Balak

Stärke in Zeiten der Entscheidung

Die Militär- und Geheimdienstaktion »Rising Lion«: Kampfflugzeuge der israelischen Luftwaffe beim Start zu Angriffen auf den Iran (17. Juni) Foto: picture alliance / SIPA

Am 13. Juni überraschte die israelische Luftwaffe die Welt mit einem kühnen Schlag gegen den Iran. Der gewählte Name für die Operation lautete »Am KeLawi« – ein Ausdruck aus unserem Wochenabschnitt: »Siehe, ein Volk steht auf wie eine junge Löwin« (4. Buch Mose 23,24). Bileam, der Sohn Beors, der diesen Ausdruck prägte, zeichnete ein bemerkenswertes Porträt des Volkes Israel kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land. In diesem Porträt sind tiefgreifende historische Einsichten über das jüdische Volk enthalten – Einsichten, die bis heute gelten.

Balak, der Sohn Zippors, König von Moab, zittert vor Angst. Das große Volk, das die mächtigen Reiche Sichon und Og besiegt hat, nähert sich Moab, und Balak fürchtet um das Schicksal seines Reiches. Hätte er ein wenig in der Geschichtsschreibung geforscht, so hätte er erkannt, dass Israels Ziel nicht Eroberung, sondern Frieden ist und Krieg stets die letzte Option, nicht die erste. Aber wie sich heute Khamenei, der Oberste Führer des Iran, nicht für die Geschichte Israels oder für den jüdischen Friedensgedanken interessiert, so tat es damals auch Balak nicht.

Desorientiertes Volk nach 40 Jahren Wüstenwanderung? Von wegen

Balak, der König von Moab, beauftragt Bileam, den berühmten Propheten, Israel zu verfluchen. Damit tut Balak Israel letztlich einen großen Gefallen, denn selten finden sich solche Perlen der Weisheit über Israel wie in den Worten Bileams. Er ist der Erste – neben Mosche –, der das Volk Israel in Echtzeit in der Wüste beschreibt. Man könnte erwarten, dass er ein zerrüttetes, desorientiertes Volk nach 40 Jahren Wüstenwanderung sieht – aber das war nicht der Fall.

»Sieh da, ein Volk, das abgesondert wohnt, und mit den Stämmen rechnet es sich nicht« (23,9) – das ist eine Formulierung, die für immer den theologischen und kulturellen Individualismus Israels zum Ausdruck bringt. »Wie schön sind deine Zelte, Jakow« (24,5) – beschreibt die Ästhetik und Schönheit des Volkes. »Ein Stern tritt hervor aus Jakow« (24,17) – steht für die immanente Größe und das Potenzial, Errungenschaften hervorzubringen.

Jeder Stamm einzigartig – und dennoch zusammen ein Volk

Bileam erkennt auch die große Stärke Israels, besonders nach den Siegen über die Reiche der Emoriter und Baschan: »Siehe, ein Volk steht auf wie eine junge Löwin.« Er erkennt auch die Dualität: ein Volk, das in Stämme unterteilt ist – »er sah Israel nach seinen Stämmen lagern« (24,2). Jeder Stamm bewahrt seine Einzigartigkeit – und dennoch sind sie zusammen ein Volk.

So viel Würde, so viel Schönheit, so viel Glanz. Doch die Höhepunkte der Weissagungen Bileams halten keinen Moment an. Unmittelbar danach lässt sich das Volk mit den Töchtern von Moab ein. Der Glanz Israels und seine individuelle Größe zersplittern angesichts der Versuchung des Ba’al Peor. Auch die von Bileam beschriebene Einheit zerbricht – als Simri ben Salu vom Stamm Schimon öffentlich eine groteske Handlung begeht und von Pinchas, dem Priester aus dem Stamm Levi, im Akt des Eifers erstochen wird.

Wer den Wochenabschnitt liest, wird kaum den krassen Kontrast zwischen Kapitel 24 und 25 übersehen – zwischen den erhabenen Visionen und der grotesken Wirklichkeit, zwischen vollkommener Harmonie und stammesinterner Zersplitterung.

Historische Realität Israels zwischen moralischer Erhebung und moralischem Abgrund

Aber genau das ist auch die historische Realität Israels. Das Volk Israel bewegt sich seit jeher zwischen zwei Polen – zwischen moralischer Erhebung und moralischem Abgrund, zwischen nationaler Harmonie und innerem, stammesbezogenem Streit.

