch zu einer ersten Orientierung und Einordnung verhilft die Online-Plattform Leksikon Fun Der Nayer Yidisher Literatur, ein Lexikon der neueren jiddischen Literatur.

Die biografischen Anhaltspunkte lassen erahnen, welche Bedeutung die jiddische Kultur und Sprache für Agushewitz hatten. Er kam 1897 in der litauischen Stadt Svistlotsh zur Welt, die dem Königreich Polen angehörte, und wuchs in einem orthodoxen Schtetl-Milieu auf. Sein Vater war Dorflehrer, dessen Cheder der Sohn besuchte, um später traditionsgemäß auf der berühmten Jeschiwa von Mir zu lernen. 1919 verließ er Polen, hielt sich in Paris und Antwerpen auf und emigrierte später in die USA. Den Lebensunterhalt bestritt er als Talmud-Lehrer – und publizierte in den folgenden Jahren philosophische Werke in jiddischer Sprache, was an sich einzigartig ist.

Er betrieb Philosophie auf Jiddisch – was an sich bereits einzigartig ist.

Dass ein vertiefter Einblick in die Lebens- und Werkzusammenhänge zu Reuven Agushewitz möglich ist, beruht auf der Initiative des gebürtigen New Yorkers Mark Steiner (1942–2020), der als Professor für Philosophie der Mathematik und Wissenschaftsphilosophie an der Columbia University in den USA und der Hebräischen Universität Jerusalem lehrte.

Über Netzwerke aus dem orthodox-jüdischen Milieu New Yorks und der akademischen Welt Israels verdichteten sich die Fäden rund um Reuven Agushewitz. So kam es, dass der Rabbiner Aaron Feder – der auf täglicher Basis mit Reuven Agushewitz Talmud lernte – Mark Steiner bat, dessen Werke aus dem Jiddischen ins Englische zu übersetzen.

Kongeniale Übersetzungen der drei philosophischen Werke Agushewitz’

Ebendieser Herausforderung stellte er sich, mit der Unterstützung seines Universitätskollegen Moshe Taube, der im Fachbereich der Linguistik als eine Koryphäe der jiddischen Sprache in allen Facetten gilt. So entstanden zwischen 2006 und 2010 die kongenialen Übersetzungen der drei philosophischen Werke Agushewitz’, die äußerst behutsam dem philosophischen Denken wie den jiddisch geprägten Stil- und Geschmacksnuancen Raum geben.

Steiner übersetzte 2006 als Erstes Agu­shewitz’ letzte Schrift von 1948: Faith and Heresy. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieses Werk einen Sonderstatus in mehrfacher Hinsicht einnimmt. Es zeichnet sich auch durch ein höchst persönliches Vorwort aus, in dem Agushewitz sich an die verschwundene Welt des osteuropäi­schen Judentums und an dessen Gelehrsamkeit erinnert.

»Dieses Buch ist dem Andenken an unsere sechs Millionen Märtyrer (›Kedoschim‹) gewidmet, unter ihnen meine zwei Schwestern mit ihren Familien, die von den nationalsozialistischen Verbrechern (›Reschoim‹) gemeinsam mit allen anderen Juden von Sislewitz, Kreis Grodno, ermordet (›umgebrakht‹) wurden«, so beginnt er. Er erzählt, dass einige seiner Nachbarn 1942 in einem nahe gelegenen Wald erschossen, andere wenig später in den nationalsozialistischen Gaskammern ermordet wurden. »Die jüdischen Gemeinden (›Kehilles‹) der jiddischsprachigen Städte und Schtetl wurden mit der Wurzel ausgerissen.«

Minutiöses Gedächtnis über das heilige Innenleben der jüdischen Gemeinde

Über diese unbeschreibbare Auslöschung hinaus bewahrt Agushewitz ein minutiöses Gedächtnis über das heilige Innenleben der jüdischen Gemeinde mit den Institutionen, Persönlichkeiten und vor allem hinterlassenen Schriften. Dabei dürfen die Verbindungslinien mit der Brisker Rabbiner-Dynastie nicht unerwähnt bleiben, insbesondere seine Beziehung zu Joseph B. Soloveitchik und seinem Jugendfreund »Arke« aus Kindertagen, aus dem der angesehene Rabbiner Aharon Kotler wurde. Zudem verband sie die gemeinsame Zeit auf der Jeschiwa von Slobodka.

Im intensiven Talmud-Studium verschränken sich Halacha und Ethik, was in die Mussar-Bewegung mündete. Spuren dieser untergegangenen Welt finden sich wieder in New York und prägen insbesondere Agushewitz’ Lebensform. So verfasste er einerseits als talmudisches Genie seinen Kommentar Bi’ur Reuven zum Traktat Baba Kamma, dem eine Approbation von just den genannten Größen vorausging – Aharon Kotler und Joseph B. Soloveitchik, der anfügt: »Ich glaube, dass die Tora-Gemeinschaft ihn weder kannte noch richtig zu schätzen wusste.«

»Ich glaube, dass die Tora-Gemeinschaft ihn nicht richtig zu schätzen wusste.«

Rav Soloveitchik

Diesem Werk ist zudem eine biografische Skizze vorangestellt, die sein Neffe Haym Shmuel Agus (amerikanisierte Kurzform von Agushewitz) verfasst hat. Ganz im Geiste der Mussar-Bewegung hebt er die immense Bescheidenheit dieser Persönlichkeit hervor – was mithin die Elementartugend des größten Propheten Moses darstellt. Das Motiv der Bescheidenheit spiegelt sich zudem im kleinen Wirkungskreis seiner in Jiddisch verfassten Schriften, was von einer tiefen Verbundenheit mit der ostjüdischen Kultur zeugt.

