Gedenken

Eine Tora im Bundestag

Rabbiner Elias Dray bewahrt die »Sulzbacher Tora« von 1793 in Amberg auf. Foto: Judith Werner

Seit einem Vierteljahrhundert ist der 27. Januar der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte 1996 den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zur Erinnerung und Mahnung gewählt. In diesem Jahr findet die Gedenkstunde im Bundestag in einer ganz besonderen Form statt. Denn das Jahr 2021 steht auch unter dem Zeichen »321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

Vergangenheit, Gegenwart und ein Ausblick in die Zukunft prägen das Gedenken und Nachdenken. Höhepunkt des Festaktes im Bundestag wird die Fertigstellung einer restaurierten Torarolle sein. Den Abschluss bildet traditionell das Schreiben der letzten Buchstaben – diesmal durch die Repräsentanten der fünf Verfassungsorgane und der jüdischen Gemeinschaft.

Verfassungsorgane Die Tora ist Lehre und Gesetz, das Wort Gottes und das Kernstück jüdischer Religion. Die Fertigstellung der restaurierten Rolle nicht in einer internen jüdischen Feierstunde in der Synagoge, sondern in aller Öffentlichkeit im Bundestag, ist daher etwas Besonderes. Für den Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble ist es Ehre und Verpflichtung, wie er sagt: »Als Repräsentanten aller Verfassungsorgane bringen wir mit diesem ungewöhnlichen und in dieser Form einzigartigen symbolischen Akt die staatliche Selbstverpflichtung zum Ausdruck, jüdisches Leben in Deutschland zu ermöglichen und zu schützen.«
Wie aber kam es zu dem Plan, sie während der Gedenkstunde im Bundestag zu vollenden?

Die Tora stammt aus Sulzbach, einer einst lebendigen Gemeinde in der Oberpfalz. Die dortige Synagoge wurde bereits 1930 aufgegeben. Die Torarollen sind verschollen – bis auf die nun restaurierte, die der Rabbiner der Amberger Gemeinde, Elias Dray, in einem versteckten Schrein in seiner Synagoge entdeckte.

Die Sulzbacher Torarollen von 1793 ist wohl die älteste im süddeutschen Raum.

Die Schriftrolle datiert auf das Jahr 1793 und trägt die Inschrift »Sulzbach«. Sie ist damit eine der ältesten im süddeutschen Raum. Sie zeigte viele Abnutzungserscheinungen und war somit nicht mehr koscher und für den Gottesdienst nicht mehr nutzbar. Was also tun? Beim 125-jährigen Jubiläum der IKG Amberg 2019 waren auch Gäste aus der Politik vertreten, darunter Ludwig Spaenle, seit 2018 Antisemitismusbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. In zahlreichen Gesprächen kam der Gedanke auf, die Torarolle der Öffentlichkeit zum Jubiläumsjahr 2021 zu präsentieren.

Der Amberger Stadtheimatpfleger Dieter Dörner befasste sich mit der Geschichte der Tora und fand heraus, dass die Rolle 1934 mit der Auflösung der Sulzbacher Gemeinde zusammen mit einigen anderen Ritualgegenständen nach Amberg kam. Dort hat sie Leopold Godlewsky, mehr als 30 Jahre Rabbiner der Amberger Jüdischen Gemeinde, im Heimatmuseum in Sicherheit bringen können. Vermutlich hat er rechtzeitig vor der Pogromnacht einen entsprechenden Wink erhalten.

Versteck Dörner zitiert den damaligen städtischen Angestellten Karl Haberland: »Im Jahr 1942 zog ich dann auch in eine Wohnung des sogenannten Schlößl ein. In diesem Haus befindet sich auch das städtische Museum, von welchem der Verwalter der 1944 verstorbene Oberlehrer Döppl war. Im Jahre 1942/43, genauer kann ich es nicht mehr angeben, sagte der Oberlehrer Döppl einmal zu mir, dass er im Museum verschiedene Gegenstände der ehemaligen jüdischen Gemeinde verwahrt habe, wovon kein Mensch etwas wisse. Er erzählte mir ferner, dass diese Sachen der damalige Rabbiner Godlewsky ihm übergeben habe und dabei gebeten habe, dass er diese Gegenstände bis auf Weiteres aufbewahren solle. Er erzählte mir die Angelegenheit deshalb, weil er wusste, dass ich darüber nichts weiter erzählen werde und ich in dem gleichen Haus, in welchem die Sachen doch aufbewahrt waren, wohnte. Nachdem 1944 der Oberlehrer Döppl verstorben war, äußerte ich auch keinem Menschen gegenüber etwas, denn es war mir von ihm verboten worden und außerdem hätte die Gefahr bestanden, dass diese Werte vernichtet worden wären.«

