Tefillin

Nicht nur gut fürs Herz

Das Anlegen der Gebetsriemen gehört zu den zentralen Geboten des Judentums – es soll angeblich auch die Durchblutung fördern. Foto: Rafael Herlich

Das Anlegen der Gebetsriemen gehört zweifellos zu den wichtigsten Geboten der Tora. Jeder heranwachsende jüdische Junge träumt von dem Tag seiner Barmizwa – dem Tag, an dem er feierlich Tefillin anlegen wird. Und obwohl mit dem Erreichen des 13. Lebensjahres alle Gebote der Tora erfüllt werden müssen, sind es gerade die Gebetsriemen, die zentral wichtig erscheinen – nicht zuletzt, weil sie fast immer auf Barmizwa‐Einladungen abgebildet werden.

Gleichzeitig fallen die Gebetsriemen wegen ihres Aussehens, ihrer Beschaffenheit und der Art und Weise ihres Bindens in die Kategorie der Gebote, die sehr viel Interesse und Neugier nicht nur bei Juden wecken. Vielleicht deshalb hat die vor Kurzem erschienene Tefillin‐Studie des jungen Mediziners Jack Rubinstein, Dozent an der Universität von Cincinnati in Ohio, so viel Aufmerksamkeit in den Medien geweckt.

Die Erhebung zeigt, dass sich bei Männern, die täglich Tefillin legen, weniger »negative« Proteine in der Blutbahn befinden.

Herzfunktion Die im »American Journal of Physiology« erschienene Studie behandelt den Einfluss der Gebetsriemen auf die Herzfunktion. 20 jüdische Männer nahmen an der Studie teil, darunter neun, die täglich Tefillin anlegen, und elf, die dies nicht tun. Die Messungen an den Probanden wurden jeweils nach 30 Minuten Tefillin‐Tragen durchgeführt. Dazu gehörten die Vitalfunktionen der Teilnehmer, Blutanalysen zum Nachweis bestimmter Proteine, die das Wachstum der Zellen regulieren, sowie der Blutfluss im Arm, an dem keine Tefillin gelegt wurden.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Durchblutung bei Männern, die täglich Tefillin tragen, besser war. Jedoch verbesserte sich die Durchblutung bei allen Teilnehmern schon nach dem Anlegen der Tefillin wesentlich. Die Erhebung zeigte auch, dass sich bei Männern, die täglich Tefillin legen, weniger Proteine in der Blutbahn befinden, die sich auf die Herzfunktion negativ auswirken können.

Bei manch einem hat diese Erhebung ein Schmunzeln aufs Gesicht gezaubert. Man verspürt ein Gefühl der Zufriedenheit, denn man gehört schließlich zu der Gruppe, die regelmäßig Tefillin legt, und fühlt sich bestätigt, selbst auch etwas für die Gesundheit zu tun. Andere wiederum überlegen sich, die Tefillin von der Barmizwa aus dem Schrank zu holen und anzufangen, täglich Riemen zu binden.

Besonders dann, wenn man erfährt, dass es nicht die erste Studie dieser Art ist. Denn schon im Oktober 2002 erschien ein Artikel im »Journal of Chinese Medicine«, in dem der Autor Steven Schram sogar alle Bräuche des Tefillinlegens (aschkenasisch, sefardisch, chassidisch) untersucht und festgestellt hat: »Unabhängig von der Art und Weise des Bindens scheint es klar zu sein, dass das Anlegen von Tefillin eine einzigartige Möglichkeit ist, sehr genaue Akupunkturpunkte zu stimulieren, die den Verstand reinigen und den Geist zu harmonisieren scheinen.«

Die Gebote sollen aus Liebe und um ihrer selbst willen erfüllt werden.

Was ist dran an der Sache, und wie betrachtet das Judentum Studien dieser Art? Schon der Talmud (Kidduschin 30b) untersucht das hebräische Wort »vesamtem« aus dem 5. Buch Mose 1,18, jener Stelle, die das Gebot des Tefillinlegens behandelt, und teilt es in zwei Worte auf. Dabei entsteht »sam tam« – »vollkommene Mixtur«, denn die Tora wird mit einer Mixtur des Lebens verglichen.

Und auch, wenn es auf den ersten Blick so scheint, als ob das Gebot der Riemen oder gar die ganze Tora eine Art Medizin sein soll, präzisieren hier die Gelehrten, dass die Beschäftigung mit der Tora dabei hilft, gegen den Jezer Hara – den bösen Trieb – anzukämpfen.

Die Behauptung, dass es sich bei der Tora mit ihren 613 Ge‐ und Verboten um ein Medizinbuch handelt, ist allerdings fatal, denn somit wird die »vollkommene Tora des Ewigen« (Psalm 19,8) auf ein Minimum reduziert beziehungsweise degradiert.

Kontroverse Und doch ist der Gedanke, dass die Gebote oder zumindest einige davon der Gesundheit zugutekommen, nicht fremd. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Rambam (Maimonides, 12. Jahrhundert n.d.Z) und Ramban (Nachmanides, 13. Jahrhundert n.d.Z.), was die jüdischen Speisevorschriften angeht, ist gut bekannt.

