Talmudisches

Spiel des Lebens

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Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026 11:50 Uhr

Die Spannung steigt. Das Herz schlägt schneller. Die Teams marschieren auf das Feld, begleitet vom tosenden Jubel der Massen. Die Emotionen sind überwältigend, mitreißend, kaum in Worte zu fassen. Zwei Mannschaften treten gegeneinander an. Zwei Fanlager duellieren sich auf den Tribünen. Es gibt nur wenige Gelegenheiten auf dieser Welt, die die Emotionen von Tausenden, ja von Millionen Menschen so tief berühren wie der Fußball.

Eine jüdische Weisheit lautet, man solle versuchen, aus jedem Vorfall und von jedem Menschen zu lernen. So lehrt uns die mündliche Tora in der Mischna im Traktat Awot (4,1): »Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt.«

Was können wir von Spielern lernen, die jeden Muskel einsetzen, um ihr Heimatland stolz zu vertreten?

Was also können wir lernen von hingerissenen Fans, von Spielern, die alles geben, die jeden Muskel, jeden Atemzug einsetzen, um ihr Heimatland stolz zu vertreten?

Schauen wir uns zunächst die Dynamik auf dem Spielfeld an. Ein einzelner Spieler, so talentiert er auch sein mag, wäre gegen ein eingespieltes, geschlossenes gegnerisches Team vollkommen machtlos. Nur als Team, in echter, gelebter Einheit hat man eine Chance. Die Mischna (Awot 2,5) ermahnt uns daher eindringlich: »Trenne dich nicht von der Gemeinschaft.«

Ein Spieler, der bewundert werden will, zieht das gesamte Team nach unten

Ein Spieler, der lediglich glänzen und bewundert werden will, der seinen persönlichen Ruhm über den Erfolg des Teams stellt, zieht alle, die ganze Gruppe, mit nach unten. Der Talmud (Schewuot 39a) formuliert es klar und unmissverständlich: Alle Juden sind füreinander verantwortlich.

Das jüdische Volk blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück – geprägt von Höhen und Tiefen, von Blütezeiten und tiefen Einschnitten. In all diesen Epochen sah es sich immer wieder mit »gegnerischen Teams« konfrontiert: Bewegungen, die im geteilten Hass gegen das jüdische Volk ihre Gemeinsamkeit fanden. Und doch: Das Team, unser Team, hat als Ganzes überlebt.

Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Einheit, die sich über Generationen, Kontinente und Katastrophen hinweg behauptet hat, unerschütterlich, unverrückbar, unzerstörbar. Denn nur als geeintes Volk, das sich seiner gemeinsamen Wurzeln und seines gemeinsamen Schicksals bewusst ist, war und ist dieses Überleben möglich.

Doch im Gleichnis vom Fußball steckt noch eine tiefere, geradezu mystische Dimension. G’tt schickt uns in dieser Welt unzählige Prüfungen. So wie unser Vorvater Awraham von G’tt zehn schweren Prüfungen unterzogen wurde, werden auch wir in dieser Welt auf die Probe gestellt. Denn ohne Herausforderungen wäre der Mensch nicht imstande, sein wahres, innerstes Potenzial zu verwirklichen. Ohne Widerstand keine Stärke. Ohne Dunkelheit kein Licht. Ohne den Gegner auf dem Feld kein Spiel, das es wert wäre, gespielt zu werden. Die Stärke eines Menschen, seine Loyalität zu G’tt, das Tiefste, was in ihm steckt, kommt erst dann wirklich zum Vorschein, wenn man im Leben geprüft wird. Genau wie ein Match nur dann zustande kommt, wenn zwei Teams gegeneinander antreten. Wenn es einen Gegner gibt, der einen herausfordert, der einen zwingt, über sich hinauszuwachsen.

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied

Wenn man den Gedanken verinnerlicht hat, dass man ein Team ist und es um mehr als den eigenen Ruhm geht, dann ergibt sich daraus fast von selbst etwas ganz Natürliches: Man freut sich aufrichtig über den Erfolg der Mitspieler. Schießt jemand ein Tor, jubeln alle. Lässt der Torhüter einen Ball durch, leiden alle. Denn eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Deshalb liegt es uns am Herzen, jeden Mitspieler zu stärken, keinen am Rand zurückzulassen oder zu übersehen.

So soll es auch im Leben sein: Lasst uns den Erfolg unserer Freunde und Mitmenschen aufrichtig von ganzem Herzen feiern. Nicht mit erzwungenem Lächeln oder neidischem Blick, sondern mit echter, unverfälschter Freude. Und lasst uns gleichzeitig die Hand ausstrecken zu jenem, der gerade strauchelt, der ins Stolpern geraten ist. Denn wir sind keine Konkurrenten. Wir waren nie Konkurrenten. Wir sind eine Familie. Bis wir im Finale stehen.

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