Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

»Berlin war für mich die Quintessenz der Dunkelheit«: Rabbiner Yehuda Teichtal im Jüdischen Bildungszentrum in Berlin-Wilmersdorf Foto: Gregor Matthias Zielke

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026 13:24 Uhr

Rabbiner Teichtal, Sie wurden 1972 in Brooklyn geboren. Wie sind Sie aufgewachsen?
Um zu verstehen, woher ich komme, muss ich ein wenig ausholen. Mein Urgroßvater Shlomo Teichtal war ein sehr bekannter Rabbiner. Er wurde in Polen geboren, seine Vorfahren stammten aus Deutschland und waren seit vielen Generationen Rabbiner. Während des Holocaust wurde er zunächst nach Auschwitz deportiert. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs befand er sich auf einem Todestransport und wurde dort am 27. Januar 1945 ermordet – am Tag der Befreiung von Auschwitz.

Welches Bild von Deutschland herrschte in Ihrer Familie?
Natürlich war es von der Schoa geprägt: 63 Mitglieder unserer Familie wurden im Holocaust ermordet. Bei uns zu Hause durfte keine Bosch- oder AEG-Waschmaschine gekauft werden. Gleichzeitig schauten wir nach vorn.

Ihr Urgroßvater wurde ermordet, sein Sohn floh vor den Nazis nach Frankreich …
Ja, dort lernte er Rabbiner Menachem Mendel Schneerson kennen, den berühmten Rebben. Beide flohen weiter in die USA. Ich bin in Rabbi Schneersons Synagoge aufgewachsen, 770 Eastern Parkway. Er war ein unglaublicher Mensch. Es war nicht so, dass er für uns Kinder eine Autoritätsperson war, er war immer auf Augenhöhe, ganz persönlich. Er hat an das Potenzial aller Menschen geglaubt. Er war es, der Chabad in die ganze Welt gebracht hat: Er hat darauf geachtet, dass die Jiddischkeit in jeden noch so letzten Ort einzieht. Auch bis nach Berlin.

Rabbi Schneerson selbst hatte in Berlin studiert. Später musste er vor den Nazis fliehen, erst nach Frankreich, später in die USA. Wieso hat er weiter an das jüdische Leben in Berlin geglaubt?
Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die Europäische Rabbinerkonferenz, Deutschland mit einem sogenannten »Cherem« zu belegen, also als dauerhaften Wohnort für Juden zu verbieten. Das hatte man 1492 schon mit Spanien gemacht, nach der Inquisition. Niemand sollte mehr versuchen, in Deutschland jüdisches Leben aufzubauen. Und der Rebbe hat sich damals explizit in diesen Kreisen dagegen ausgesprochen.

Was war der Grund?
Definitiv kann ich das nicht sagen. Vielleicht hat er vorhergesehen, dass nach dem Mauerfall 200.000 Juden aus Osteuropa hier eine neue Heimat finden würden. Ich weiß aber, dass er bereits in den 70er-Jahren Menschen nach Berlin schickte, um Kontakt zu den wenigen dort verbliebenen oder gestrandeten Juden aufzunehmen. Ein Berliner Jude besuchte ihn jedes Jahr zu Rosch Haschana in New York. Der Rebbe gab ihm dann stets einen »Lekach«, einen Honigkuchen für ein süßes neues Jahr, mit und sagte: »Das ist für West-Berlin.« An Rosch Haschana 1989 war es anders: Diesmal gab er ihm gleich einen Stapel Honigkuchen mit und sagte: »Das ist für West-Berlin.« Niemand verstand, was er damit meinte. Einen Monat später fiel die Mauer.

Sie kamen 1996 nach Berlin. Warum?
Mein Schwiegervater, der Oberrabbiner von Cholon in Israel, war schon 1990 nach Berlin gekommen, um den beginnenden Zuzug von Juden aus der Sowjetunion rabbinisch zu betreuen. Dadurch wussten wir, dass hier ein großer Bedarf bestand. Ich kam mit meiner Frau Leah zusammen. Unsere Idee war eigentlich simpel. Als wir uns kennenlernten, hatten wir uns gesagt, dass wir beide eine gemeinsame Mission haben: Licht in die Welt zu bringen. Gutes zu tun. Menschen zu helfen. Berlin war für mich die Quintessenz der Dunkelheit. Und hierher Licht zu bringen, das ist etwas Besonderes. Wir kamen mit einem One-Way-Ticket, nur mit dieser Idee im Gepäck.

