Talmudisches

Gift

Rauschuppige Buschviper Foto: picture alliance / imageBROKER

Talmudisches

Gift

Was unsere Weisen über die verborgenen Gefahren und Heilkräfte in unseren Speisen lehren

von Rabbinerin Yael Deusel  20.11.2025 08:40 Uhr

Im Traktat Pessachim (116a) stellt Rav Ami fest, dass Charoset geeignet sei, Gift in Bitterkräutern zu neutralisieren. Und im Weiteren erfahren wir, man solle Rettich essen gegen das Gift im Salat beziehungsweise im Lattich. Ein Gegenmittel für das Gift im Rettich sei dagegen Lauch, und gegen das Gift im Lauch helfe heißes Wasser. Das Wasser sei sogar allgemein ein gutes Mittel gegen das Gift im Gemüse.

Manche Bitterstoffe wirken, in Maßen genossen, verdauungsfördernd

Was meint er mit diesem Gift? Weder der Salat noch der Rettich oder der Lauch sind an sich giftig. Sie enthalten aber unterschiedliche Bitterstoffe, die nicht unbedingt gut schmecken. Manche davon wirken, in Maßen genossen, sogar verdauungsfördernd, unter anderem die Bestandteile von Kopfsalat, Lattich und Rettich. Gesundheitsschädlich sind sie jedenfalls nicht.

Weniger gesund sind allerdings die Bitterstoffe im Lauch, die vor allem dann entstehen, wenn das Gemüse in sehr heißem Klima angebaut wird, und insbesondere, wenn die Pflanzen überreif geerntet oder unsachgemäß gelagert werden. Dies fördert die Vermehrung von Cucurbitacin im Lauch, einem Zellgift, das Übelkeit, Erbrechen und Magen-Darm-Krämpfe auslösen und schlimmstenfalls sogar tödlich wirken kann. Dieser Stoff wird zwar auch in heißem Wasser nicht völlig zerstört, er kann jedoch möglicherweise zumindest zum Teil ausgespült werden.

Während man den Lauch, wenn er allzu bitter ist, doch lieber entsorgen sollte, schmecken Salat und Lattich durch das Eintauchen in etwas Süßes weniger bitter und werden damit etwas bekömmlicher, gerade in der Kombination mit den Äpfeln, die auch im Charoset enthalten sind. Den Rettich taucht man dagegen besser in Salzwasser, wodurch seine Schärfe gemildert wird.

Weshalb nennt der Talmud nun warmes beziehungsweise heißes Wasser als generelles Antidot? Es kann zum einen zur Beruhigung von Magen-Darm-Proble­men dienen, als innerliche Wirkung. Andererseits ist kurz vorher im Talmud die Rede vom Waschen der Hände. Dies gibt uns eine weitere Erklärung. Denn aufgrund von Unsauberkeit können Bakterien ins Essen gelangen, die Übelkeit und Durchfall verursachen. Reine Hände und sorgfältig gewaschenes Gemüse wirken dem entgegen. Kochendes Wasser tötet darüber hinaus die meisten Bakterien ab.

Oleander ist eine hochgiftige Pflanze

All das hilft jedoch nicht bei wirklich giftigen Pflanzen. Im talmudischen Traktat Chullin (58b) wird die tödliche Wirkung von Pflanzen wie Asant (Asafoetida) und Oleander auf Tiere beschrieben. Beides ist aber auch für den Menschen gefährlich. Oleander ist eine hochgiftige Pflanze, die man nicht einmal verbrennen sollte, weil selbst der dabei entstehende Rauch beim Einatmen schädlich ist.

Asant dagegen dient in winzigen Mengen als Gewürz und wird sogar medizinisch eingesetzt, unter anderem gegen Magen-Darm-Beschwerden sowie zur Stärkung des Immunsystems. Hier entscheidet klar die Dosis zwischen Gift und Heilmittel.

Lebensgefährlich ist auch Schlangengift, im Regelfall aber nicht im Essen, sondern dadurch, dass es mit dem Biss der Schlange direkt in die Blutbahn gelangt. In Chullin (58b) wird interessanterweise nachdrücklich vor dem Verzehr von Tieren gewarnt, die durch einen Schlangenbiss zu Schaden kamen, und vor dem Trinken von Wasser oder Wein aus einem offen stehenden Behältnis, in dem eine Schlange ihr Gift hinterlassen haben könnte. Es ist tatsächlich nicht völlig auszuschließen, dass dieses Gift in Speisen oder Getränken über eine kleine Verletzung oder Entzündung im Mund- und Rachenbereich ins Blut gelangt und so dem Menschen gefährlich werden kann.

In winzigen Dosen findet Schlangengift allerdings auch Anwendung in der Medizin, wenngleich normalerweise nicht in der kuriosen Form, die ein Restaurant in China praktiziert. Die Spezialität des Lokals sind Gerichte aus Hühnern, die durch Schlangenbisse getötet und anschließend stark erhitzt werden, um das Gift in einen eiweißartigen Stoff umzuwandeln, der gegen Gefäßleiden eingesetzt wird.

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026

Korach

Im Vergleich

Oft schmerzt nicht der eigene Mangel, sondern der Vorsprung der anderen – doch zwischen Impuls und Handlung liegt ein entscheidender Moment

von Rabbiner David Kraus  18.06.2026

Militär

Verteidigung statt Zerstörung

Israel exportiert Arrow-3-Abwehrraketen nach Deutschland. Schon im Talmud wird der Verkauf von Waffen diskutiert. Die Rabbiner werfen moralische Fragen auf, die sich bis heute stellen

von Rabbiner Dovid Gernetz  18.06.2026

Halacha

Deutsch-jüdischer Leuchtturm

Die Berliner Studien zum Jüdischen Recht feiern ihr 30-jähriges Bestehen an der Humboldt-Universität

von Detlef David Kauschke  16.06.2026

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026