Leben

Punkte für die Seele

Seelen im »Davorseits«: Szene aus dem Animationsfilm »Soul« Foto: picture alliance / Everett Collection

»Was ist die Seele, und was ist der Sinn des Lebens?« Diesen großen Menschheitsfragen nähere sich Soul, der neue Animationsfilm aus den Pixar-Studios, schreibt »Der Spiegel«. Auch viele andere Medien merken an, dass sich dieser seit wenigen Wochen auf dem Streamingdienst Disney+ gezeigte Streifen Fragen widmet, mit denen sich Religion und Philosophie auseinandersetzen: Wie gelangt die Seele in den Körper, wo befindet sie sich vor der Geburt und wo nach dem Tod?

Sicherlich kommen rabbinische Autoren zu etwas anderen Antworten als die Drehbuchschreiber von Soul. Aber überraschend ist, dass die Ideen vielleicht gar nicht so weit auseinanderliegen. Der Film zeigt beispielsweise die Seelen der Verstorbenen, die auf einem Förderband in Richtung eines gleißenden Lichts transportiert werden. Ins Jenseits sozusagen.

Diesen Weg will der Jazzmusiker Joe Gardner, Hauptfigur des Films, nach seinem tödlichen Unfall, bei dem er in ein Kanalloch fällt, noch nicht antreten. So kommt er ins »Davorseits«, in dem die Seelen auf ihre Existenz im Diesseits vorbereitet werden. Er ist es, der »Seele 22« vermittelt, was das Leben auf der Erde lebenswert macht.

BRACHA Betrachten wir die jüdische Idee der Seele: Gleich nach dem Aufwachen, mit dem wir uns beim Ewigen bedanken, der uns unsere Seele nach dem Schlaf »in Barmherzigkeit wiedergegeben hat«, folgen weitere Segenssprüche. In einer Bracha bringen wir Folgendes zum Ausdruck: »Mein Gott, die Seele, die Du mir gabst, ist rein … Eines Tages wirst Du sie mir nehmen, und Du wirst sie mir künftig für die kommende Zeit wiedergeben. … Gesegnet seist Du, Ewiger, der den leblosen Körpern die Seelen wiedergibt.«

Scheint so, als hätten sich die Macher von Soul hiervon inspirieren lassen. Aber wie sieht nun das jüdische Konzept der Seele genau aus? Im Judentum treffen wir zum ersten Mal auf das Konzept der Seele im Schöpfungsbericht: »Und G’tt formte den Menschen, Staub aus der Erde, und atmete in seine Nase die Seele des Lebens, und der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele« (2,7). Aus dem Text wird ersichtlich, dass es die Seele ist, die den menschlichen Körper belebt. Der Körper ohne die Seele ist nur leblose Materie.

SCHÖPFUNG Um die Schöpfung des Menschen und die Rolle der Seele zu verstehen, müssen wir allerdings einen Blick vor die Schöpfung von Zeit und Raum wagen. Der berühmte Kabbalist Rabbi Mosche Chaim Luzzatto (1707–1746), genannt Ramchal, schreibt in seinem Werk Derech Haschem (Der Weg G’ttes), dass der einzige Grund für die Schöpfung der Wunsch G’ttes ist, dass seine Geschöpfe die Glückseligkeit seiner Präsenz erfahren. Der Ort dieser Glückseligkeit ist die kommende Welt, »Olam Haba«. Die talmudischen Weisen lehren, dass alle Freuden des Diesseits den Freuden auch nur eines Augenblicks in der Olam Haba gnadenlos unterlegen sind. Alle Reichtümer und Begierden des Diesseits sind aus der Perspektive des Jenseits bestenfalls ein schlechter Witz.

Doch der Mensch braucht Zeit, um sich diese kommende Welt der Freude und des Genießens durch eigenes Tun im Diesseits zu erarbeiten. Die Weisheit des Schöpfers sah, dass die Schöpfung und das liebende Geben G’ttes erst dann vollkommen sind, wenn sich der Mensch diese oben beschriebenen Freuden selbst erarbeitet hat. Wir freuen uns über Geschenke, doch noch tiefere Freude empfinden wir, wenn wir selbst etwas erschaffen haben. Dies genießen wir mehr, denn wir tragen den Funken des Schöpfers in uns.

Man soll G’tt nicht um der Belohnung willen, sondern aus Liebe dienen.
Doch wie »erarbeitet« man sich den Genuss der kommenden Welt? Die Freude des Jenseits ist nichts anderes als die intensive Wahrnehmung der g’ttlichen Präsenz. Die Intensität dieser Wahrnehmung ist laut der jüdischen Mystik von unserem Verhalten im Diesseits abhängig. Um die Intensität zu steigern, muss das Verhalten im Diesseits im Einklang mit dem G’ttlichen sein. Das bedeutet, die g’ttlichen Eigenschaften in unser irdisches Leben zu integrieren. Die Liebe und das Geben, aber auch den Mut und die Zurückhaltung, die nötig sind, um die Liebe in Vollkommenheit geben zu können.

Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, möchte ein Wegweiser sein, um diese Eigenschaften durch praktisches Handeln in den Alltag zu integrieren. Das Diesseits ist also ein wichtiger Ort für die Seele. Es ist die Arena, um g’ttliches Handeln zu vollbringen und sich ewige g’ttliche Präsenz, ewigen Genuss, zu erarbeiten.