In der Art und Intensität, wie Agushewitz die philosophischen Gedanken exponierte, drängt sich der Vergleich mit einem zweiten Moses – Moses Maimonides – geradezu auf. Dieser verfasste bekannterweise neben dem halachischen Kodex der Mischne Tora auch das philosophische Opus magnum More Nevuchim.

Als Führer für die Unschlüssigen konzipiert, stellt das Werk eine Auseinandersetzung mit Aristoteles dar, um die Vereinbarkeit zwischen der griechischen Seinsphilosophie und der jüdischen Theologie unter Beweis zu stellen. Die Schlusskapitel akzentuieren indes eine jüdische Ethik und nehmen insofern das Grundmotiv der Mussar-Bewegung vorweg, als sie das Konzept der »Schlemut« (Ganzheit, Vollständigkeit) extrapoliert. Der jüdische Mensch arbeitet mit und durch die Halacha an seiner Selbstvervollkommnung und versteht sich gleichzeitig als Teil einer logischen Seinsordnung.

Mit talmudischen Methoden zerlegte er die griechische Philosophie.

Mit Blick auf den Topos »Jerusalem« besteht die Qualität von Agushewitz indes darin, dass er das Philosophieren selbst als talmudische Dialektik betrieb und mit dem entsprechenden Scharfsinn des »Pilpul« (sehr genaue methodische Textanalyse) die griechische Philosophie in ihre Bestandteile zerlegt. Diese wortwörtliche Schärfung arbeitet gepfefferte Argumentationsfiguren heraus, wobei das Jiddische dem Text zusätzliche Würze verleiht. Ähnlich einem Leitmotiv ist in allen drei Werken ein Grundgedanke auszumachen, der als antimaterialistischer Reflex bezeichnet werden könnte.

Strukturen und Argumente der Vorsokratiker

So untersucht Agushewitz bereits in seinem Erstlingswerk akribisch die Strukturen und Argumente der Vorsokratiker auf ihrer Suche nach einem Urprinzip, welches das Universum begründet. Im Soge der Binnendifferenzierungen zwischen Prinzipien, die das unbewegliche Sein beziehungsweise das bewegliche Werden statuieren, entwickelt Agushewitz – insbesondere in seiner zweiten Schrift – ein progressives Schöpfungsprinzip.

In Absetzung gegenüber den traditionellen Systemen des Idealismus (Sein) und des Realismus (Werden) knüpft er am Pragmatismus an, der in den USA als moderne Philosophie beheimatet ist. Diesen erweitert er zu seinem sogenannten Progressismus. Dieser steht und fällt mit einer judaistisch ausgeprägten Form des Monotheismus, den er von allen Seiten beleuchtet – und schlussendlich verteidigt. Insofern nimmt seine letzte Schrift Faith and Heresy eine Sonderposition ein. In der Auseinandersetzung neuzeitlicher Philosophie, insbesondere mit Spinoza und Kant, gelangt er zu Henri Bergson: In Anlehnung an ihn entwickelt er ein Modell der kreativen Evolution in Absetzung gegenüber Heraklits zyklischer Evolution.

Wenn sich die Rabbiner im 19. Jahrhundert des Bonmots »Von Moses bis Moses« bedienten, betonten sie die Kontinuität im jüdischen Denken von der biblisch-prophetischen Gestalt des Moses über den mittelalterlichen Bibel-Exegeten Moses Maimonides bis hin zur Berliner Lichtgestalt der jüdischen Aufklärung, Moses Mendelssohn. So kann in gewisser Weise auch Reuven Agushewitz als »Maskil« betrachtet werden: Als er 1929 in New York ankommt, besteht seine Hauptbeschäftigung darin, sich in der Stadtbibliothek autodidaktisch zu einem aufgeklärten Selbstdenker zu bilden. Nach sechs Jahren des Selbststudiums veröffentlicht er seine erste Schrift. Aber über Moses Mendelssohn hinausgehend, strebt er weder eine Verbürgerlichung des Judentums an, noch verspürt er den Drang, der Öffentlichkeit zu beweisen, inwiefern die jüdische Religion eine Vernunftreligion darstellt.

Sein jiddisch sprechendes und lesendes Publikum bezeugt und bewahrt die Tiefendimensionen seiner Philosophie. Die später entstandenen englischen Übersetzungen mögen helfen, dass Reuven Agushewitz nicht vergessen wird – und dass sein Denken einen aufklärenden Blick in das Judentum gewährt. So konstatierte kein geringerer Philosoph als Harry G. Frankfurt nach der Lektüre von Agushewitz’ Faith and Heresy: »ein wahrhaft herausragendes philosophisches Werk«. Möge die Erinnerung an dieses großartige Werk einer großartigen Persönlichkeit wachbleiben.

Der Autor ist Gymnasiallehrer, promovierte am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung in Luzern und wurde an der Luzerner Universität habilitiert.

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