Wie haben Sie in dieser Ihnen völlig fremden Stadt angefangen?
Zunächst haben wir einfach Leute zu uns zum Schabbat eingeladen. Außerdem bin ich immer klar jüdisch erkennbar auf der Straße gelaufen, oft wurde ich von anderen Juden angesprochen. Manche machten sich Sorgen um mich, dass ich angegriffen werden könnte. Ich habe so viele Gespräche angefangen. Ich erinnere mich, dass ich ganz am Anfang einmal mit einem Mann auf dem Ku’damm ins Gespräch kam. Ich fragte ihn, ob er Jude sei. Er entgegnete: Warum willst du das wissen? So reagiert übrigens nur ein Jude (lacht). Seine Tochter ist dann bei uns in den Kindergarten gegangen. Und ihre Tochter wiederum auch.

War es schwer, Vertrauen aufzubauen?
Die Mentalität war hier schon eine andere als in den Kreisen in Brooklyn, in denen ich aufgewachsen bin. Viele Juden in Berlin waren erst skeptisch: Warum laden Sie mich ein? Was wollen Sie von mir? Viele versteckten ihr Jüdischsein. Ich war hingegen der Überzeugung, dass wir Vorurteile nur abbauen können, wenn wir jüdisches Leben nicht hinter geschlossenen Türen leben, sondern offen und miteinander. Auch für uns Juden selbst ist es wichtig, unsere Jüdischkeit mit etwas Positivem zu verbinden und uns von den Ängsten zu lösen.

Wie haben Sie die neu ankommenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wahrgenommen?
Viele von ihnen hatten nur wenig religiöse Bildung und waren vom Judentum entfremdet. Aber diese Distanz war oft nur äußerlich. Tief im Inneren brannte die Flamme weiterhin. Unsere Aufgabe ist es, diese Flamme zu nähren und Menschen dabei zu helfen, ihre eigene Verbindung wiederzuentdecken. Das gelingt nicht durch Druck oder Forderungen. Wenn man jemandem sagt: »Ab morgen musst du vollkommen koscher leben«, wird er wahrscheinlich ablehnend reagieren. Veränderung entsteht Schritt für Schritt und aus positiver Motivation heraus. Wenn jemand einen ersten Schritt macht, dann ermutigen wir ihn zum nächsten. Vielleicht beginnt es mit dem Kerzenzünden vor Schabbat, mit einem Feiertag oder mit einer kleinen Mizwa. So wächst eine Verbindung auf natürliche Weise. Es geht letztlich darum, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen zu zeigen, dass das Judentum etwas Bereicherndes, Freudiges und Sinnstiftendes sein kann.

Heute leiten Sie eine Gemeinde mit 3800 Mitgliedern. Wie haben Sie sie aufgebaut?
Von unten nach oben – gerade deshalb war der Aufbau so bedeutsam, weil er nur durch die Menschen möglich wurde, die zu uns stießen und mitgestaltet haben. Das war nur möglich durch ein tolles Team. Geplant war das alles nicht. Zuerst gründeten wir eine Sonntagsschule, später ein Feriencamp. Fast jedes Jahr kam eine weitere Institution hinzu: zunächst die Kita, dann die Krippe, anschließend die Grundschule, die Oberschule und die integrierte Sekundarschule.

Sie haben zunächst den Fokus auf Bildung gelegt. Warum genau?
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Bildung einen ganz zentralen Stellenwert hatte. Mein Vater war fast 50 Jahre lang an der Yeshiva University tätig, und meine Mutter arbeitete als Schulleiterin. Das Judentum lebt von intellektueller Auseinandersetzung, vom Dialog und vom Nachdenken. Es geht nicht darum, etwas blind zu übernehmen, sondern darum, zu verstehen. Jeder Mensch ist dabei anders. Manche Menschen werden vor allem durch die Wärme einer Gemeinschaft angesprochen, andere durch die intellektuelle Tiefe jüdischer Texte und Ideen. Deshalb gibt es nicht den einen Weg. Unsere Aufgabe ist es, Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren eigenen Zugang zum Judentum zu finden.

