Talmudisches

Schwimmen lernen

Foto: Getty Images

Talmudisches

Schwimmen lernen

Was unsere Weisen als elterliche Pflicht verstanden

von Vyacheslav Dobrovych  08.08.2025 09:25 Uhr

An Sommertagen verbringen Eltern gern Zeit mit ihren Kindern im Schwimmbad. Dabei sieht man häufig Väter oder Mütter, die ihren Kindern das Schwimmen beibringen. Laut einer talmudischen Meinung ist das Schwimmenlernen nicht nur hilfreich, sondern erfüllt sogar ein gʼttliches Gebot.

So heißt es im Traktat Kidduschin 29a: »Ein Vater ist seinem Sohn gegenüber verpflichtet, ihn zu beschneiden, ihn beim Kohen auszulösen, ihn die Tora zu lehren, ihn mit einer Frau zu verheiraten und ihn ein Handwerk zu lehren. Und einige sagen: Ein Vater ist auch verpflichtet, seinem Sohn das Schwimmen beizubringen.«

Was ist die gemeinsame Grundlage all dieser elterlichen Pflichten? Die erste Pflicht, die Beschneidung, ist der Beginn des Bundes mit Gʼtt. Das hebräische Wort »Brit« bedeutet »Bund« sowie »Beschneidung« – und hat den Zahlenwert 612. Die Tora kennt 613 Gebote, und die Beschneidung ist eines davon. Symbolisch verweist die Beschneidung darauf, dass alle übrigen 612 Gebote mit diesem Bund mit Gʼtt in Zusammenhang stehen.

In den Dienst des Schöpfers gestellt

Die Beschneidung des Penis ist ein Zeichen dafür, dass der Mann seine Sexualität in den Dienst des Schöpfers stellt. Sexualität wird nicht bloß als körperliche Bedürfnisbefriedigung verstanden, sondern als schöpferische Kraft, durch die neue Generationen entstehen, getragen von Liebe und Verantwortung. Dieser Bund wurde erstmals mit Awraham geschlossen und bildet die Grundlage des jüdischen Lebens.

Die nächste Pflicht ist das Gebot der Auslösung des erstgeborenen Sohnes, das sogenannte Pidjon haBen. Nach dem biblischen Bericht verschonte Gʼtt beim Auszug aus Ägypten die erstgeborenen Söhne Israels, während jene der Ägypter starben. Als Folge wurden die israelitischen Erstgeborenen ursprünglich für eine priesterliche Rolle vorgesehen. Doch nach dem Götzendienst mit dem Goldenen Kalb wurde dieser Dienst auf die Leviten und Kohanim übertragen.

Ein Vater, der weder Levi noch Kohen ist, muss seinen erstgeborenen Sohn vom Kohen für fünf Schekel Silber auslösen.

Seitdem gilt: Ein Vater, der weder Levi noch Kohen ist, muss seinen erstgeborenen Sohn vom Kohen für fünf Schekel Silber – heute etwa 80 Euro – auslösen. Dieses Ritual erinnert daran, dass unser Leben nicht uns selbst gehört, sondern dem Dienst an Gʼtt verpflichtet ist. Auch wenn wir keine Kohanim oder Erstgeborenen sind – ganz Israel wird in der Tora als »mein erstgeborener Sohn« bezeichnet (2. Buch Mose 4,22).

Darauf folgt die Verpflichtung, den Sohn Tora zu lehren. Ohne Tora kann man keine der anderen Gebote kennen oder verstehen. Sie bietet nicht nur religiöse Anweisungen, sondern ist eine Lebensschule. Rabbi Akiva fasst sie in einem zentralen Prinzip zusammen: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Unterstützung bei der Gründung einer Familie ist eine Pflicht der Eltern

Auch die Unterstützung bei der Gründung einer Familie gehört zu den Pflichten des Vaters. Ob durch finanzielle Hilfe oder praktische Unterstützung – ein Vater soll seinem Sohn helfen, eine Ehe zu schließen. Denn die Gründung einer Familie bedeutet den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt, in dem man nicht mehr nur für sich selbst lebt, sondern Verantwortung für andere übernimmt.

Eng damit verknüpft ist die Pflicht, dem Sohn ein Handwerk beizubringen. Ein Beruf sichert nicht nur das Einkommen, sondern ist Ausdruck von Würde und Selbstständigkeit und ein Schutz vor Kriminalität.

Abschließend wird auch das Schwimmen genannt – scheinbar eine rein praktische Fähigkeit, doch von tiefem symbolischem Wert. Schwimmen zu können bedeutet, sich im Notfall selbst oder andere retten zu können.

All diese Pflichten, so unterschiedlich sie im Einzelnen erscheinen mögen, verfolgen dasselbe Ziel: einen Menschen auf das Leben vorzubereiten – körperlich, geistig, moralisch und spirituell. Ein Vater hilft seinem Sohn, ein Mensch zu werden, der in der Welt bestehen kann und zugleich im Dienste des Höchsten lebt. So entsteht ein ganzheitliches, verantwortungsbewusstes Leben im Zeichen des Bundes mit Gʼtt.

Ekew

Die Sieben Arten

Der Wochenabschnitt führt durch das Land der Tora, zu Quellen, Bergen und Früchten

von Yonatan Amrani  31.07.2026

Talmudisches

An die Folgen denken

Was unsere Weisen über Weitsicht lehrten

von Detlef David Kauschke  31.07.2026

Ethik

Geliehene Mütter?

Der Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit begleitet die jüdische Tradition seit der Tora. Moderne Reproduktionsmedizin eröffnet heute neue Möglichkeiten – stellt die Halacha jedoch vor grundlegende Fragen

von Chajm Guski  30.07.2026

Feiertag Tu beAw

Das Ende des Krieges und der Beginn der Liebe

Am Dienstagabend beginnt der »jüdische Valentinstag«. Der fünfzehnte Tag des hebräischen Monats Aw steht für einen alten Brauch der Liebe und der zeitlosen Kraft menschlicher Verbundenheit

von Daniela Rusowsky  28.07.2026

Wa’etchanan

Die Kraft des Gebets

Wie wir Enttäuschungen verarbeiten und unser Gottvertrauen bewahren können

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  24.07.2026

Talmudisches

Töchter Jerusalems

Was unsere Weisen über Tu beAw und die Partnersuche lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  23.07.2026

Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.07.2026

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026