Acharej Mot – Kedoschim

Nur in Einheit

Foto: Jacob Lund Photography

Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig», sagt G’tt (3. Buch Mose 20,26). Diese Woche lesen wir zwei Toraabschnitte gemeinsam. Wenn dies geschieht, bedeutet es, dass die beiden Paraschot viel gemeinsam haben. Die doppelte Parascha Acharej Mot – Kedoschim behandelt das Konzept der Heiligkeit (Keduscha).

Keduscha ist ein schwer zu definierender Begriff. Zunächst bedeutet es, sich über allzu körperliche Bedürfnisbefriedigung zu erheben. Daher wird in beiden Paraschot viel Aufmerksamkeit auf sexuelles Fehlverhalten gelegt.

Zu viel Aufmerksamkeit für Essen oder äußeres Erscheinungsbild lenkt von der Essenz des Seins ab

Doch Nachmanides (1194–1270) erklärt, dass die Verpflichtung zur Heiligkeit über das Einhalten expliziter Gebote und Verbote hinausgeht. Wir sollen uns auch in Bereichen heiligen, die an sich erlaubt sind. Zu viel Aufmerksamkeit zum Beispiel für Essen, Kleidung oder äußeres Erscheinungsbild – selbst wenn das Essen koscher ist und die Kleidung bescheiden – lenkt uns von der Essenz unseres Seins ab.

In Acharej Mot steht: «Ihr sollt nicht nach den Bräuchen des Landes Ägypten handeln, in dem ihr gewohnt habt, und auch nicht nach den Bräuchen des Landes Kanaan, in das ich euch bringe. Ihr sollt nicht nach ihren Satzungen leben» (3. Buch Mose 18,3).

Raschi (1040−1105) vermutet, dieser letzte Vers sei überflüssig. Diese scheinbare Überflüssigkeit unterstreicht jedoch, dass wir uns sogar in erlaubten Dingen unterscheiden sollen. Die Gebote der Tora drehen sich nicht nur um Gut und Böse. Auch die Pflege einer jüdischen Identität im Alltag wird hier vorgeschrieben.

Die tiefere Essenz unseres Jüdischseins

Um wirklich jüdisch zu leben, betrachten wir nicht nur unsere Gebete, unser Studium oder unser Verhalten, sondern auch unsere Identität. Es reicht nicht aus, sich nur an die Gebote zu halten. Wir müssen uns stets der tieferen Essenz unseres Jüdischseins bewusst sein. Es geht nicht nur um Wissen über die Tora, sondern auch darum, wie dieses Wissen in den Alltag integriert wird. Dies ist der zweite Aspekt der Heiligkeit: eine vollständig integrierte Persönlichkeit zu werden.

Demut ist ein absoluter Grundwert im Judentum. Ein demütiger Mensch stellt sich nicht in den Vordergrund, sondern richtet sich auf G’tt und das Wohlergehen aller Menschen und Dinge in seiner Umgebung. Menschliche Heiligkeit leitet sich im Eröffnungsvers von der gʼttlichen Heiligkeit ab.

Um eine vollständig integrierte Persönlichkeit zu werden, benötigt der Mensch auch himmlische Hilfe. In der Parascha Kedoschim wird das Wort «kadosch» (heilig) auf zwei Arten geschrieben: einmal unvollständig (ohne den Buchstaben «Waw») und einmal vollständig (3. Buch Mose 19,2). Dies hat eine tiefere Bedeutung. Menschliche Heiligkeit bleibt ohne G’ttes Hilfe stets unvollständig. So sehr wir uns auch um spirituelles Wachstum bemühen, wir sind immer auf gʼttliche Unterstützung angewiesen. Unser Kampf gegen unsere niederen Triebe ist ein kontinuierlicher Prozess. Haschem hilft dem Menschen immer wieder, Fortschritte zu machen.

Kampf gegen unsere niederen Triebe

Weiterhin wird in Kedoschim das Gebot gegeben: «Du sollst deinen Bruder nicht in deinem Herzen hassen. Du sollst deinen Nächsten gewiss zurechtweisen» (3. Buch Mose 19,17). Betrachten wir die Worte von König Schlomo im Buch Mischlei (27,19): «Wie Wasser das Gesicht widerspiegelt, so spiegelt das Herz die Gefühle eines anderen.» Wenn ich jemanden hasse, wird dieser Hass oft erwidert. Wollen wir als Gemeinschaft heilig werden, müssen wir «einander lieben wie uns selbst» (3. Buch Mose 19,18).

