Perspektive

Erzählungen am Schabbatabend

Die Königin: Schabbat Hamalka (Buchcover) Foto: Lichtig

Perspektive

Erzählungen am Schabbatabend

In ihrem neuen Buch schildert Nea Weissberg-Bob jüdisches Leben aus Sicht eines siebenjährigen Mädchens

von Sharon Adler  14.06.2010 17:05 Uhr

Kinder- und Jugendbücher über das Judentum gibt es unzählige, und doch wird Judentum zumeist ausschließlich in Sammelbänden und Anthologien über Religionen im Allgemeinen abgehandelt. Nur wenige dieser Publikationen sind für jüdische Kinder geschrieben und in Deutschland verlegt worden. Romane und Erzählungen schließlich befassen sich fast ausnahmslos mit jüdischer Kindheit vor oder während der Schoa.

Es gibt Ausnahmen, wie zum Beispiel den Roman Mona und der alte Mann von Noemi Staszewski, der sich aus der Sicht eines christlichen Mädchens mit jüdischem Leben und Riten befasst. Auch Schabbat ha Malka – Königin der Jontefftage / Git Schabbes, Dvorale! ist so eine Ausnahme. Das Buch schildert in zeitgemäßer Sprache aus der Sicht der siebenjährigen Deborah, was jüdisches Leben ausmacht.

Dabei ist es der Herausgeberin und Autorin Nea Weissberg-Bob gemeinsam mit ihren Koautorinnen Jalda Rebling und Denise Bendrien und weiteren Beteiligten gelungen, sich neben der Beschreibung von Riten, Brachot und Speisenfolgen nicht nur darauf zu beschränken, wie jüdisches Leben funktioniert. Das Buch bietet viel mehr. Denn der Band verbindet, so die Herausgeberin in ihrem Vorwort, »die konkrete Darstellung mit persönlichen Erinnerungen, Sehnsüchten, Träumen und Wünschen«.

Familie Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Schabbat als der höchste Feiertag der Woche und um ihn herum rankt sich die »Familie«, die mit drei Generationen an einem Tisch versammelt ist. Ein lebendiges jüdisches Familienleben ist es, was hier ge-
zeichnet wird, eingebettet in die Gefühle und Betrachtungen des Mädchens Deborah, von den Familienmitgliedern liebevoll Dvorale genannt.

Deborah erlebt den Abend als etwas Selbstverständliches und Ungezwungenes, in dem doch die Feierlichkeit dieses besonderen Abends spürbar wird. Im Kreise der Anwesenden erzählen die Großeltern Geschichten aus ihrer Kindheit in Polen, in denen stets auch die Trauer um den Verlust von Familienmitgliedern und um eine verlorene Welt mitschwingt. Thematisiert wird diese Trauer nicht, aber auch das Schweigen über das Erlebte wird in dieser Erzählung zum Gegenstand der Handlung und so auch für Kinder und Jugendliche nachvollziehbar.

Deborahs Großeltern sind traditionelle Juden, denen die säkular lebenden Eltern Deborahs zur Seite gestellt sind, ein friedvolles Miteinander zeichnet den gemeinsam verbrachten Oneg Schabbat aus. Im Laufe des Abends erinnert sich Deborahs Vater Samuel auch an die Geschichte seiner eigenen Familie, und schmerzhaft wird ihm erneut bewusst, dass er als Jugendlicher auf seine Fragen nur verwirrende Antworten erhielt. Somit ist der vorliegende Band auch als ein Aufruf zu verstehen, Transparenzen zu schaffen und das Schweigen um das Unaussprechliche und das Leid zu brechen.
Künstlerisch Die Autorin schlägt mit ihrem Buch einen ungewöhnlichen Weg ein: Nach dem 2-in-1-Prinzip verbindet sie eine Version für Erwachsene und eine kürzere für Kinder. Zur Umsetzung holte sich Nea Weissberg-Bob Unterstützung. Ihre Nichte Denise Bendrien trug die Version einer Schabbesgeschichte aus der Sicht eines jungen Mädchens bei, die Kantorin Jalda Rebling ergänzte Hinweise zu Ritualen und Liturgie. Außerdem steuerte die Künstlerin Anna Adam kunstvolle Vignetten bei, die Fotografien der Künstlerin Veronika Urban bilden rituelle Kultobjekte ab, die ehemalige Psychologin des Kindergartens der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Lilian Nunberger, begleitete das Projekt, und in ihrem Nachwort gibt Rachel Herweg zusätzliche Informationen. Besonders berührend sind die Aquarelle der autis-tisch-behinderten Tochter von Nea Weissberg-Bob, Janina Deborah Bob.

Schabbat ha Malka – Königin der Jontefftage / Git Schabbes, Dvorale! wurde im Hinblick darauf konzipiert, nichtjüdischen Kindern und Jugendlichen, aber auch denjenigen, die mit den Jontefftagen nicht so vertraut sind, Aspekte religiösen jüdischen Lebens nahezubringen. Als persönliches Bat- oder Barmizwa-Geschenk kann es ein lebendiges jüdisches Leben begleiten.

Nea Weissberg-Bob und Jalda Rebling: Schabbat ha Malka – Königin der Jontefftage / Git Schabbes, Dvorale!. Licht-Verlag, Berlin 2010, 74 Seiten, 14,90 €

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