Deutschland

Sukkot in der Fußgängerzone

Beni Pollak hält einen Strauß in der Hand. Er besteht aus einem Palm- und einem Myrtenzweig, einer Bachweide und Etrog, einer Zitrusfrucht. Es ist der traditionelle Feststrauß zum jüdischen Fest Sukkot, das dieser Tage gefeiert wird und noch bis kommenden Mittwoch dauert. Mitten in der Bonner Fußgängerzone erklärt am Sonntag der Religionslehrer vor einer eigens aufgebauten Laubhütte gestenreich und engagiert, was es mit dem Gebinde und überhaupt mit Sukkot, dem Laubhüttenfest, auf sich hat.

Es ist nach Veranstalterangaben das erste Mal, dass Jüdinnen und Juden öffentlich in der Stadt Sukkot feiern - ein Jahr nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und inmitten von massiv gestiegenem Antisemitismus auch in Deutschland.

Das Laubhüttenfest ist eines der jüdischen Wallfahrtsfeste und wird kurz nach dem höchsten Feiertag Jom Kippur gefeiert. In Erinnerung an den Auszug aus Ägypten wird nach bestimmten Vorgaben die Sukka gebaut, eine meist mit Ästen, Stroh oder Laub gedeckte Hütte, die unter freiem Himmel stehen muss. An den Charakter als Erntefest erinnert der Feststrauß.

»Auf unseren Straßen sollte man diskursfähig bleiben«

Einige Spaziergänger halten an und mischen sich unter die Organisatoren von der Bonner Synagogen-Gemeinde und der örtlichen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Es gibt Tee, Wein und Gebäck, Friedenstauben oder eine Kippa werden bemalt, dazwischen läuft Pollak umher, um zu schauen, ob alle versorgt sind oder jemand Erklärungen benötigt, alles mit feinem Humor. Im Hintergrund, für alle Fälle: Polizisten in einem Auto.

Lesen Sie auch

Gekommen ist auch Roland Benarey-Meisel, eine Kippa auf dem weißen Haar. »Auf unseren Straßen sollte man diskursfähig bleiben«, sagt er. Und drückt zugleich seine Sorge darüber aus, dass viele Menschen nicht mehr zu respektvollen Gesprächen fähig seien. »Mir liegt viel an Begegnungen wie hier.« Denn diese seien geeignet, einander besser verstehen und vertrauen zu können. Er engagiert sich bei dem Projekt »Meet a Jew«, bei dem etwa Schulklassen ins Gespräch mit Jüdinnen und Juden kommen können.

In der Regel wird eine Laubhütte für die gesamte Zeit des achttägigen Festes aufgebaut. Jüdinnen und Juden kommen darin zusammen, um zu beten, zu feiern und zu essen. In Bonn wurde die Hütte aus einem Metallgestänge und mit Symbolen geschmückten Planen lediglich für einen Tag aufgebaut.

Unter Polizeischutz

Das sei auch eine Frage der Sicherheit gewesen, sagt der evangelische Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bonn, Pfarrer Joachim Gerhardt. »Der Aufwand eines Schutzes im öffentlichen Raum über Nacht war zu groß.« Immer wieder waren seit dem 7. Oktober 2023 Veranstaltungen mit Bezug zu Israel oder dem Judentum auch in Deutschland angegriffen oder gestört worden.

Auch dass die Veranstaltung im Vorfeld nicht beworben werden sollte, sei symptomatisch für die Lage von Jüdinnen und Juden in Deutschland, betont Benarey-Meisel. »Es ist eine sehr belastende Situation.« Er sagt, dass man die israelische Regierung durchaus kritisieren dürfe, ihm in Diskussionen in Deutschland aber oft auffalle, dass sich zum Beispiel Kritiker des Gazakrieges nicht von der Hamas distanzierten, die das Massaker angerichtet hatte: »Denn das war der Auslöser des derzeitigen Krieges.«

»Hamas ist keine Befreiungsorganisation«

Bürgermeisterin Gabi Mayer (SPD) unterstreicht bei der Eröffnung der Laubhütte die Rolle gegenseitigen Respekts für demokratische Diskurse. Und Amalia Samuel von der nach offiziellen Angaben knapp 1000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde betont in Richtung der versammelten Menschen: »Wir brauchen diese Unterstützung.«

Um ihre Solidarität zu zeigen, schaut auch ein Paar aus Bonn vorbei. Der Mann und die Frau sind um die 40 Jahre, wollen jedoch ihre Namen nicht nennen. Nur so viel: Sie haben ein paar Jahre in Israel gelebt und kennen auch Menschen, die derzeit im Kriegseinsatz sind. Das Paar blickt nicht unkritisch auf den Gazakrieg, aber auch ihm fehlt in manchen Debatten eine Verurteilung der Hamas: »Das ist keine Befreiungsorganisation.« Der Mann sagt, dass es ihm hier gefalle, dass der religiöse Charakter eines Festes im Mittelpunkt stehe.

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Schemini Azeret

Ende und Anfang

Nach der langen Zeit der Feiertage beginnt der neue Jahreskreis

von Chajm Guski  02.10.2026

Simchat Tora

Im eigenen Rhythmus

Die fünf Bücher Mose bilden den Herzschlag des jüdischen Volkes

von Valentin Lutset  02.10.2026

Talmudisches

Frieden mit sich selbst und anderen

Was unsere Weisen über das innere Gleichgewicht und das Miteinander lehren

von Vyacheslav Dobrovych  01.10.2026

Feiertage

Gut gefüllt

Zu Sukkot gibt es eigentlich keine traditionellen Speisen wie an Rosch Haschana oder Pessach. Und doch essen sich gefülltes Gemüse, Teigtaschen und gestopfte Weinblätter in der Laubhütte besonders gut. Steckt mehr dahinter?

von Daniela Rusowsky  29.09.2026

Schweiz

Eine Sukka voller Fragen

Die Israelitische Cultusgemeinde Zürich hat ihre nichtjüdischen Nachbarinnen und Nachbarn in die Laubhütte eingeladen. Zu selbstgemachtem Hummus darf alles gefragt werden. Ein Besuch

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Zusammenhalt

Was uns verbindet

Sieben Tage feiern Juden in der Laubhütte. Der achte aber hat eine eigene Botschaft

von Rabbiner Elischa Portnoy  25.09.2026

Sukkot

Mit Herz und Sinnen

Welche Bedeutung die Vier Arten an Sukkot haben und warum sie den Menschen erfreuen

von Rabbiner Avraham Radbil  24.09.2026

Sukkot

»… und du sollst nur fröhlich sein«

Warum die Tora gerade das Laubhüttenfest zu einer Zeit unserer Freude erklärt

von Vyacheslav Dobrovych  24.09.2026