Lech Lecha

»Ich werde dir dieses Land geben«

Ansicht des biblischen Elon More, nahe des heutigen Nablus: »Und Awram durchzog das Land.« Foto: Getty Images

In unserem Wochenabschnitt bricht Awram auf G’ttes Geheiß auf ins Land Kena’an, wie das Gelobte Land zu dieser Zeit genannt wurde. Er, seine Frau Sarai und ihr Neffe Lot packen ihr Hab und Gut zusammen und lassen sich in Elon More in der Nähe von Sichem, dem heutigen Nablus, nieder.

G’tt gibt Awram ein ewiges, immerwährendes Versprechen und sagt: »Dir und deinen Nachkommen werde Ich dieses Land geben« (1. Buch Mose 12,7). Zu jener Zeit steht das Land unter der Herrschaft der Kena’aniter; dennoch versichert G’tt Awram, dass es eines Tages seinen Nachkommen gehören wird.

G’tt gibt Awram mehr als nur ein Versprechen. Er schließt einen Bund mit ihm. Dieser Bund beinhaltet, dass er dieses Land Awrams Nachkommen durch Jizchak und Jakow als ewiges Erbe geben wird: »Ich will meinen Bund aufrichten als einen ewigen Bund zwischen Mir und dir und deinen Nachkommen nach dir für alle künftigen Generationen, dass Ich dein G’tt sei und der G’tt deiner Nachkommen nach dir. Das ganze Land Kena’an, in dem du jetzt als Fremder weilst, will Ich dir und deinen Nachkommen nach dir zum ewigen Besitz geben; und Ich will ihr G’tt sein« (17, 7–8).

Der Herr lässt einen tiefen Schlaf über Awram fallen, als er den Bund mit ihm schließt, wahrscheinlich um zu betonen, dass dieses bedingungslose Versprechen allein vom Ewigen ausgeht (15, 8–20). Der Herr spricht zu Awram und sagt: »Mach dich auf, durchwandere das Land in seiner ganzen Länge und Breite, denn Ich gebe es dir« (13,17).

WANDERUNG Als G’tt Awram befiehlt, das Land der Länge und Breite nach zu durchwandern, ging es nicht nur um einen kleinen Besichtigungsspaziergang, sondern um die Erfüllung eines alten orientalischen Rechtsbrauchs, der darin bestand, den Besitz eines Grundstücks zu beanspruchen, indem man es durchwanderte.

Ägyptische und hethitische Könige verließen regelmäßig ihre prächtigen Paläste, um einen zeremoniellen Spaziergang durch ihre Ländereien zu unternehmen und dabei ihren Besitz immer wieder zu bestätigen. In Mesopotamien, so berichten antike Quellen, hob der Verkäufer eines Grundstücks seinen Fuß vom Land und setzte den Fuß des Käufers absichtsvoll darauf. Dies erklärt vielleicht auch den kulturellen Kontext der Torastelle, in der G’tt später Jehoschua verspricht, ihm »jeden Ort zu geben, den er mit seiner Fußsohle betritt« (Jehoschua 14,9).

Als Awram also das Land durchwanderte, nahm er es rechtlich gesehen für sich und seine Nachkommen als ewiges Eigentum in Besitz.
Während Noach einst »mit« G’tt gewandelt war, ging Awram »vor« G’tt und ebnete der Welt den Weg zum Glauben an den einen ewigen G’tt.
Awram hatte die Fähigkeit, Grenzen zu überwinden: Er ging nicht nur von Mesopotamien nach Kena’an, er ging mutig von einer Welt der Götzenanbetung in eine andere Welt, in welcher der wahre und einzige G’tt angebetet wurde. Die Welt seiner Ahnen stand auf der einen Seite und er mit der Wahrheit auf der anderen.

Aus diesem Grund ist Awram der erste Mensch, der »Iwri« genannt wurde – also »derjenige, der hinüberging«. Dieses Wort stammt von dem hebräischen Verb la’awor (hinübergehen) und wird einfach mit »Hebräer« übersetzt.

HERDEN Awram und sein Neffe Lot sind inzwischen wohlhabend geworden. Ihre Herden sind so groß, dass das Land sie nicht alle ernähren kann (1. Buch Mose 13,6). »Und es kam zum Streit zwischen den Hirten von Awrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh« (13,7). Daraufhin beschließen Awram und Lot, getrennte Wege zu gehen, um die Situation zu entschärfen.

Vielleicht können wir in der Entscheidung, die Lot trifft, einen Hinweis auf die Ursache des Streits erkennen. Als Awram ihm die erste Wahl für das Weideland anbietet, wählt Lot das Beste für sich selbst, anstatt darauf zu bestehen, dass sein Onkel, der ihn stets wie einen Sohn behandelt hat, den Vorzug erhält.

Lot wählt die grünen, fruchtbaren Ebenen des Jordantals in der Nähe von Sodom und Gomorrha, und Awram zieht weiter zu den Ebenen von Mamre, wo sich heute die Stadt Hebron befindet (13, 10–11).
Kurz nachdem sie sich getrennt haben, braucht Lot Awrams Hilfe, als vier mächtige kanaanitische Könige ganz Sodom einnehmen und Lot gefangen nehmen. Awram stellt daraufhin ein kleines Heer von 318 Männern zusammen und befreit die Gefangenen.

Awram beweist im Krieg gegen diese Könige nicht nur militärisches Geschick und Tapferkeit, sondern opfert sich für seinen Neffen auf und ist sehr gütig zu ihm. Mit einer kleinen Armee, die den vier Königen und ihren Heeren zahlenmäßig weit unterlegen war, riskiert Awram sein eigenes Leben, um das seines Neffen zu retten.

BESTIMMUNG Die Parascha Lech Lecha umspannt Awrams Leben zwischen seinem 75. und 99. Lebensjahr. Das heißt, er lebte die meiste Zeit seines Lebens, ohne seine eigentliche Bestimmung wirklich zu kennen – bis G’tt sie ihm durch einen Bund offenbarte, der zu seiner Namens­änderung führte. Awram wartete wieder lange, bevor er die Erfüllung seines Schicksals durch seinen Sohn Jizchak erlebte.

In unserer Parascha sagt G’tt zu ihm: »Du sollst nicht mehr Awram heißen, sondern du sollst Awraham heißen; denn Ich habe dich zum Vater vieler Völker (Hebräisch: Aw Hamon Gojim) gemacht« (1. Buch Mose 17,5). Durch das Hinzufügen eines einzigen hebräischen Buchstabens – des Buchstaben He – wurde »Awram« (der erhabene Vater) zu »Awraham« (der erhabene Vater einer Vielzahl von Völkern).

Und durch das Hinzufügen desselben Buchstabens He zum Namen von Awrahams Frau wurde dieser von Sarai, was so viel wie »meine Prinzessin« bedeutet, zu Sarah – »Prinzessin der ganzen Welt«.
Aus diesem Grund nimmt die jüdische Tradition an, dass eine Namensänderung auch das Schicksal eines Menschen verändern kann.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

INHALT
Der Wochenabschnitt Lech Lecha erzählt, wie Awram und Sarai ihre Heimatstadt Charan verlassen und nach Kena’an ziehen. Awrams ägyptische Magd Hagar schenkt ihm einen Sohn, Jischmael. Der Ewige schließt mit Awram einen Bund und gibt ihm einen neuen Namen: Awraham. Als Zeichen für den Bund soll von nun an jedes männliche Neugeborene am achten Lebenstag beschnitten werden. 1. Buch Mose 12,1 – 17,27

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

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