Jom Haazmaut

Das Wunder der Sammlung

Ich bin überzeugter Zionist, meine Identität ist jüdisch-israelisch. Ich glaube, dass der Zionismus keinerlei Trennung zwischen meinem Judentum und meinem Israeli-Sein zulässt. Der Zionismus ist die wahre, vollständige Interpretation der Tora von Mosche und der Überlieferungen unserer Weisen; er ist die Erfüllung von Sehnsüchten vieler Generationen. Ich glaube, dass es der G’tt Israels ist, der sein Volk erlöst, weil es keinen anderen neben ihm gibt.

Zu meiner großen Überraschung zweifeln ausgerechnet als »gläubig«, als »emuniim« geltende Gemeinschaften in Israel an der Hand des Herrn, die den Prozess der Erlösung leitet, und stellen G’tt alle möglichen Bedingungen für die Vollendung der Erlösung.

ERLÖSUNG Der Zionismus bedeutet für mich ein gemeinsames Dach für alle Hoffnungen und alles Streben nach Erlösung, der Wiederherstellung der g’ttlichen Ordnung in der Welt und der Verbesserung der Gesellschaft. Die Erlösung ist ein Prozess, dessen Anfang und zentrales Anliegen die Rückkehr nach Zion und die Sammlung aller in der Diaspora Zerstreuten sind – sei nun das in unsere Hand gegebene Land Israel mehr oder weniger vollständig oder, zu unserem großen Leid, geteilt.

Ich sehe im Kibbuz Galuyot, in der Sammlung aller im Exil Zerstreuten, das größte Wunder der gesamten Menschheitsgeschichte, weil es kein anderes Volk gibt, das Tausende von Jahren in alle Enden der Erde zerstreut überlebte und in sein Land zurückkehrte. Es ist auch das größte Wunder in der jüdischen Geschichte – sowohl beim Auszug aus Ägypten als auch bei der Rückkehr aus Babylon kamen die Exilanten gemeinsam und aus einer Richtung. Doch damals ging es nicht um die Rückkehr aus verschiedenen Exilen wie heute. Bis in unsere Zeit hat kein Mensch jemals solch ein Ereignis beobachten können.

Die Sammlung der im Exil Zerstreuten ist das Hauptmerkmal der Visionen vom Ende der Zeit – in der Tora, in den Propheten und in den Schriften (siehe 5. Buch Mose 30, Jesaja 11, Jeremia 31 und Ezechiel 37). Die Sammlung der im Exil Zerstreuten findet nun schon einige Generationen lang vor unseren Augen statt – und ist so der unvergängliche Beweis für die Wahrheit der Tora und die Worte der Propheten, für die Gegenwart G’ttes mitten unter uns. Es bedarf keiner verborgenen Anzeichen, das Offensichtliche genügt uns: »Denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.« (Jesaja 52,8).

Der Prüfstein für den Glauben und für das Handeln unserer Generation ist das Verhältnis zum Zionismus, zum Staat Israel mit all seinen Fehlern und Mängeln. Alle anderen Definitionen und Probleme sind zwar ebenfalls relevant, aber zweitrangig.

FRUST Ich sehe und höre Verzweiflung, Worte der Frustration und der Enttäuschung – über den Zionismus im Allgemeinen sowie über den Staat Israel und seine Institutionen im Besonderen. Ich höre und sehe prominente Menschen und angesehene ehemalige Knessetabgeordnete, die sich vom Zionismus öffentlich abwenden. Ich sehe postzionistische Rabbiner, die nicht mehr vom Staat Israel und dessen Führungsfiguren, Ministern und Beratern reden, sondern stattdessen wieder von den »Obrigkeiten im Heiligen Land« sprechen, und die junge Menschen in Positionen jenseits der Extremisten von Neturei Karta drängen.

Es gibt religiöse Menschen, die nicht mehr das Gebet zum Wohl des Staates Israel sprechen oder die sich zu Ehren dieses Gebetes nicht erheben; und es gibt auch solche, die die Ablösung des »zionistischen Regimes« anstreben, ganz wie die Scheiche und Imame, die Gegner des Zionismus, die den Namen Allahs missbrauchen und ihn verleumden in ihren Predigten und in ihren Bestrebungen, ihm »Menschenopfer« darzubringen – ein Gräuel vor dem Herrn.

Ich sehe und höre Postzionismus in allen Lagern und Strömungen, in einer Art trüben Welle des Rückzugs und der Schwäche, des Kleingeists und der Ungeduld, die aus Verzweiflung entsteht und in Verzweiflung mündet. Die Ursache sehe ich in überzogenen Erwartungen, die enttäuscht wurden, in geplatzten Träumen, in Gebeten und Sehnsüchten, die unerfüllt blieben.

Eine ganze Generation wuchs in der Überzeugung heran, dass die Erlösung immer weiter voranschreitet, wie das erste Licht, das in der Morgenröte erstrahlt, immer stärker wird (Jerusalemer Talmud, Berakhot 1,1) – dass die Erlösung sich unumkehrbar Bahn bricht wie das Licht der aufgehenden Sonne, »das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag« (Sprüche 4,18), welches nur für kurze Zeit von Wolken verdeckt werden kann.