Ihrem hohen Alter entsprechend bedurfte die Sulzbacher Torarolle der Restaurierung, was Rabbiner Elias Dray von einem Sofer in Jerusalem begutachten und schätzen ließ. Dass das Projekt nun abgeschlossen werden konnte, freut auch den aus Bayern stammenden Zentralratspräsidenten Josef Schuster. »Für mich ist die über 200 Jahre alte Sulzbacher Torarolle ein faktisches Zeichen, dass jüdisches Leben in Deutschland weit zurückreicht.« Die Torarolle habe die Schoa glücklicherweise weitgehend unbeschadet überstanden, freut sich Schuster.

Der städtische Angestellte Karl Haberland erzählte niemandem etwas von dem wertvollen Schatz.

»Sie ist Ausdruck der Kontinuität jüdischen Lebens. Die Sulzbacher Torarolle symbolisiert auch die Blüte der jüdischen Gemeinden in Bayern. Denn dass in Sulzbach eine der größten jüdischen Gemeinden der Oberpfalz beheimatet war, ist weitgehend unbekannt«, so Schuster. Es erfülle ihn »mit Freude und Dankbarkeit, dass die Restaurierung der Sulzbacher Torarolle im Jubiläumsjahr ›1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland‹ abgeschlossen werden kann«. Als Präsident des Zentralrats der Juden und des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern wünsche er sich, »dass jüdische Geschichte, Religion, Kultur und jüdisches Leben in der breiten Bevölkerung an Bekanntheit gewinnen«, sagt der Zentralratspräsident.

REstaurierung Die Restaurierungsarbeiten waren aufwendig. Eine Gruppe um den Toraschreiber Izak Rosengarten aus Bnei Brak hat sich in mühevoller Kleinarbeit darum gekümmert. Shaul Nekrich, Rabbiner in Kassel und Nordhessen und selbst ebenfalls Sofer, erzählt von der Arbeit: Das Pergament musste bearbeitet und jeder einzelne Buchstabe nachgezogen werden. Die Tinte war verblasst, bröckelte zum Teil ab. Nach einem Jahr Arbeit war das Werk gelungen, die Tora ist wieder in einem koscheren Zustand und kann so in Zukunft auch im Gottesdienst verwendet werden.

Zunächst steht im Bundestag am 27. Januar ihre Vollendung mit dem Schreiben der letzten Buchstaben an. Shaul Nekrich wird diesmal den damit Geehrten nicht die Hand führen können. Corona verbietet diese Nähe. Die Personen nehmen Patenschaft für die Buchstaben an. Darüber hinaus zeigen sie, dass jüdisches Leben heute Teil der deutschen Gesellschaft ist.

Vollendung Dieser Akt bedeutet auch dem Bundespräsidenten viel. Frank-Walter Steinmeier sagte der Jüdischen Allgemeinen: »Die Fertigstellung der Sulzbacher Torarolle im Deutschen Bundestag ist für mich der erste Höhepunkt eines Festjahres, in dem wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland feiern und über das ich gerne die Schirmherrschaft übernommen habe. Es erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit, dabei sein zu können, wie die letzten Buchstaben dieser alten, geretteten und restaurierten Torarolle geschrieben werden – am 27. Januar, dem Tag, an dem wir aller Opfer des Nationalsozialismus gedenken, der Opfer von Verfolgung, Verbrechen und Völkermord.« Er sei dankbar, fährt der Bundespräsident fort, »dass sich jüdisches Leben in Deutschland in großer Vielfalt entwickelt. Dieses wollen, müssen und werden wir gemeinsam schützen, gemeinsam gegen Hass, Ressentiments, giftige Ideologien und Gewalt. Denn unser Land ist für uns alle nur dann ein Zuhause, wenn auch Jüdinnen und Juden sich hier zu Hause fühlen.«

Die Gedenkstunde wird ab 11 Uhr live bei www.bundestag.de übertragen.

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