Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama Foto: Gregor Zielke

In der Debatte über den Nahostkonflikt haben sich Fachleute gegen eine Ausgrenzung von Meinungen gewandt und für ein respektvolles Miteinander geworben. »Die Wege sind so steinig und so schwierig, weil wir in einer Zeit der Cancel-Kultur leben«, sagte der Berliner Rabbiner Andreas Nachama in Bonn. Oft lehne man es ab, die Meinung anderer Menschen überhaupt anzuhören. »Wir sollten versuchen, wo es möglich ist, Dialoge aufrechtzuerhalten.«

Der Rabbiner sprach auf einer Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit am Freitag und Samstag in Bonn. Nachama ist jüdischer Präsident der Organisation. Themen der Tagung waren unter anderem Israel und die Nahost-Region, Antisemitismus sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland.

Wunsch nach »Gegenallianzen«

Johannes Becke, Professor für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, forderte neue Bündnisse. »Ich glaube, da ist noch viel Raum nach oben.« Sie seien nötig, um »Gegenallianzen« zu bilden, wenn sich andere Gruppen gegen Israel oder Jüdinnen und Juden verbündeten.

Aus seiner Sicht sind nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg jüdisch-muslimische Allianzen gescheitert. Als Folge von gestiegenem Antisemitismus werde sich die jüdische Gemeinschaft in Deutschland weiter aus der Öffentlichkeit zurückziehen.

Juden in der Defensive

Auch Nachama sagte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden - unabhängig davon, wie sie zur Politik der israelischen Regierung stünden. »Wir müssen erkennen: Es ist ein Bruch eingetreten.« Es werde Jahre brauchen, diesen Bruch zu überwinden.

Bei den antisemitisch motivierten Straftaten verzeichnete das Bundeskriminalamt im Jahr 2024 hierzulande einen Höchststand mit rund 6.200 Delikten. 2023 waren es etwa 5.200. So beklagte denn auch Rabbinerin Alisa Bach eine Aggressivität des Antisemitismus und ein nachlassendes Sicherheitsgefühl.Bereit, jüdisches Leben zu schützen?

Auch der Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus im Land Brandenburg, Andreas Büttner, stellte fest: »Die Diskursfähigkeit in der Gesellschaft fehlt.« Aus seiner Sicht ist im Vorgehen gegen Judenhass mehr Bildung nicht automatisch ein Schlüssel. Zwar sei Bildung in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Das Problem sei jedoch oft nicht fehlendes Wissen, sondern ein fehlender Wille.

»Die Diskursfähigkeit in der Gesellschaft fehlt.«

In Deutschland habe man immer gesagt, es brauche mehr Aufklärung, Bildung und Gedenkstättenbesuche, um gegen Antisemitismus vorzugehen. Dies jedoch werde seit Jahrzehnten gemacht, und zugleich stiegen die Zahlen von antisemitisch motivierten Vorfällen, so Büttner. Die entscheidende Frage sei, ob zum Beispiel die Politik, Universitäten und Medien bereit seien, antisemitische Tendenzen zu erkennen und als solche zu benennen. Eine weitere Frage sei, ob die Gesellschaft bereit sei, jüdisches Leben zu schützen.

Respekt einüben

Der Judaist Christian Rutishauser sagte, für ein gelingendes Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen und auch in der Gesellschaft müssten Menschen sich gegenseitig wertschätzen, eine »ganz konkrete Form des Respekts« einüben.

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide betonte, es müsse gelingen zu zeigen, warum Religion eine Bereicherung für die Gesellschaft sein könne. Er wünsche sich, dass die Anhänger der drei abrahamitischen Religionen Islam, Judentum und Christentum Verantwortung füreinander übernähmen. kna

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