Alenu

Für den Weg in die Welt

Foto: Flash 90

Eines der berühmtesten Gebete, das am Ende jedes G’ttesdienstes gesprochen wird, ist Alenu Leschabe’ach. Interessanterweise findet man Alenu weder in den klassischen Siddurim der Geonim noch bei Maimonides, dem Rambam, als Teil der täglichen Gebetsordnung. Der Text stammt aus dem Mussaf, dem Zusatzgebet zu Rosch Haschana, das dem babylonischen Amora Rav zugeschrieben wird, und datiert somit auf die frühesten Formulierungen der Gebete. Als Bestandteil des täglichen Gebets taucht es jedoch erst relativ spät auf.

Historisch erscheint Alenu im Machsor Vitri (Frankreich, frühes 13. Jahrhundert) als ein nach den Gebeten rezitierter Abschnitt. Es wird auch im Abudraham (Spanien, Mitte des 14. Jahrhunderts) und später in allen Siddurim erwähnt. Ursprünglich scheint es nur nach dem Schacharit (Morgengebet) rezitiert worden zu sein, doch schließlich verbreitete es sich als Abschluss jedes Gebets – eine Entwicklung, die vom großen Kabbalisten Ari sel. A. nachdrücklich unterstützt wurde. Der Kol Bo (spätes 14. Jahrhundert) erwähnt sogar die Überlieferung, dass Alenu von Jehoschua bin Nun, dem Nachfolger von Mosche, verfasst wurde, als er den Jordan überquerte, um das Land Israel zu betreten.

Was ist die Bedeutung von Alenu? Der Bach (Joel ben Samuel Sirkis) schreibt, dass man sich, wenn man die Abgeschiedenheit der heiligen Synagoge verlässt und in die Welt hinausgeht, in der man Götzendienst und Unreinheit begegnet, die wahre Anbetung G’ttes einprägen und sich erneut dem Dienst G’ttes widmen soll. Mit anderen Worten: Alenu ist nicht der Abschluss des Gebets, sondern vielmehr ein Abschiedsgebet. Es ist die Einleitung zur Welt außerhalb des Gebets – und nicht dessen Ende.

Dies lässt sich am gängigen Brauch an Tagen veranschaulichen, an denen wir Mussaf sprechen. Obwohl der Ari empfahl, Alenu nach jedem Gebet zu sprechen, legte er fest, dass es nicht zwischen Schacharit (dem Morgengebet) und Mussaf (dem Zusatzgebet) gesprochen werden sollte. Der Grund dafür ist offenbar, dass Alenu nicht den Abschluss von Schacharit bildet, sondern den Abschied aus der Synagoge begleitet.

Alenu bildet nicht den Abschluss von Schacharit, sondern begleitet den Abschied aus der Synagoge.

Wenn zwei Gebete unmittelbar hintereinander gesprochen werden, gibt es keinen Grund, Alenu vor dem Verlassen der Synagoge nach dem ersten Gebet zu sagen. Bei manchen besteht auch der Brauch, Alenu wegzulassen, wenn Mincha (Nachmittagsgebet) und Maariw (Abendgebet) zusammen gebetet werden, vermutlich aus demselben Grund. Ebenso ist es üblich, an Jom Kippur Alenu weder nach Schacharit noch nach einem der anderen Gebete des Tages zu sprechen. Der Grund dafür ist wiederum, dass der gesamte Tag von Jom Kippur als »vor G’tt« definiert ist und man sich gewissermaßen die ganze Zeit in der Synagoge aufhält

Dies erklärt die im Kol Bo zitierte Aggada (Erzählung): In der Wüste lebte Israel in unmittelbarer Nähe zu Gott – umgeben von den Wolken der Herrlichkeit, genährt vom Manna, unterrichtet von Mosche. Doch jenseits des Jordans begann das Leben in der Welt – ein Leben mit Ackerbau, Arbeit und Verantwortung, aber auch mit Versuchung und Götzendienst. Der Eintritt in das Land war zugleich der Eintritt in die Geschichte mit all ihren Herausforderungen. Für diesen Moment – den Schritt aus der reinen Gegenwart G’ttes in die unvollkommene Welt – wurde Alenu geschaffen.

Alenu besteht aus zwei Teilen: »Alenu Leschabe’ach« und »Al ken nekawe«. Der Zusammenhang ist eindeutig kausal. »Alenu Leschabe’ach« bedeutet, Gott dafür zu preisen, dass Er uns von der übrigen Menschheit abgesondert und uns gelehrt hat, Ihn, den König der Könige, anzubeten, der die Welt erschaffen hat und dessen Herrlichkeit den Himmel erfüllt. Daher hoffen wir, den Tag zu erleben, an dem Seine Majestät sich in einer Welt widerspiegelt, in der das Böse beseitigt ist und alle Menschen Seine Königsherrschaft anerkennen. Dies ergibt insbesondere an Rosch Haschana Sinn, wenn Alenu die Einleitung zum Abschnitt der Malchujot (Königtum) bildet und »Al ken nekawe« die Eröffnung darstellt, in der wir Gott als König der ganzen Welt verkünden.

Der Chatam Sofer weist darauf hin, dass diese beiden Teile zwei scheinbar gegensätzliche Ebenen ausdrücken: Der erste Teil betont die Einzigartigkeit Israels – dass G’tt uns als Sein Volk erwählt hat. Der zweite Teil hingegen richtet den Blick auf die gesamte Menschheit und auf die Hoffnung, dass eines Tages alle Menschen Gott erkennen werden.

Gerade dieser Gegensatz offenbart den tiefen Sinn des Gebets: Weil wir G’tt lieben, können wir uns nicht damit zufriedengeben, dass nur wir Ihn anerkennen. Unsere Aufgabe ist es, seine Herrschaft in die Welt zu tragen, »letaken olam bemalchut Schaddai« – die Welt zu vollenden in der Herrschaft des Allmächtigen –, bis der Tag kommt, an dem »Er eins sein wird und Sein Name eins sein wird«.

Berlin

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