Das weltweite Erstaunen über den Sieg im Sechstagekrieg 1967 ließ diese Sichtweise erstarken; die darauffolgenden Krisen, Kriege, Abkommen und territorialen Rückzüge erschütterten sie. Angesehene Rabbiner versprachen: »Es wird keinesfalls passieren«, »Es wird keinen Rückzug geben«. Und doch fand er statt. Denn das Volk Israel und seine gewählten Vertreter hatten eine andere Sichtweise als die Rabbiner.

ZELOTEN Viele junge Menschen sowie Soldaten und Offiziere im Reservedienst waren zu allem bereit, gaben Körper und Seele hin, einige wenige ließen sich sogar zu Schandtaten und völlig wahnsinnigen Aktionen hinreißen – sie taten alles, um die aufgehende Sonne daran zu »hindern«, ihre Bahn zu verlassen und sich zurückzuziehen.

Nachdem sie damit gescheitert waren, wurden einige von ihnen zu zelotischen Postzionisten, einige wandten sich anderen extremen Strömungen zu. Viele verharrten betreten und perplex auf ihren Positionen. Kann man denn überhaupt von »Erlösung in unseren Tagen« sprechen, angesichts der Rückschläge und der schweren Krisen? Und vielleicht, G’tt bewahre, haben wir kein Anrecht auf vollständige Erlösung?

Viele Male konnte ich verzweifelte junge Leute wiederaufrichten und ihnen ein gewisses Maß an Sicherheit und Glauben zurückgeben – nach dem Jom-Kippur-Krieg und auch nach dem Libanonkrieg; nach der Zerstörung Yamits im Sinai und nach der Räumung von Gusch Katif.

Immer wieder haben wir den Tanach befragt zum Auszug aus Ägypten, zu den Tagen der Richter, zu den Worten der Propheten über die künftige Erlösung – »wie in den Tagen, als du aus dem Land Ägypten zogst, werde ich (das Volk) Wunder sehen lassen« (Micha 7,15 und Jesaja 11,16) – und wir versuchten uns vorzustellen: Was haben die Generationen in der Wüste über den Auszug aus Ägypten gesagt? Wie sprach man über Mosche und Aharon? Wie sehr haben diese »illegalen Einwanderer« versucht, mit aller Gewalt voranzukommen und sind gescheitert! Und was sagte man in den Tagen der Richter während der viele Jahre andauernden Krisen und Niederlagen, bis ihnen Rettung zuteil wurde? Wie hielt Gideon stand angesichts der Verzweiflung?

So wurde mir klar, dass das Modell vom Auszug aus Ägypten das richtige ist und mit der Tora und den wahren Prophetien, mit der zionistischen Vision und auch mit der komplizierten Wirklichkeit sehr viel besser übereinstimmt als das Modell der »aufgehenden Sonne«, das die Herzen mit Erwartungswolken erfüllt, die schlussendlich nur zur Verzweiflung führen können. Die Wahrheit der hebräischen Bibel setzt eine erquickende, religiös-zionistische, robuste und nüchterne Geisteshaltung frei, die es vermag, kraftvoll und auch unter Schmerzen das Lied des Staates Israel anzustimmen – des Staates, der das Wunder vollbracht hat, die im Exil Zerstreuten zu versammeln.

Ich strecke meine Hand in Brüderlichkeit denen entgegen, die auf den Weg des Lichts zurückkehren möchten, die wieder auf den Herrn, den Fels und Erlöser Israels, vertrauen möchten, der mit starker Hand die im Exil Zerstreuten nach Zion zurückführt. Er ist es, der den Staat Israel und seine gewählten Institutionen erstehen lässt, durch Seinen Willen und die Erwählung des Volkes Israel in seinem Land. Denn nur das Volk Israel, das in seinem Land lebt, repräsentiert in unserer Welt die Knesset, die gesamte Gemeinschaft der Juden – und »die Entscheidung richtet sich nach der Mehrheit der Bewohner des Landes Israel« (Babylonischer Talmud, Horayot 3a).

Übersetzung aus dem Hebräischen mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Der Text erschien 2011 als Vorwort zu dem Buch »Nes Kibbutz Galuyot« von Yoel Bin-Nun bei Miskal Yedioth Sefarim/Chemed Books.

zur Person
Yoel Bin-Nun ist einer der profiliertes-ten Rabbiner Israels. Er wurde 1946 in Haifa geboren, kämpfte als Soldat im Sechstage-
krieg, wurde in der Jeschiwa »Merkaz Ha Rav Kook« in Jerusalem ausgebildet und war Mitbegründer der Siedlerbewegung »Gusch Emunim«. Die Treue zum Staat Israel war dem religiösen Zionisten immer ein Anliegen. Yoel Bin-Nun lebt in Alon Schwut (Gusch Etzion) südöstlich von Jerusalem.

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026

Interreligiöser Dialog

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen mehr Austausch

Evangelische Kirche und Zentralrat der Juden wollen sich intensiver austauschen. Am Mittwoch kamen Delegationen in Berlin zusammen, um einen festen Turnus festzulegen

 20.05.2026

Fest

Magdeburger Synagogen-Gemeinde hat neue Torarolle eingeweiht

Mit dem Fest der Toravollendung konnte die neue Torarolle der Magdeburger Synagogen-Gemeinde eingeweiht werden. Traditionell wurden die 5 Bücher Mose von einem Sofer genannten Schreiber in Israel angefertigt

von Thomas Nawrath  20.05.2026