Kedoschim

Heilig sollt ihr sein!

Vieles ist in der Tora vorgegeben – aber nicht alles. Foto: Getty Images

Er schaffte es bis zum großen Tannaiten Hillel. Der nichtjüdische Mann klopfte an die Tür des Rabbis. Er hatte ein spezielles Begehren: »Lehr mich die ganze Tora, während ich auf einem Fuß stehe!« Mit dieser Frage war er schon bei Schamai vorstellig geworden, dem Antipoden von Hillel. Schamai hatte ihn verscheucht. Hillel hingegen blieb gelassen und sagte zu ihm: »›Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.‹ Das ist die ganze Tora.«

Diese kurze Anekdote wird im Talmud (Schabbat 31a) erwähnt und lädt zu vielen Interpretationen ein. Handelt es sich hier um einen Spötter, der die beiden Rabbinen zu einem Spielchen herausforderte? Oder geht es um mehr? Eine Antwort liefert uns der Wochenabschnitt Kedoschim. Er beginnt mit den Worten: »Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich.« Wie man heilig werden kann, wird nicht verraten. Die Gebrauchsanleitung fehlt.

Auch das nächste Gebot ist so kurz wie nur möglich: »Vor Vater und Mutter sollt ihr euch fürchten.« Und nicht viel länger ist das dritte Gesetz in unserem Wochenabschnitt: »Meine Schabbatot sollt ihr beachten.«
Was genau verlangt wird, wie man den Eltern gehorchen muss und was die Schabbat-Gebote beinhalten: Man erfährt es nicht. Drei elementare Gebote, aber keine Details.

FRIEDENSOPFER Ein paar Sätze weiter wird alles noch verwirrter. Diesmal geht es um das Friedensopfer, das bis zum dritten Tag nach der Schlachtung verzehrt werden muss. In der Tora wird das einfache Gebot minutiös erläutert: »An dem Tag, da ihr es opfert, und am Tag darauf darf es gegessen werden; was aber bis zum dritten Tag übrig bleibt, muss verbrannt werden.« Um alles abzusichern, wird das Gebot gleich noch einmal erläutert: »Sollte es aber am dritten Tag gegessen werden, so wird es verworfen, es wird nicht wohlgefällig aufgenommen.«

Die kompliziertesten Gesetze des Judentums werden im Schnelldurchlauf besprochen – ein Detail bei den Friedensopfern hingegen erfährt viel Erwähnung in der Tora.

Das Judentum wird oft missverstanden als Regelwerk, als eine Religion, die jeden Schritt reglementiert und für alles eine Wegleitung anbietet. Die Speisegesetze sind dermaßen kompliziert, dass Anfänger verzweifeln. Und erst die Verbote rund um den Schabbat! Wer verstehen will, was erlaubt und untersagt ist, braucht viel Erfahrung und viel Wissen. Wie klein dürfen bei einem Obstsalat die Früchte geschnitten werden? Ist das Herauspicken von Mangostücken aus der Salatschüssel später erlaubt? Geh, lern oder frag den Rabbi!

Wer von außen das Judentum betrachtet, mag den Kopf schütteln über manche Paragrafenreiterei. Andererseits: Wie ist es möglich, dass aus einer vermeintlich starren Religion so viele jüdische Freigeister entstanden sind? Jüdische Künstler, jüdische Wissenschaftler, jüdische Revolutionäre?

Wer das verstehen will, sollte einmal einen Schabbat bei religiösen Juden verbringen. Ich erinnere mich an Besuche bei streng orthodoxen Familien, die während des Schabbats nur gesungen, gelacht, gelernt und geschlafen haben. Von den einengenden Vorschriften war wenig zu spüren. Natürlich wurden die Gebote gehalten, aber wie diese Familien den Schabbat gefeiert haben, bleibt mir unvergesslich.

RAHMEN »Meine Schabbatot sollt ihr beachten«, schreibt die Tora vor. Es ist die Quintessenz des Feiertags. Von frommen Juden wird viel verlangt. Was Gott aber gewiss nicht will, ist freudloses Befolgen sämtlicher Gebote. Die Verbote bilden nur den Rahmen – wie man den Tag ausfüllt, ist letztlich jedem freigestellt.

»Heilig sollt ihr sein!« Ein unmögliches Gebot. Wer ist heilig? Die Rabbiner? Vielleicht ein paar. Aber wie wird man heilig? Im Midrasch finden wir eine erste Erklärung. Heilig wird man durch Entsagung. Raschi (1040–1105) und der Ramban (1194–1270) sind unterschiedlicher Ansicht darüber, von welchen Gelüsten eine Entsagung gefordert wird. Es ist kompliziert. Wie vieles im Judentum.

Doch: Ist es nicht ein Glück, dass die Tora darauf verzichtet, aufzuzählen, was man alles machen muss, um »heilig« zu sein? Der Kurzbefehl »Heilig sollt ihr sein!« darf so verstanden werden wie das Gebot: »Meine Schabbatot sollt ihr beachten«. Am Ende geht es um das Bestreben, ein guter Mensch zu sein. Wer zeitlebens nur die Gebote eingehalten hat, hat das Wesen des Judentums nicht richtig verstanden.

Zum Beispiel die Gebete. Im Gottesdienst ist alles festgelegt. Wie und wo man sich im Gebet verbeugt, die strenge Reihenfolge und die korrekte Aussprache. Doch wer sich in der Synagoge umblickt, sieht viele Betende, die alles korrekt machen und mit dem Kopf doch woanders sind.
Würde das Sinn ergeben: »Heilig sollt ihr sein und an nichts anderes denken, während ihr betet«? Nein, das würde nichts bringen. Nicht für Gott und nicht für die Menschen.

WEGWEISUNG Wie man heilig wird, dafür gibt es keine passende Wegweisung. Auch nicht für die richtige Schabbatfeier oder den Umgang mit den eigenen Eltern.

Die wichtigen Gebote, auf die es ankommt, können eben nicht mit Geboten und Verboten umrissen werden. Es ist ein stetiges Abwägen, was wichtig ist und was nicht. Vieles ist in der Tora vorgegeben, zum Glück nicht alles. Wie reagiert man als Vater, wenn die Tochter den Kidduschbecher ausleert? Soll man auf den Tisch hauen und die Schabbatstimmung ruinieren? Oder einfach weitermachen?

Die Kurzform »Meine Schabbatot sollt ihr beachten« zwingt uns, darüber nachzudenken, worauf es ankommt. Das gilt auch für die Minimalform »Heilig sollt ihr sein!«. Wer nicht selbst überlegt, wie er auf diese Stufe kommt, schafft es auch nicht mit Geboten. Und wer seine Eltern aufgrund von Tausenden Vorschriften ehren will, tut ihnen keinen Gefallen.

Das Judentum ist in den entscheidenden Dingen kein Brockhaus in 20 Bänden. Die Grundregel lernt man auf einem Fuß. Den Rest nur durch das Leben. »Und nun, geh und studiere die Gesetze!«, rief Hillel dem Nichtjuden zu, als er ihm das Elementare, die Nächstenliebe, erklärte.

Der Autor ist Journalist in Zürich und hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.

inhalt
Der Wochenabschnitt Kedoschim enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026