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Nicht umsonst ins Paradies

Eine Belohnung muss man sich wirklich verdienen. Foto: Thinkstock

Viele Menschen beschäftigen sich mit der Frage: Wenn G’tt uns wirklich liebt und unser Bestes will, warum hat er uns nicht direkt in den Himmel gebracht? Dann könnten wir sofort in den Genuss einer Beziehung zu Ihm kommen!

Warum hat G’tt eine so dunkle und weit von Ihm entfernte materielle Welt geschaffen und dabei darauf bestanden, dass wir zuerst Seine Mizwot befolgen und Hindernisse überwinden müssen, um erst dann in der kommenden Welt belohnt zu werden, wenn wir die Prüfung bestanden haben? Warum müssen wir zuvor so viel Bösem, Schmerz und so vielen Versuchungen ausgesetzt sein?

Roh Vielleicht könnte man darauf antworten, dass wir in unserem derzeitigen Zustand für eine Beziehung mit G’tt nicht bereit sind. Wir sind heute zu roh und zu physisch, um uns mit dem Unendlichen zu verbinden. Wir müssen erst besser werden und uns entwickeln, spiritueller und fähiger werden, um eine Beziehung mit dem G’ttlichen zu genießen.

Doch wenn das so ist, warum hat G’tt uns überhaupt zu physischen Wesen gemacht? Warum konnte Er uns nicht als Engel erschaffen, dazu bereit, die ultimativen Freuden der Nähe zu G’tt von Anfang an zu genießen?

Ich würde zu diesem Problem gerne drei Ansätze diskutieren. Doch in Wahrheit sind diese Ansätze nur verschiedene Aspekte der gleichen fundamentalen Wahrheit. Jede dieser Antworten wird uns einem tieferen und profunderen Verständnis näherbringen.

Scham Auf dem einfachsten Niveau gesprochen: Wenn ein Mensch dafür belohnt wird, was er nicht tut, dann wäre das keine Belohnung. Es wäre peinlich. Wenn G’tt uns »belohnen« würde, indem er uns die kommende Welt umsonst zur Verfügung stellt, dann würden wir sie nicht genießen. Wir würden dieselbe Scham und Demut fühlen, die ein Mensch in dieser Welt empfindet, der von Almosen und Essenszuteilungen lebt.

Es beschämt einen Menschen, wenn er zugeben muss, dass er von anderen abhängig ist, dass er sich selbst nicht ernähren kann, sondern auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen ist, um zu existieren. In der spirituellen Welt ist dieses Gefühl keineswegs schwächer, sondern es ist sogar unendlich intensiver.

Die Kabbalisten bezeichnen unverdiente Belohnungen als »Nahama d’kisufa« – das Brot der Scham. Wenn wir etwas bekommen, das wir nicht verdienen, fühlen wir uns ein wenig bloßgestellt. Wir sind ein bisschen weniger »real«, ein bisschen weniger befriedigt. Wir würden uns niemals jemandem nahe fühlen, der uns etwas gegeben hat, was wir nicht verdienen.

Die Weisen stellen dementsprechend fest: Wenn jemand am Tisch eines anderen isst, wird sein Geist niemals wirklich ungezwungen sein (Avot deRav Natan 31,1). Es ist im besten Fall unbequem, auf Kosten anderer zu leben – etwas zu nehmen, das wir nicht verdient haben. Wenn ein anderer Mensch uns unterstützt und wir ihm nichts dafür zurückgeben, werden wir uns diesem Menschen niemals nahe fühlen: Wir werden keinen großen Wunsch verspüren, ihm ins Gesicht zu schauen.

Wertlosigkeit
Dasselbe gilt für die kommende Welt. Wenn G’tt uns dort hinbringen und uns umsonst »belohnen« würde, würden wir uns dem G’tt, der uns dies gewährt hat, niemals nahe fühlen. Es würde in uns höchstens ein überwältigendes Gefühl von Wertlosigkeit und Abhängigkeit hervorrufen. Unsere Belohnung wäre unverdient, und wir wären uns dessen bewusst – in Ewigkeit.