Maimonides war nicht nur halachische Autorität seiner Generation, bedeutender Philosoph und Gelehrter, sondern auch Leibarzt des Sultans. Er hat viele Kaschrutgesetze aus medizinischer Perspektive logisch erklärt. So war der Rambam zum Beispiel der Meinung, dass die von der Tora zum Verzehr verbotenen Lebewesen der Gesundheit des Menschen schaden würden. Dagegen lehnte sich Nachmanides, der Ramban, auf und argumentierte, am Beispiel anderer Völker könne man sehen, dass der Verzehr von für Juden verbotenen Lebewesen keine gesundheitlichen Schäden verursache.

Vielmehr, so Nachmanides, wirkte sich der Konsum unreiner Lebewesen auf die Seele des Menschen aus und mache auch diese unrein. Auch andere Gelehrte sind der Meinung, dass bei der Einhaltung der Gebote die Seele des Menschen im Vordergrund steht – nicht zuletzt, weil sie ewig ist und auch nach dem Ableben des Körpers weiterhin existiert.

Im Gebet für einen Kranken bitten wir um die Genesung von 248 Organen und 365 Sehnen.

Im Gebet für einen Kranken bitten wir um die Genesung von 248 Organen und 365 Sehnen. Dies tun wir in Anleitung an die Mischna Ohalot 1,8. Rabbi Schimlaj zieht in Traktat Makot 23b eine Parallele und macht darauf aufmerksam, dass die Anzahl der Gebote (613) mit der Anzahl der Körperorgane übereinstimmt.

Zudem entspricht auch die Anzahl der Verbote der Anzahl der Sehnen im Körper. Insgesamt ergibt sich die Zahl von 613 Geboten und Verboten. Diese Parallele sollte aber nicht so verstanden werden, dass der gesundheitliche Zustand einzelner Organe von der Ausübung bestimmter Gebote abhängt.

Der Midrasch Mischlej erklärt diesen Zusammenhang wie folgt: »Jeden Tag spricht jedes Körperteil zum Menschen: Bitte erfülle mit mir dieses oder jenes Gebot.« Auch hier geht es nicht um den Gesundheitszustand der Organe, sondern um deren Einsatz bei der Erfüllung der Gebote.

Das Judentum kann die Gebote nicht aus der Perspektive der Medizin interpretieren, denn das würde ja auch bedeuten, dass das Judentum keine Rücksicht auf die Gesundheit der Frauen nimmt. Denn Frauen sind von dem Gebot befreit, Gebetsriemen anzulegen. Dies bedeutet schließlich nicht, dass Frauen nicht an Herzerkrankungen leiden!

Es gibt einen Grund, warum die Tora die Bedeutung der Gebote oder eine Belohnung für deren Einhaltung nicht offenbart. Eine Analyse der Gebote aus medizinischer Perspektive bringt die Gefahr mit sich, dass einige Gebote vernachlässigt werden könnten, falls deren Wirkung auf die Gesundheit von den Medizinern nicht bestätigt würde.

Die Tora ist kein Medizinbuch. Wer sie so versteht, reduziert sie auf ein Minimum.

Falls eine Studie beweisen könnte, dass eine bestimmte Mizwa der Gesundheit schadet, würde das dazu führen, dass diese Mizwa gar nicht mehr befolgt wird. Dies ist jedoch nach Ansicht des Radatz (Rabbiner David Zvi Hoffmann, der vor 100 Jahren im Berliner Rabbinerseminar wirkte und unterrichtete) laut Tora eindeutig verboten. Er verweist dabei auf folgende Stelle: »Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das Ich euch gebiete, und davon nichts mindern« (5. Buch Mose 4,2) – denn die Tora ist nur mit allen 613 Geboten vollkommen.

Nicht weniger interessant ist die Tatsache, dass die Gebetsriemen ihre Heiligkeit erst durch die handgeschriebenen Passagen aus der Tora erlangen. Diese befinden sich sowohl im Kopf‐ als auch in den Handtefillin. Auch andere Merkmale der Riemen werden genauestens eingehalten.

Schnur Die Bedeutung der Tefillin nur auf die positive Auswirkung auf das Herz zu reduzieren, macht die Tefillin als solche überflüssig. Denn um nur den Arm abzubinden, damit eine heilende Wirkung auf die Herzfunktion eintritt, kann ja auch ein x‐beliebiges Band oder eine Schnur verwendet werden.

Außerdem predigt das Judentum, dass die Gebote aus Liebe und um ihrer selbst willen befolgt werden sollten, ohne dabei jegliche Absichten zu haben – so Rambam in seinen Kommentaren zum Traktat Makkot. Verspricht man sich vom Tefillinbinden auch eine Verbesserung des Herzkreislaufs, so wurde das Gebot nicht ordnungsgemäß erfüllt.

Der Ewige hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen. Seitdem ist die Einhaltung der Gebote Pflicht. Wenn aber nur eine medizinische Studie einen Menschen veranlasst, die Gebote zu befolgen, würde das bedeuten, dass die Weisung G’ttes, des Königs des Universums, von Rubinstein, Schram & Co. (das heißt, von Menschen) abgesegnet werden müsste, um befolgt zu werden.

Beide Studien zu Tefillin, sowohl die der Schul‐ als auch die der Alternativmedizin, sind zweifellos sehr interessant. Jedoch motivieren uns zu unserer religiösen Praxis nicht Untersuchungen und Erhebungen, sondern der Glaube allein.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Groß‐Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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