Missbrauch

Kein Schutzraum für Verbrecher

Täter können Personen sein, die uns vertraut sind und zu denen wir ein enges freundschaftliches Verhältnis pflegen. Foto: Getty Images/iStockphoto

Von religiösen Menschen wird erwartet, dass sie ihr Verhalten nach dem Wertesystem ausrichten, das ihnen ihr Glaube vorgibt.
Das gilt selbstverständlich auch für jeden, der im Sinne der Tora erzogen worden ist. Diese Menschen unternehmen alles, um auf dem richtigen Weg zu bleiben und nicht davon abzuweichen – jedenfalls hoffen wir das. Sicherlich können wir uns kaum vorstellen, dass eine solche Person anderen absichtlich Schaden zufügen oder etwa sexuellen Missbrauch betreiben könnte.

Und hier kommt das Thema Strategie ins Spiel. Damit bezeichnen wir Handlungen, die ein Mensch erst in seinem Kopf durchspielt, um sie anschließend in einer konkreten Situation auf die eine oder andere Weise auszuführen – schließlich weiß jeder von uns, dass es Momente gibt, in denen man nicht immer in der Lage ist, adäquat zu reagieren oder zu handeln. Deshalb werden alle Optionen erst einmal genau analysiert, woraufhin man sich dann Gedanken über die Art und Weise macht, wie die nächsten Schritte aussehen sollten.

Dabei halten Menschen die Umgebung ganz bewusst über ihre Pläne im Unklaren. Man lacht vielleicht über einen Witz, der durchaus alles andere als lustig ist, oder zeigt sich nach außen hin traurig und betroffen über eine Situation, obwohl man sich eigentlich innerlich darüber freut.

Kajin und sein Bruder Hewel

Ein derartiges Verhalten ist bereits unmittelbar nach der Erschaffung der Welt zu beobachten. So wandte Kajin bei der Ermordung seines Bruders Hewel eine List an, indem er alle seine Schritte sorgfältig plante, also eine Strategie hatte. Kurzum, er ging sehr berechnend vor, »weil er ihm sagte, wir würden auf das Feld hinausgehen, und dort tötete er ihn heimlich« (Kommentar des Ramban, Nachmanides, zum 1. Buch Mose 4,8).

Kaijn wollte auch nach Auslegung anderer Weiser seinem Bruder gezielt schaden: »Und er ist einer, über den man immer sagt: ›Was für ein böser Mann – hinterlistig‹« (Rabbenu Bechaje).

Mit der Tat wird gleichzeitig ihre Verschleierung geplant.

Ein hinterlistiger Mensch, der jemand anderem mit Absicht Schmerzen zufügen will, hat im Regelfall einen genauen Plan, und zwar nicht nur, wie er sein Vorhaben in die Tat umsetzen kann, sondern auch, was alles unternommen werden muss, damit der Verdacht nicht auf ihn fällt. Mit der Tat plant man also gleichzeitig ihre Verschleierung.

Umso schwerer wiegt das, wenn es sich dabei um Personen handelt, die uns vertraut sind und zu denen wir ein enges freundschaftliches Verhältnis pflegen.

Wir können uns einfach nicht vorstellen, dass so jemand uns Schaden zufügen möchte, und würden ihn nie verdächtigen – vor allem, wenn diese Person auch noch fromm ist, Gebete spricht und sich an die Regeln der Tora hält.

»Eine Höhle von Dieben war in deinen Augen dieses Haus, das nach mir benannt wurde?!« Die Menschen sind vom Verhalten des Mannes am Ort des Tempels so fasziniert, sodass dieser es schafft, nach außen hin als ehrlicher Mensch zu erscheinen, der nur Gutes will. Aber wie verhält er sich wirklich? Der Prophet Jeremia (17,11) beschreibt hier das Erstaunen Gʼttes darüber, dass die Menschen den Tempel in eine Verbrecherhöhle verwandeln konnten, also in einen Zufluchtsort für Kriminelle. »Wenn du dort einen Mann siehst, der sich vor Gʼtt verneigt, wirst du ihn für vollkommen gerecht halten und seine Gräuel werden vor deinen Augen verborgen bleiben« (Malbim).

Die Taten des Mörders werden in der Tora sehr genau beschrieben. »Und weil einer gegen den anderen aufstehen wird, um durch List zu töten, werdet ihr uns von meinen Altären aus töten« (2. Buch Mose 21,14). Der schlaue Mann versteckt sich in der Nähe des Heiligen. Er versucht und schafft es sogar, die Umgebung über seine wahren Absichten im Dunkeln zu lassen und sie zu verwirren, indem er nach außen zeigt, dass er offenbar ein Mensch sei, dessen Seele voller Leidenschaft für seinen Glauben ist.

Es muss die Aufgabe der Gesellschaft sein, solche Taten anzuprangern.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch sagt dazu: »Der jüdische Altar bietet dem Verbrecher keinen Schutz!« Wir sollten unser Wertesystem nicht auf den Kopf stellen und eine Situation herbeiführen, in der sich eine Person hinter dem Heiligsten verstecken kann. Andere gezielt zu verletzen und sich gleichzeitig als gerecht zu zeigen – diese Rechnung kann und darf für einen Kriminellen nicht aufgehen.

Mildernde Umstände oder Bestrafung des Verbrechers

Selbstverständlich kann es mildernde Umstände geben, aber Versöhnung besteht in der Bestrafung des Verbrechers. Und wie Rabbiner Hirsch weiter erklärt, ist Sühne einem Opfer gleichzustellen, das immer wieder auf dem Altar geopfert wird.

Als normale menschliche Reaktion kann dieser Person, die sich einerseits religiös verhält, gleichzeitig aber anderen Menschen und ihrem Körper Schaden zufügt, Mitleid entgegengebracht werden. Aber Milde ist in einem solchen Fall nicht wünschenswert. »… und es ist nicht angebracht, Mitleid mit ihm zu haben und sich seiner zu erbarmen, denn Barmherzigkeit ist an diesem Ort Grausamkeit gegenüber den Geschöpfen« (Rabbenu Bechaje).

Auch heute noch gibt es Menschen, die ihre Stellung gegenüber Kindern und Jugendlichen, hilflosen Frauen oder Männern missbrauchen, um sie auszunutzen und ihnen physisch und psychisch zu schaden.

Es muss die Aufgabe der Gesellschaft sein, solche Taten anzuprangern und die jüngere Generation dazu zu erziehen, einem moralischen Weg zu folgen. Man muss sich ganz entschieden gegen jeden Versuch wehren, die Religion als Schutzraum zu instrumentalisieren, um unmoralisches Handeln zu verbergen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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