Wir müssen uns auch bewusst machen, dass die Tora nicht nur individuelle Verpflichtungen oder Freundschaften im kleinen Kreis betrifft, sondern auch der Gemeinschaft als Ganzer eine wesentliche Rolle zuweist. Die Tora lehrt uns, wie wir als Gemeinschaft zusammenleben sollen, und zeigt die Haltung, die G’tt von uns in diesem Zusammenhang erwartet.

Der Vers «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (19,18) wird von Rabbi Akiva als ein fundamentales Prinzip der Tora bezeichnet. Rabbi Schimon Bar Jochai illustriert dies mit einer Parabel: Ein Mann auf einem Schiff beginnt, ein Loch unter seinem Sitzplatz zu bohren. Die anderen Passagiere halten ihn in Panik zurück. Doch er fragt sie: «Warum macht ihr euch Sorgen? Ich bohre doch nur unter meinem Platz!» Dies zeigt, wie sehr wir voneinander abhängig sind. Die Taten jedes Einzelnen beeinflussen die Gemeinschaft. Das jüdische Volk, Am Jisrael, ist wie ein integrierter Körper. Wenn wir unter einem schmerzhaften, eingewachsenen Zehennagel leiden, sind wir nicht in der Lage, uns auf unsere Arbeit oder unser Studium zu konzentrieren. So können wir die Einheit des jüdischen Volkes verstehen. Wir fühlen miteinander und teilen Kummer und Freude.

Können wir andere Menschen wirklich so lieben wie uns selbst?

Aber können wir andere Menschen wirklich so lieben wie uns selbst? Die Antwort auf diese Frage liegt im Text der Tora verborgen. Entscheidend sind die Worte «wie dich selbst». Warum liebst du dich selbst? Nicht, weil du so großartig oder interessant bist. Du liebst dich selbst einzig und allein, weil du «du selbst» bist. Genauso sollten wir auch unsere Mitmenschen lieben: nicht wegen ihrer guten Eigenschaften, sondern einfach dafür, dass sie sind, wer sie sind. Nur so können wir wirklich eine Einheitsgemeinde bilden.

Zur Offenbarung der Tora am Berg Sinai heißt es: «Und Israel lagerte dort» (2. Buch Mose 19,2). Auffällig ist, dass das Verb im Singular steht, was laut den Kommentatoren auf die vollkommene Einheit des Volkes in diesem Moment hinweist. Dank dieser Einheit waren sie würdig, die Tora zu empfangen.

Die Tora enthält viele Gesetze über Schäden, Diebstahl und Zivilrecht, mit dem Ziel, die Einheit in der Gesellschaft zu bewahren. Ohne Ordnung und Gerechtigkeit würde die Gemeinschaft zerfallen.

Als G’tt dem Volk befahl, das Heiligtum zu bauen, sagte Er: «Sie sollen Mir ein Heiligtum bauen, damit Ich in ihrer Mitte wohnen kann» (2. Buch Mose 25,8). Dies bedeutet, dass G’ttes Gegenwart nicht in einem Gebäude ruht, sondern in den Menschen – in der Einheit des Volkes.

Der Autor war Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und lebt heute in Israel.

inhalt
Der Wochenabschnitt Acharej Mot beginnt mit Anordnungen zu Jom Kippur und beschreibt, dass es für den Hohepriester gefährlich war, das Allerheiligste zu betreten. Denn eine zu große Nähe zum Gʼttlichen barg Gefahren in sich. Im 3. Buch Mose 17 beginnt das Heiligkeitsgesetz. Darin werden weitere Opfergesetze und Speisevorschriften übergeben, wie etwa das Verbot des Blutgenusses und das Verbot, Aas zu verzehren. Den Abschluss bilden das Thema verbotener Ehen wegen zu naher Verwandtschaft sowie Regelungen zu verbotenen sexuellen Beziehungen.
3. Buch Mose 16,1 – 18,30

Der Wochenabschnitt Kedoschim ist der zentrale Teil des Buches Wajikra. Er enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Der Höhepunkt dieses Abschnitts ist der Satz «Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst». Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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