Klang

Ewiges Nachhallen

»Wäre nicht das Getöse Roms, wäre das Gerassel des Sonnenkreises zu hören«: Musik ist im Judentum weit mehr als nur bewegende Melodie. Foto: Marko Priske / spot

Musik spielt im Judentum eine große Rolle. Doch geht es hierbei nicht nur um bewegende Melodien, die unsere Gefühle unterstreichen oder gar hervorrufen können, wie etwa Fröhlichkeit und Freude oder Melancholie und Traurigkeit – die Wirkmächtigkeit des Klangs ist in der jüdischen Vorstellung viel elementarer. Es geht letztlich um den Einfluss von Tönen auf unsere Seele und das gesamte Geschehen des Universums.

Kommende Woche feiern wir Schawuot, »Chag Matan Toratenu« – das Fest der Übergabe unserer Tora –, wie es in den Gebeten genannt wird. Passend dazu lesen wir am ersten Feiertag darüber, wie dem Volk Israel am Berg Sinai die Offenbarung G’ttes zuteilwurde und es die Zehn Gebote erhielt. Eingeleitet wird dieses große Ereignis mit folgenden Worten: »Im dritten Monat nach dem Auszug der Kinder Israels aus dem Land Ägypten, an diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Und sie zogen von Refidim und kamen zur Wüste Sinai, sie lagerten in der Wüste, Israel lagerte dem Berg gegenüber« (2. Buch Mose 19, 1–2).

Starke Verbindung

Drei Mal betont diese Einleitung, dass sie in die Wüste kamen und dort lagerten. Es muss also eine starke Verbindung zwischen diesem Ort und dem bevorstehenden Ereignis, der Übergabe der Tora, geben. Es ist kein Zufall, dass der Wochenabschnitt »Bamidbar« – »In der Wüste«, der das gleichnamige vierte Buch der Tora eröffnet, immer am Schabbat vor dem Schawuot-Fest gelesen wird.

Verschiedene Erklärungen und Querverbindungen bieten die Weisen und Kommentatoren an, doch eine besondere und weniger bekannte Interpretation bietet der Midrasch (Bamidbar Raba 19, 16): »Wer erhält die Tora? Derjenige, der sich wie eine Wüste verhält, sich von allem entfernt.« Eine der besonderen Erfahrungen der Wüste ist die Möglichkeit, sich vom Lärm der Zivilisation zu entfernen, abgesondert zu sein, Zeit mit sich selbst verbringen zu können.

Eine der besonderen Erfahrungen der Wüste ist die Möglichkeit, sich vom Lärm der Zivilisation zu entfernen.

Der Talmud illustriert dies mit folgenden Worten (Joma 20b): »Wäre nicht das Getöse Roms, wäre das Gerassel des Sonnenkreises zu hören.« Die Wüste bietet eine außergewöhnliche Stille, die Möglichkeit, die Tiefen des Universums zu erfassen, Tausende Sterne in Lichtjahren Entfernung zu erblicken – eine Tiefe, die unter der Oberflächlichkeit der Lichter und des Lärmes der Zivilisation oft verschwindet und nicht mehr wahrzunehmen ist.

Jeden Freitagabend verkünden wir es in Psalm 29,8: »Die Stimme des Ewigen lässt die Wüste erzittern.« In der Wüste ist die Stimme G’ttes klar zu vernehmen und aufzunehmen. Es ist diese Stimme, die das Volk Israel in der Wüste am Berg Sinai erreicht, klar und rein, die Herzen erschütternd, ins Mark fahrend. Diese Stimme verhallt nicht im Leeren. Sie verschwindet nicht. »Jeden Tag geht eine himmlische Stimme vom Berg Chorew (Sinai) aus, ruft aus und verkündet: Wehe den Geschöpfen, weil sie die Tora verachten!« (Sprüche der Väter 6,2) Welche Stimme ist hier gemeint? Und wer kann sie hören?

Eine Art Echo des Urknalls

Im Jahre 1965 entdeckten zwei Wissenschaftler, Arno Penzias und Robert Wilson, recht zufällig ein Hintergrundgeräusch, das ihre Versuche zum Kalibrieren von supersensitiven Mikrowellen-Detektoren des »Bell Telefon« dauerhaft störte. Erstaunt stellten sie fest, dass dieses Geräusch nicht aus der Nachbarschaft, auch nicht aus unserer Atmosphäre kam. Das Geräusch war ein kosmisches, aus den Weiten des Universums widerhallend. Sie verstanden, dass es sich um eine Art Echo des Urknalls handelte. Für diese Entdeckung erhielten die beiden später den Nobelpreis.

Wenn das Echo des Urknalls bis in die heutige Zeit nachhallt, warum nicht auch die Stimme G’ttes? Mit dieser Stimme wurde anhand von zehn Aussprüchen die Welt erschaffen, und mit dieser Stimme offenbarte sich G’tt dem jüdischen Volk am Berg Sinai und gab die Zehn Gebote. Es ist diese Stimme, die weiterhin tagtäglich vom Berg Sinai ausgeht und uns Menschen mahnt, die Tora, dieselbe himmlische Stimme, nicht zu vernachlässigen.

In der Tora finden wir drei Lieder. Das bekannteste ist das Lied am Schilfmeer (2. Buch Mose 15,1), gegen Ende der Tora ist fast ein ganzer Wochenabschnitt in Liedform künftigen Visionen gewidmet (5. Buch Mose 32,1), ein wesentlich kleineres und weniger bekanntes Lied befindet sich mitten im vierten Buch Mose (21,17): das Lied des Brunnens.

Vielleicht wird da eine innere Stimme zu hören sein, die sonst im Lärm um uns herum untergeht.

Die zwei großen Lieder zeichnen sich nicht durch besondere Melodien aus, wie wir von einem Lied vielleicht annehmen würden, diese sind uns nämlich nicht überliefert. Was sie tatsächlich kennzeichnet, ist die Form und Anordnung, in der sie seit jeher auf der Torarolle geschrieben stehen.

Zwischen einigen Worten gibt es immer wieder größere Abstände, was ansonsten in der Tora völlig untypisch ist. So sieht das Lied am Schilfmeer wie eine Mauer aus Ziegelsteinen mit Zwischenräumen aus, und so wird es auch von unseren Weisen beschrieben, wohingegen das Lied im fünften Buch der Tora wie zwei Säulen, getrennt durch eine sich durchziehende leere Spalte, erscheint.

Raum für Zwischenräume

Beide Gestaltungsweisen zeigen auf, worauf es im Lied ankommt: Raum für Zwischenräume zu lassen – für Stille, Denkpausen, verdeckte Prozesse, kreative Vorgänge oder einfach nur, um in sich hineinhören zu können. Vielleicht wird da eine innere Stimme zu hören sein, welche im Lärm um uns herum verloren geht.

So wie G’tt zum Propheten Elijahu spricht ( 1. Könige 19, 11–12): »Und siehe, der Ewige zog vorüber; und ein Wind, groß und stark, Berge zerreißend und Felsen zertrümmernd vor dem Ewigen – nicht im Winde ist der Ewige; und nach dem Winde ein Erdbeben – und nicht im Erdbeben ist der Ewige; und nach dem Erdbeben Feuer – und nicht im Feuer ist der Ewige; doch nach dem Feuer folgte ein sanftes Säuseln.«

Der Autor ist Oberrabbiner in Wien und Speaker beim Schabbaton des Bundes traditioneller Juden in Deutschland (BtJ)zum Thema »Musik im Judentum«.

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