Aber das Problem reicht noch tiefer. In der physischen Welt sind wir mit Konzepten wie dem Gesetz zur Erhaltung von Energie vertraut. Energie entsteht nicht aus dem Nichts, und das seit G’ttes initialem Schöpfungsakt. Sie kann konzentriert, zerstreut, geleitet und umgewandelt werden, aber sie kann niemals geschaffen oder zerstört werden.

Dasselbe gilt für das Reich des Spirituellen. Eine Belohnung, die unverdient ist, ist nicht nur peinlich, wenn man sie annimmt. Sie kann per definitionem nicht existieren. G’tt kann uns nicht umsonst »belohnen«. Wenn unsere Belohnung verdient ist, ist sie das natürliche Ergebnis unserer Bemühungen. Wenn wir nichts getan haben, dann kann keine Belohnung daraus folgen – und sie tut es auch nicht. Daher hat G’tt uns die Gelegenheit gegeben, eine Belohnung zu verdienen. Er hat eine materielle Welt geschaffen, die dunkel und entfernt von Ihm ist oder zumindest so erscheint.

G’tt zu dienen, ist also eine Herausforderung. Wir sollen G’tt hinter physischen Schichten von Trennung und Desinteresse entdecken. Wir sollen einen freien Willen haben, sodass die Option für Böses und Zerstörung existiert, und wir sollen diese Freiheit mit Bedacht nutzen, um G’tt näherzukommen. Auf diese Weise gewinnen unser Leben und unsere Handlungen an Bedeutung, und die ultimative Belohnung ist unsere. Wir besitzen also eine wahre und ewige Existenz – in dem Wissen, dass wir sie uns durch unsere eigenen unablässigen
Leistungen verdient haben.

Irrealität Dahinter verbirgt sich ein fundamentales Dilemma, das an den Kern der schieren Existenz des Menschen rührt. Der Mensch als Wesen der Schöpfung ist niemals »real«. Wenn ein Mensch von G’tt erschaffen wurde und aus eigener Kraft nichts erreicht hat, ist er nichts weiter als eine Verlängerung G’ttes. Er ist von G’tt nicht weniger abhängig als ein Gemälde von seinem Künstler.

Ein solcher Mensch wird mit einem überwältigenden Gefühl der Nichtexistenz leben. Er hat keine Realität; er ist nur ein Teil einer Projektion von G’ttes Weisheit und Macht. Dass er ein funktionierendes Herz und ein aktives Gehirn hat, ändert nichts an diesem grundlegenden, lähmenden Gefühl. Wer niemals etwas getan hat, um seine Existenz zu rechtfertigen, der ist nicht real.

Und hier liegt der Kern des Problems: Das lähmende Gefühl der Nichtexistenz quält und sucht den denkenden Menschen ohne Unterlass heim – und bringt ihn dazu, bis ans Ende der Welt nach Unsterblichkeit zu streben. Dieses Gefühl war es sogar, das Adam und Eva dazu gebracht hat, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Es gibt für einen Menschen keine größere Freude, als sich »real« zu fühlen.

Leistungen
Wie kann man dieses Gefühl der Realität erlangen? Durch Leistungen, durch die Ausübung des freien Willens und die Entscheidung für das Gute. Dadurch hat der Mensch etwas aus sich gemacht: Wenn er sich für das Gute statt für das Böse entscheidet, hat er gekämpft und gewonnen. Das garantiert ihm nicht nur eine Belohnung, sondern seine Existenz. Er ist nicht nur ein Geschöpf, das von G’tt geformt und durch den Schöpfer programmiert wurde. Seine Taten sind seine eigenen, G’tt hat sie nicht für ihn vollbracht.

Nun können wir beginnen, wertzuschätzen, was die kommende Welt wirklich ist. Sie ist nicht einfach ein Ort der Belohnung. Sie ist ein Ort der Existenz. Wer seinen Anteil an der Nachwelt selbst erschafft, verdient sich seine Existenz. Er wird sein eigenes Geschöpf, unabhängig von G’tt – er kann ihn lieben und von ihm geliebt werden. Die kommende Welt ist eine Welt der Nähe. Wir existieren und sind ewig – und wir können uns in Ewigkeit an der ekstatischen Glut der g’ttlichen Präsenz wärmen.

Übersetzung und Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.aish.com

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