Sukkot

Fest des Vertrauens

Sukkot an der Kotel in Jerusalem: Bis vor 2000 Jahren war es ein Wallfahrtsfest zum Tempel. Foto: Flash 90

»Ein Fest der Hütten bereite dir sieben Tage, wenn du einsammelst von deiner Tenne und deiner Kelter. Und freue dich an deinem Fest, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levi und der Fremde und die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind.« Wir sollen uns also freuen, und alle sollen sich mitfreuen, sollen mit uns feiern, Familie, Freunde und sogar Fremde. Und warum sollen wir uns freuen? Das besagt der anschließende Vers: »Denn der Ewige, dein Gʼtt, wird dich segnen in all deinem Ertrag und in allem Werk deiner Hände – we-hajita ach sameach, und so richtig fröhlich sollst du sein« (5. Buch Mose 16, 13–15).

Die Ernte ist eingebracht, und wir feiern nicht nur ein fröhliches Fest zum Dank für den Ertrag, sondern auch dafür, dass die harte Arbeit der Erntezeit nun vorbei ist. Und doch steht Sukkot im weiteren Sinn nicht für einen Abschluss, sondern viel eher für ein Unterwegssein und die Hoffnung darauf, dass alles zu einem guten Ende kommen möge.
Schließlich erinnern wir uns in der Sukkot-Woche an die 40 Jahre der Wüstenwanderung, an das »Wohnen in Hütten«, provisorischen Behausungen in jener Zeit, und an das Vertrauen auf die Verheißung des Ewigen, dass die Benej Jisrael einmal doch ankommen werden in dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Bitachon, Vertrauen, ist das Leitmotiv von Sukkot, jenem Fest, das für eine Zwischenzeit steht: eine Zeit zwischen Weggehen und Ankommen.

Wir erinnern uns an die 40 Jahre der Wüstenwanderung, an das »Wohnen in Hütten«.

»Im Ährenmonat hat dich der Ewige herausgeführt aus Mizrajim.« Es war zu Beginn der Erntezeit, das Getreide stand reif auf den Feldern Ägyptens, als die Benej Jisrael von dort auszogen. Sie ließen all das zurück und zogen aus der Sklaverei in die Freiheit und damit in eine noch ungewisse Zukunft, mit einem Ziel vor Augen, dem eigenen Land, aber nicht wissend, wann sie einmal wieder Felder bestellen und ihr eigenes Getreide, ihr Gemüse und Obst einbringen, Öl und Wein erzeugen würden.

Und ausgerechnet an einem Ort namens Sukkot schlugen sie ihr erstes Lager während der Wüstenwanderung auf. Sukkot wird damit auch zu einem Symbol des Anfangs. Rav Yehuda Aschkenasy (1924–2011) nennt es »das Fest der ersten Schritte«, das uns lehrt, »immer wieder diese ersten Schritte mit den eigenen Füßen zu gehen und von Neuem die Bedeutung des Unterwegsseins auf eine ferne Bestimmung hin zu entdecken«.

Wenn wir am Pessach-Seder die Haggada lesen, versetzen wir uns jedes Jahr wieder hinein in jene Generation der Benej Jisrael, die einst aus Ägypten ausgezogen sind, damit sich ein jeder, eine jede von uns betrachte, als seien wir selbst von dort ausgezogen. Im Grunde haben unsere Laubhütten einen sehr ähnlichen Zweck, nämlich uns erleben zu lassen, wie alles begann, damals, als die jüdische Gemeinschaft anfing, sich zu formen, auf dem langen Weg bis hin zum Einzug nach Kanaan. Und im Gegensatz zu dem doch eher theoretischen Nachempfinden beim Lesen der Haggada vermitteln uns unsere Laubhütten ein ziemlich praktisches, unmittelbares Erleben.

Im Lauf der langen jüdischen Geschichte hat sich die Prägung des Laubhüttenfestes mehrfach gewandelt. Von einem Wallfahrtsfest zum Tempel nach Jerusalem mit ursprünglich wohl eher bescheideneren Anfängen wurde es schließlich zu einem so prächtigen und ausgelassenen Ereignis, dass man noch heute Sukkot ganz einfach als »das Fest« bezeichnet. Vor allem das Wasserschöpffest zu Sukkot im Tempel muss unvorstellbar großartig gewesen sein, wie es die Mischna beschreibt.

Doch dann kamen andere Zeiten, die große Katastrophe der Tempelzerstörung, der Verlust des Landes der Vorfahren, Zeiten der Verfolgung und immer wieder der Vertreibung und damit des Weiterziehens, mit dem Traum von Sesshaftigkeit und Frieden, vom eigenen Land. Sukkot wurde vom Chag ha-Assif, vom überschwänglichen Erntefest mit Wallfahrt zum Tempel, zu einem Symbol für den Weg der jüdischen Gemeinschaft durch ungewisse Zeiten, und das Motiv von Bitachon, vom Vertrauen in den Beistand des Ewigen auf diesem Weg, trat in den Vordergrund.

Auch nach der Wiedererstehung des Staates Israel zu unseren Zeiten hat Sukkot nicht mehr den Charakter aus der Tempelzeit. Doch kommen diejenigen, die heute die Felder, Obstplantagen und Weinberge in Israel landwirtschaftlich bewirtschaften, dem ursprünglichen Sinn des Chag ha-Assif wieder nahe.

Was ist also Sukkot? Es ist ein Fest des Unterwegsseins, des Immer-wieder-neu-Beginnens, des Aufstehens und Weitergehens auch nach Katastrophen, und es gemahnt uns, dass vermeintliche Sicherheiten, die wir selbst errichten, nur unvollkommenen Schutz bieten, ganz so wie unsere Laubhütten. Gerade dadurch ist es ein starkes Symbol des Vertrauens in den Ewigen, bei allen Unwägbarkeiten auf unserem persönlichen und unserem gemeinsamen Weg.

Und die Freude? Auch sie ist ein wichtiger Aspekt von Sukkot. Wir dürfen und sollen uns freuen über das Gute, das uns der Ewige immer wieder erleben lässt, und dabei auch die Dankbarkeit nicht vergessen. Und wir sollen unsere Freude mit anderen teilen, denn wir sind ja nicht allein unterwegs.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

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