KÖRPER In dieser Arena wird die Seele mit dem Körper kombiniert. Der durch die Seele belebte Körper hat Bedürfnisse, existenzielle Ängste und begrenzte Kapazitäten. Der Körper erlaubt es uns aber auch, die Bedürfnisse unseres Gegenübers zu erkennen, um Nächstenliebe zu üben, die Ängste zu besiegen und – trotz begrenzter Kapazitäten und begrenzter Zeit – Unglaubliches zu schaffen. Dies ist laut Rabbiner Luzzatto die grobe Zusammenfassung des Lebens der Seele auf der Erde.

Sehr vereinfacht ausgedrückt sieht der Ramchal die Taten des Menschen auf der Welt gleich einem Punktesystem. Gute Taten sind Pluspunkte, und schlechte Taten sind Minuspunkte. Wie gut und wie schlecht jede Tat angesichts der individuellen Situation ist, unterliegt dabei einzig dem Richtspruch G’ttes. Um den Genuss der Olam Haba zu erreichen, muss der Mensch ein reines »Konto« haben, das nur Pluspunkte und keinerlei Minuspunkte hat. Der Mensch bereinigt seine Minuspunkte durch Leid im Diesseits oder im jenseitigen Reinigungsort, dem Gehinnom.

KONTO Das Konto der Plus- und Minuspunkte beschränkt sich aber nicht nur auf das Leben unserer Seele im jetzigen Leben. Wie alle Kabbalisten glaubt auch der Ramchal an die Reinkarnation. Menschen können in verschiedenen Körpern, in verschiedenen Epochen wiedergeboren werden. Dies erklärt die Leiden der Gerechten.

Menschen mit zu wenigen »Pluspunkten«, um die Olam Haba zu betreten, werden für ihre wenigen guten Taten mit Genuss im Diesseits belohnt. Dies erklärt den vermeintlichen Erfolg der Bösewichte. Doch G’tt lenkt alle Zusammenhänge zu allen Zeiten mit einer Genauigkeit und Gerechtigkeit, die erst in Anbetracht des Großen und Ganzen erfasst werden kann.

Am Ende geht die kosmische Rechnung auf, so der Ramchal stellvertretend für alle Weisen Israels. Trotz all der Informationen über Pluspunkte und Minuspunkte und Belohnungen in der Olam Haba ist es wichtig, sich nicht im »Punktesystem« zu verlieren.

Die Ausführung des Guten schafft Verbundenheit mit dem Schöpfer – maximale Ekstase der menschlichen Seele. Ziel ist es, trotz der Belohnung in der kommenden Welt G’tt nicht wegen dieser Belohnung zu dienen, sondern aus Liebe; die Belohnung anzunehmen, weil man weiß, dass G’tt uns belohnen will. Und so wie G’tt kein Nehmender, sondern ein Gebender zu sein. Vielleicht kann der Film Soul eine Anregung sein, sich mit diesen Konzepten auseinanderzusetzen.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

Kashrut

Nicht ganz koscher – oder doch?

Die israelische Erfindung »ReMilk« schmeckt nach Milch, kann aber ohne Bedenken mit Fleisch kombiniert werden

von Rabbiner Dovid Gernetz  26.03.2026

Geschlechter

Mehr als nur Mütterlichkeit

Über die Stellung der Frau im Judentum finden sich zahlreiche, oftmals widersprüchliche Aussagen. Der richtige Kontext schafft da Orientierung

von Vyacheslav Dobrovych  26.03.2026

Zaw

Was vom Feuer bleibt

So wie im Tempel täglich die Asche vom Altar genommen wurde, sollten auch wir uns im Alltag von lähmenden Gedanken und Gefühlen nicht bestimmen lassen

von Rabbiner Yehuda Teichtal  26.03.2026

Vatikan

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem lädt Papst Leo nach Jerusalem ein

Rund zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die der versuchten Vernichtung des jüdischen Volkes in Nazi-Deutschland gewidmet ist. Nun wurde auch der Papst dorthin eingeladen

 24.03.2026

Interview

»Eine heilige Mission«

Oberstleutnant V. hat mit seiner Einheit die sterblichen Überreste von Soldaten geborgen, auch jene der letzten Geisel Ran Gvili. Hier spricht er über die Prinzipien seiner Arbeit

von Detlef David Kauschke  19.03.2026

Wajikra

Im Zentrum

So wie das Buch Wajikra die Mitte der Tora markiert, sind Gebete und Opfergaben das Herzstück des jüdischen Bewusstseins

von Gabriel Umarov  19.03.2026

Berlin

Berliner Rabbinerin wird Präsidentin der Rabbinical Assembly

Mit Gesa Ederberg übernimmt erstmals eine Europäerin das Spitzenamt der internationalen Organisation

 18.03.2026

Wajakhel–Pekudej

Serie mit Botschaft

In »Alles für die Liebe« geht es um Familie, Zusammenhalt und Werte, die bereits im Mischkan und heute am Pessachfest eine besondere Bedeutung haben

von Yonatan Amrani  13.03.2026

Talmudisches

Die Zahl Dreizehn

Was unsere Weisen über Vollständigkeit und gʼttliche Ordnung lehren

von Chajm Guski  13.03.2026