Kritiker würden einwerfen, dass Chabad nur eine Richtung lehrt. Ist es nicht wichtiger, dass Juden in Berlin mehr über ihre ursprüngliche Tradition lernen?
Zunächst muss ich klarstellen, dass wir offen für alle Menschen sind: Über 80 Prozent der Juden, die zu uns kommen, sind nicht alltäglich praktizierend. Wir beurteilen niemanden oder machen Druck, einen bestimmten Weg zu gehen. Wir zeigen nur die Schönheit des Judentums. Manche haben dieses Bild im Kopf, dass uns die »Chabad Headquarters« in New York vorgeben würden, was wir hier machen. Das grenzt schon an Verschwörungsglauben. Es stimmt, dass wir Chabad-Rabbiner uns alle einmal im Jahr treffen, um uns auszutauschen, aber es gibt keine Anweisungen von oben. Nur eine Sache kommt von oben: die Tora und die Mizwot. Wenn Sie zu uns in die Synagoge kommen, müssen Sie nicht nach dem Chabad-Nussach beten. Wir haben auch andere Gebetsbücher hier. Und was die Kontinuität der Tradition anbelangt: Wir haben gerade ein Buch über die Minhagim von Berlin vor dem Krieg herausgegeben.

Ihre Gemeinde ist schnell gewachsen.
Heute sind es elf Synagogen, 13 Vollzeitrabbiner, 150 Mitarbeiter. 17.150 Menschen haben unsere Dienste in Anspruch genommen. Aber diese Zahlen sind nur nebensächlich.

Wie stellen Sie angesichts dieser Größe sicher, dass Sie als Rabbiner nicht einzig in die Rolle eines Managers geraten?
Ich bemühe mich sehr, jeden Tag mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Meine Frau und ich machen nach wie vor Hausbesuche. Außerdem versuche ich, jeden Morgen nach dem Gebet eine Stunde zu lernen. Jeder Jude – und jeder Mensch überhaupt – kann sich ständig weiterentwickeln. Niemand ist jemals »fertig«. Letztlich hat vieles mit gutem Zeitmanagement zu tun. Ich denke, eine Gemeinde muss in kaufmännischer Hinsicht wie ein Business geführt werden, um effizient arbeiten zu können. Dafür braucht es eine Struktur, die regelt, wer welche Entscheidungen trifft. Das bedeutet jedoch nicht, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind. Jeder Mensch besitzt etwas, das ich nicht habe. Jeder von uns ist ein unverzichtbarer Teil der Gesellschaft. Diesen Gedanken darf man nie aus den Augen verlieren.

Als Sie nach Berlin kamen, gab es hier bereits eine Einheitsgemeinde. Warum war es notwendig, eine eigene zu eröffnen? Baut das nicht Parallelstrukturen auf?
Als wir angefangen haben, war es nie unser Ziel, eine neue jüdische Gemeinde zu gründen. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen zu uns, die nicht nur Angebote nutzen, sondern eine Gemeinde aktiv mitgestalten wollten. Bis heute ist das unsere besondere Stärke: Die Menschen sind nicht bloß Besucher, sondern engagieren sich in der Schule, bei Veranstaltungen und im Gemeindeleben. Deshalb sehe ich die Entwicklung auch nicht als Frage von Parallelstrukturen. Berlin ist eine große Stadt mit etwa 50.000 Juden. In einer solchen Metropole braucht es Vielfalt, und mehrere Gemeinden sind nicht Ausdruck von Konkurrenz, sondern von Wachstum. Unterschiedliche Gemeinschaften können unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen.

Welches Bedürfnis erfüllt dabei speziell Ihre Gemeinde?
Ich möchte betonen, dass wir eine respektvolle Beziehung mit allen Gemeinden führen. Was uns angeht, denke ich, dass die Menschen schätzen, dass wir niemanden verurteilen. Für uns zählt nicht, wie observant jemand ist. Das Wort »orthodox« kommt in der Tora nicht vor. Jeder Mensch ist eine eigene Welt und trägt etwas Besonderes in sich. In dieser Zeit vergessen das so manche und verfallen in Depressionen. Unsere Aufgabe ist es, Menschen mit Liebe, Freude und Zuversicht zu begegnen und ihnen zu helfen, das Gute in sich selbst zu entdecken. Es geht nicht darum, jemand anderen aus ihnen zu machen, sondern ihnen zu helfen, sie selbst zu werden. Ich denke, das ist unsere Spezialität. Das ist der Kern von Chassidut.

Dennoch sind Sie ein traditioneller, frommer Mensch. Stoßen Sie da in einer vielfältigen Stadt manchmal an ihre Grenzen?
Im Gegenteil: Wissen Sie, wie viel möglich wird, wenn wir einander offen begegnen? Wir hatten gestern bei uns eine Beschneidungszeremonie eines neugeborenen Jungen. Seine Mutter ist jüdisch und der Vater muslimisch. Zu sehen, wie der Vater diesen Schritt mit Respekt und Unterstützung begleitet hat, war für mich ein wunderschönes Zeichen dafür.

Mit dem Vorsitzenden und Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin sprach Mascha Malburg.

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