Quellen

Es ist kompliziert

Chanukkiot vor einer Haustür in Israel Foto: Copyright (c) Flash 90 2024

Zu Chanukka können Sie Ihren Rabbiner mit halachischen Feinheiten und Fragen löchern: wo, wie und wann man den Leuchter zündet, welche Kerze zuerst, von links oder rechts? In der rabbinischen Diskussion finden sich Erläuterungen bis ins kleinste Detail. Umso erstaunlicher ist es, dass die klassischen jüdischen Quellen Chanukka nur wenig Aufmerksamkeit schenken.

Im Schulchan Aruch aus dem 16. Jahrhundert sind die acht Festtage durch viele Vorschriften geregelt, aber im viel älteren Talmud finden sich nur etwa zweieinhalb Blätter – hauptsächlich im Traktat Schabbat –, die sich direkt mit Chanukka beschäftigen. In der Mischna wird das Lichterfest, abgesehen von Erwähnungen, gar nicht genannt. Im Gegensatz dazu steht Purim, ebenfalls ein rein rabbinisches Fest, das nur einen Tag dauert, aber ein eigenes Traktat füllt. Warum also wird Chanukka kaum erwähnt?

Der Chatam Sofer (1762–1839) liefert eine interessante Antwort: Rabbi Jehuda HaNassi, der Verfasser der Mischna, stammte aus dem Haus Davids. Die Helden der Chanukka-Geschichte, die Makkabäer, oder später: Hasmonäer, waren zwar fromme Menschen, doch sie begingen einen Fehler, indem sie als Kohanim (Priester) die Königswürde übernahmen. Laut Jakows Segen für Jehuda aber sollte das Königtum ausschließlich im Stamm Jehuda verbleiben. Die Hasmonäer, Nachkommen Levis, missachteten dieses Gebot, als sie die Monarchie für ihre Familie beanspruchten. Deshalb, so der Chatam Sofer, wollte Rabbi Jehuda HaNassi Chanukka nicht den gleichen Stellenwert wie Purim einräumen.

Eine ähnliche Deutung stammt von Rav Joseph Ber Soloveitchik (1903–1993). Er verweist auf eine Stelle in der Gemara (Moed Katan 26a), wo es heißt, dass jemand, der sieht, wie eine Torarolle verbrannt wird, zweimal Krija macht, also als Zeichen der Trauer seine Kleidung anreißt: einmal für das Pergament und einmal für die Schrift.

Seine Schüler fragten ihn: »Rabbi, was siehst du?« Er antwortete: »Ich sehe, wie das Pergament brennt, aber die Buchstaben fliegen davon.«

Doch kundige Talmudstudenten finden hier einen Widerspruch: Im Traktat Awoda Sara 18a wird nämlich berichtet, wie die Römer Rav Chanina ben Teradion in eine Torarolle wickelten und ihn verbrannten. Seine Schüler fragten ihn: »Rabbi, was siehst du?« Er antwortete: »Ich sehe, wie das Pergament brennt, aber die Buchstaben fliegen davon.« Somit ergibt es wenig Sinn, die Kleidung für die verbrannten Buchstaben zu zerreißen, die sich scheinbar »selbst retten« können.

Rav Soloveitchik erklärt diesen Widerspruch folgendermaßen: Es macht einen Unterschied, ob die Torarolle von einem Juden oder von Nichtjuden verbrannt wird. Als Jojakim, ein jüdischer König, eine Torarolle verbrannte, war das eine Entweihung der Heiligkeit durch einen Juden selbst. Juden haben durch ihre Verbindung zur Tora die Macht, sie nicht nur zu zerstören, sondern auch zu entweihen. Bei der Verbrennung von Rabbi Chanina dagegen sind es die Römer, Nichtjuden, die die Torarolle verbrennen. Andere Völker können die Tora zwar zerstören, aber nicht ihre Heiligkeit entweihen. Daher »fliegen die Buchstaben davon«.

Diese Geschichte führt uns zurück zu Chanukka: Hier waren es nicht allein die Griechen, sondern auch viele Juden, die sogenannten Misjawnin, die sich griechischer Kultur anpassten und so selbst die Tora entweihten. Diese Juden hatten die Macht, die Heiligkeit der Schrift zu zerstören. Sie waren an der Entweihung des Tempels selbst beteiligt. Es war ein trauriger und schrecklicher Kampf gegen uns selbst.

Es wäre also unangemessen, ihm dieselbe Bedeutung beizumessen wie der Purim-Geschichte, in der sich das jüdische Volk gegen Haman vereinte und geschlossen hinter ihren Helden Esther und Mordechai versammelte. Chanukka hingegen hat eine durchaus beschämende Vorgeschichte. So, erklärt Rav Soloveitchik, entschied man, die Details nicht in die mündliche Überlieferung aufzunehmen.

Chanukka ist keine einfache Erzählung: Es geht um den Umgang mit Menschen, die die eigene Tradition ablehnen, und den Schmerz des Verlustes der eigenen Identität. Auch wenn die Weisen entschieden, sie deshalb kaum in die Mischna und den Talmud aufzunehmen, stellten sie sicher, dass die Gesetze und Bräuche überliefert wurden: So wissen wir heute ganz genau, wie wir den Leuchter entzünden, und erinnern uns ganz nebenbei daran, dass auch die dunkelsten Teile unserer Geschichte wie durch ein Wunder zu einem hellen Ende kamen.

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026

Geschichte

Als die Zeit stillstand

Während der Schoa hatten viele Juden keinen Zugang zu einem jüdischen Kalender. Trotz allem fanden sie Wege, um in den Lagern oder im Versteck den Schabbat und die Feiertage einzuhalten

von Valentin Suckut  24.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Acharej Mot – Kedoschim

Feuer aus Menschenhand

Heiligung entsteht nicht im Rückzug ins Himmlische, sondern im gestaltenden Eingreifen in die Welt

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  23.04.2026

Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026

Talmudisches

Dämonen

Was sind sie, und wie schütze ich mich vor ihnen? Unsere Weisen gaben Antworten

von Rabbinerin Yael Deusel  17.04.2026

Amida

Stehen vor Gott

Das Hauptgebet im Judentum ist Gespräch, Selbstprüfung und kollektive Stimme Israels. Sein Ursprung jedoch ist bis heute ungeklärt

von Sophie Goldblum  16.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026