Das Privileg, von einer Stadt zum Ehrenbürger ernannt zu werden, ist nicht nur Menschen vorbehalten. Dies bewies 2010 eine kleine Ortschaft im Nordwesten Spaniens: In Carballino wurde einstimmig beschlossen, den Kraken Paul zum Ehrenbürger zu krönen, weil er den WM-Sieg der Iberer gegen die Niederlande richtig prognostiziert hatte.
Der Orakel-Krake, wie Paul genannt wurde, begann schon bei der Europameisterschaft 2008, die Ausgänge der Fußballspiele »vorherzusagen«. Im Sea Life Centre in Oberhausen, wo Paul lebte, wurden während der Meisterschaften durchsichtige Behälter mit Futter ins Aquarium herabgesenkt – versehen jeweils mit den Nationalflaggen der gegeneinander spielenden Mannschaften. Pauls Futterwahl wurde als Prognose gewertet.
Während er noch 2008 zwei falsche Vorhersagen machte, schienen sich 2010 seine prophetischen Fähigkeiten perfektioniert zu haben, und alle seine acht Vorhersagen – einschließlich des Finales der Niederlande gegen Spanien – erwiesen sich als richtig, wofür er weltweite Bekanntheit erlangte. Sein Tipp für das WM-Finale wurde live übertragen, und es waren 200 Journalisten vor Ort.
Nun ist Paul das bekannteste Sport-Orakel, aber bei Weitem nicht das einzige. Im Dortmunder Zoo ließ man den Orang-Utan Walter die Ergebnisse voraussagen, und in Münster war es Tapir Theo. Wissenschaftler der Hochschule Furtwangen ließen gar Kolibakterien als Orakel antreten. Aber egal ob Säugetier oder Amöbe: Es stellt sich die Frage, ob es aus der Sicht des Judentums ein Problem damit gibt, Orakel zu verwenden und ihnen Glauben zu schenken.
Omen können den Glauben schwächen, dass alles vom Himmel kommt.
In der Tora wird neben dem Verbot der Zauberei auch das Verbot von »Nichusch« (3. Buch Mose 19,21 und 5. Buch Mose 18,10) erwähnt. Die mittelalterlichen Tora-Kommentatoren Raschi (Rabbi Schlomo Jizchaki, 1040–1105) und Ramban (Rabbi Mosche ben Nachman, 1194–1270) erklären den Begriff Nichusch basierend auf dem Talmud (Sanhedrin 65b): Es handle sich um eine Praxis, bei der man in bestimmtem Tierverhalten ein schlechtes Omen sieht, bevor man sich zum Beispiel auf eine Reise begibt oder ein neues Unterfangen beginnt.
Der Sefer HaChinuch (Mizwa 249), der den Gründen der Ge- und Verbote nachgeht, erklärt, dass solche Omen keinerlei Bedeutung haben und den Glauben des Menschen, dass alles vom Himmel kommt, schwächen.
Schon Elisier verließ sich auf die Kamele
Außerdem finden wir im Talmud (Chulin 95b) eine Aussage des babylonischen Gelehrten Rav (Rabbi Abba Aricha, um 175–247), dass es sich nur dann um Nichusch handelt, wenn er dem Nichusch von Elieser, dem Diener Awrahams, und von Jonathan, dem Sohn von König Schaul, ähnelt. Bei Ersterem bezieht er sich auf die Geschichte, als Elieser in die Heimat Awrahams geschickt wurde, um eine geeignete Frau für Jitzchak zu finden: Elieser nahm sich vor, dass das Mädchen, das ihm und seinen Kamelen zu trinken geben werde, die auserkorene Frau für Jitzchak sein soll (1. Buch Mose 24, 12–22).
Jonathan macht vor dem Kampf mit den Philistern ebenfalls eine Art Test, um ein Zeichen zu bekommen, ob G’tt den Angriff unterstützt: Dass die Philister ihn auffordern heraufzukommen, statt zu ihm herunterzutreten, deutet er als Zustimmung G’ttes für den Krieg.
In jenem Talmudtraktat sagt außerdem Rabbi Schimon ben Elazar, dass das Bauen eines neuen Hauses, die Geburt eines Kindes oder die Heirat einer Frau als gutes Zeichen wahrgenommen werden können.