Auf den Abend unseres Schabbats fällt der 17. Tamus – der Tag, an dem die Mauern Jerusalems durchbrochen wurden, was zum Untergang des Tempels führte. Der Zweite Tempel war eines der prachtvollsten Bauwerke, Ausdruck der Fähigkeit des Volkes, aus Babylon zurückzukehren und gemeinsam die jüdische Welt im Land Israel neu aufzubauen. Doch dieser Tempel wurde wegen »grundlosem Hass« zerstört – wegen politischer, gesellschaftlicher und religiöser Konflikte, die das Volk von innen heraus zerfleischten, das Priestertum korrumpierten und fremde Kräfte nach Jerusalem brachten, die den Untergang verursachten.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Genau. Auch heute bewegt sich das Volk Israel zwischen Größe und Abgrund, zwischen Harmonie und Konflikt. Wie gesagt: Die Linien, die Bileam damals zog, sind bis heute aktuell. Es scheint, dass sich gerade in unserer Zeit – nach Jahrhunderten von Verfolgung und Zerstörung – zeigt, dass die entscheidende Spannung unserer Zeit zwischen nationaler Harmonie und stammesbezogenem Konflikt liegt.

In der jüdischen Welt mangelt es nicht an Konflikten

Seit einigen Jahren befindet sich der Staat Israel in einem blutigen inneren Konflikt. Themen wie Justizsystem, Religion und Staat, Wehrdienst, ja der Gaza-Krieg und die Geiseln – all das wurde zu Konflikten, die die israelische Gesellschaft von innen heraus zu zerstören drohen. Auch in der jüdischen Welt mangelt es nicht an Konflikten, und zumindest eine Konfliktlinie ist aus Israel herausgewachsen – die zwischen Orthodoxen und Liberalen.

Doch die Operation »Am KeLawi« zeigte das Gegenteil – sie zeigte, was geschieht, wenn die besten Kräfte des Volkes Israel zusammenarbeiten. Die israelische Technologie ist atemberaubend, die israelischen Piloten setzen neue Maßstäbe, die israelische Zivilbevölkerung zeigt außergewöhnliche Standhaftigkeit. Jüdische Werte wie gegenseitige Hilfe und Widerstandsfähigkeit in schweren Zeiten blühen auf.
Und das ist der Schlüssel: »Am KeLawi« und »Wie schön sind deine Zelte, Jakow« sind Versprechen, die nur dann erfüllt werden, wenn wir lernen, ein Volk zu sein, das »nach seinen Stämmen lagert« – aber als vereintes, harmonisches und optimales Ganzes.

Der Autor ist Kantor der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg.

inhalt
Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9

Re’eh

Segen und Fluch

Warum die Tora uns die Wahl lässt – aber dennoch zum Leben aufruft

von Jay Schlesinger  06.08.2026

Ekew

Die Sieben Arten

Der Wochenabschnitt führt durch das Land der Tora, zu Quellen, Bergen und Früchten

von Yonatan Amrani  31.07.2026

Talmudisches

An die Folgen denken

Was unsere Weisen über Weitsicht lehrten

von Detlef David Kauschke  31.07.2026

Ethik

Geliehene Mütter?

Der Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit begleitet die jüdische Tradition seit der Tora. Moderne Reproduktionsmedizin eröffnet heute neue Möglichkeiten – stellt die Halacha jedoch vor grundlegende Fragen

von Chajm Guski  30.07.2026

Feiertag Tu beAw

Das Ende des Krieges und der Beginn der Liebe

Am Dienstagabend beginnt der »jüdische Valentinstag«. Der fünfzehnte Tag des hebräischen Monats Aw steht für einen alten Brauch der Liebe und der zeitlosen Kraft menschlicher Verbundenheit

von Daniela Rusowsky  28.07.2026

Wa’etchanan

Die Kraft des Gebets

Wie wir Enttäuschungen verarbeiten und unser Gottvertrauen bewahren können

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  24.07.2026

Talmudisches

Töchter Jerusalems

Was unsere Weisen über Tu beAw und die Partnersuche lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  23.07.2026

Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.07.2026

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026