Wajischlach

Er kann nicht mehr

Akku leer: Der greise Jakow ist ausgebrannt Foto: Getty Images

Für Atheisten, aber auch für viele Menschen, die nur etwas religiös sind, ist das 1. Buch Mose keine leichte Kost. Die Welt soll in sechs Tagen erschaffen worden sein? Tausendjährige Menschen, eine sprechende Schlange, Engel in Menschengestalt und der Turmbau zu Babel?

Wenn es im 1. Buch Mose dennoch einen geeigneten Wochenabschnitt für jene Leser gibt, dann fällt die Wahl sicher auf Wajischlach. Dort geht es um den Stammvater Jakow, der sich mit den üblichen Widrigkeiten des Lebens herumschlägt. In diesem Wochenabschnitt fliegen auch keine Engel mit Harfe herum – sondern sie kämpfen!

ESAW Gleich zu Beginn des Abschnitts erfährt Jakow, dass ihm sein Bruder Esaw entgegenreitet. Doch wohl kaum in friedlicher Absicht: Esaw kommt in Begleitung von 400 Soldaten!

Die Schrift beschönigt nichts: »Da fürchtete sich Jakow sehr« (1. Buch Mose 32,7). Während der Vorbereitung auf das Treffen wird Jakow in einen Kampf mit einem Engel verwickelt, der ihn schwer verletzt. Immerhin schafft es Jakow, seinen Bruder zu besänftigen. Kurz darauf muss er erleben, wie seine Tochter Dina geschändet wird und seine Söhne daraufhin derart in Rage geraten, dass sie mit List und Tücke eine ganze Stadt niedermetzeln.

Jakow muss weiterziehen und auf dem Weg seine große Liebe, Rachel, bestatten. Wie viel Leid kommt noch über ihn? Als der erstgeborene Sohn Ruwen mit Jakows Konkubine schläft, kann der greise Stammvater nicht mehr – er schweigt.

Sforno (1475–1550) zählt zu den wenigen Kommentatoren, die sich zu dieser Textstelle äußern. Er erklärt Jakows Reaktion: »Er wollte Ruwen nicht bestrafen oder aus den Stämmen werfen, da er nicht daran zweifelte, dass Ruwen seine Tat sofort bereuen würde.« In diesem Satz kulminiert die ganze Entwicklung Jakows.

Er schweigt. Kein anderer Stammvater ist ständig in Bewegung wie Jakow. Im Unterschied zu seinem Vater muss er jahrzehntelang für Frau und Besitz schuften, muss fliehen, wieder fliehen und in ständiger Angst um seine Kinder leben. Und im Unterschied zu seinem Großvater Awraham findet er nicht die Muße, um göttliches Erbarmen für eine Stadt (Sodom) zu erflehen. Zwar kommt Gott in unserem Wochenabschnitt dreimal vor, doch ein richtiger Dialog wird es nie.

Zwar kommt Gott im Wochenabschnitt dreimal vor, doch ein richtiger Dialog wird es nie.

Einmal bittet Jakow Gott, ihm beizustehen, wenn sein Bruder Esaw kommt. Gott antwortet ihm nicht. Beim zweiten Mal befiehlt ihm Gott weiterzuziehen. Beim dritten Mal wird er gesegnet. Das ist natürlich positiv, aber Jakow ist stets nur Empfänger, er redet nicht mit Gott. Vielleicht ist er zu erschöpft.

Strategie Eine andere Deutung: Jakow braucht keine Entscheidungshilfe, keine Instruktionen. Er weiß, was zu tun ist. Aus dem mittellosen Flüchtling wurde ein hoch angesehener Mann mit Familie und großem Besitz. Er versteht sich in Kriegsdiplomatie und kämpft erfolgreich gegen einen Engel.

Er weiß immer eine Antwort und hat eine Strategie. Doch fast am Ende muss er miterleben, wie sein Ältester ihn mit seiner Konkubine betrügt. Wie reagiert man auf so etwas? Jakow schweigt. Dank dieses Schweigens besteht das jüdische Volk aus zwölf Stämmen – und nicht aus elf.

Doch Ruwens Schandtat traf Jakow unvermittelt. Gerade wurde Rachel beerdigt, zuvor ein Krieg mit Esaw abgewendet. Und dazwischen rächten sich seine Söhne für ihre Schwester Dina. Die Familienbande waren – vermutlich – noch nie so fest wie damals. Und plötzlich schläft der Sohn mit der Geliebten des Vaters.

Das Leben ist kompliziert. Für viele Probleme gibt es eine Antwort. Fragen Sie einen Buchhändler, für welches Lebensthema keine Sachbücher existieren. Für uns Juden gilt das noch mehr. Die jüdischen Ratgeber und Gesetzesbücher sind nicht mehr zu zählen. Ständig erscheinen neue. Und doch steht nicht alles in den Büchern.

Das müssen momentan die Religiösen empfindlich erleben. So etwas wie Corona gab es seit der Spanischen Grippe nicht mehr. Kein jüdisches Gesetzeswerk hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Sicher nicht der Talmud und gewiss nicht spätere Bücher. Auch für viele Gläubige hat Corona eingeschlagen wie fast kein anderes Ereignis zuvor. Die aktuelle Pandemie erschüttert ihr Gottvertrauen. Ein paar mutige Rabbiner richten sich an die Gemeinde: »Wir sind machtlos«, sagen sie. »Aber haltet euch an die Anweisungen der Regierung, der Experten! Heute ist nicht die Zeit für Chochmes (jüdische Sonderregelungen). Verhaltet euch wie der leidgeprüfte Jakow – und schweigt!«

Der Autor ist Journalist und lebt in Zürich. Er hat an Jeschiwot in Gateshead und Manchester studiert.


inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra-El (»Gottes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

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