Unter den Gelehrten des Mittelalters gibt es verschiedene Meinungen, wie man diese Aussagen interpretiert. Der Rambam ist der Ansicht, dass der Gelehrte Rav damit beabsichtigt, dass der Nichusch, wie ihn Elieser und Jonathan gemacht haben, verboten sei, weil sie ihre Handlungen von einem Zeichen abhängig gemacht haben.
Aber wie kann es sein, dass die biblischen Helden Elieser und Jonathan etwas so Falsches tun? Bei Elieser könnte man argumentieren, dass er nicht jüdisch war und dieses Verbot für ihn nicht galt, aber Jonathans Vergehen ließe sich damit nicht erklären.
Aus diesem Grund widerspricht der Raawad, Rabbi David ben Awraham (um 1125–1198), in seinen Glossen dem Rambam energisch: Es könne nicht sein, dass diese großen Gerechten das Verbot von Nichusch übertreten haben. Er urteilt scharf: »Wenn ich sie wäre, dann hätte ich mich mit feurigen Peitschen verteidigt.«
Das Judentum kennt g’ttliche Offenbarung – aber keine tierischen Weissagungen.
Auch der Tanach-Kommentator Radak, Rabbi David Kimchi (1160–1235), erklärt, dass Rav nicht beabsichtigte, zu unterstellen, dass Elieser und Jonathan etwas Verbotenes getan hätten, denn bei ihrer Zeichendeutung habe es sich gar nicht um Nichusch gehandelt. Ravs Absicht sei es vielmehr, anhand ihrer Beispiele zwischen verlässlichen und weniger verlässlichen Zeichen zu unterscheiden.
Somit fallen laut dem Raawad und dem Radak nur bestimmte Omen, die aus unbekannten Gründen als schlechte Zeichen festgelegt wurden, unter das Verbot von Nichusch. Und man unterscheidet außerdem zwischen Zeichen, die man im Vorhinein festgelegt hat, und jenen, die erst im Nachhinein als solche erkannt werden, worauf man sich jedoch laut dem Raawad nicht wirklich verlassen kann.
Zufälliges Zeichen oder logisches Urteil?
Gleichzeitig gibt es auch Gelehrte, die die Interpretation des Rambam unterstützen. So ist auch Rabbi Nissim von Gerona (1320–1376) davon überzeugt, dass sich die Aussage von Rav auf Nichusch bezieht und dass Zeichen, die im Voraus abgemacht werden, verboten seien. Er erklärt jedoch, dass auch der Rambam damit einverstanden wäre, dass Elieser und Jonathan kein Verbot übertreten haben, weil es sich bei den Zeichen, die sie festgelegt hatten, nicht um zufällige Zeichen handelte, sondern sie eine direkte logische Verbindung mit ihrer Mission hatten.
Im Fall von Elieser war die Frau, die Elieser und seine Kamele tränken würde, tatsächlich am besten für die Rolle der Frau von Jitzchak geeignet, weil für Awraham ein großzügiger und liebevoller Charakter seiner zukünftigen Schwiegertochter höchste Priorität hatte. Und im Fall von Jonathan wollte er durch seinen Test sehen, ob die Feinde vor ihm Angst haben würden und es ihm daher leichter fallen würde, sie zu besiegen.
Aus dem Schulchan Aruch (Jore Dea, Siman 179) geht nicht klar hervor, welche Meinung er für richtig hält, aber Rabbi Mosche Isserles (um 1520–1572) rät grundsätzlich dazu, sich nur auf Haschem zu verlassen.
Wenn wir jetzt zu Paul, dem Kraken, und seinen tierischen Kollegen zurückkommen und uns der Frage widmen, ob es aus der Sicht des Judentums erlaubt ist, solchen Orakeln Glauben zu schenken, dann scheint es, dass es laut der Meinung des Rambam sicherlich verboten wäre, festzulegen, dass die Mannschaft, auf die Paul getippt hat, gewinnen wird.
Wetten abschließen
Umso problematischer wäre es, wenn man sich so sehr darauf verlässt, dass man basierend auf Pauls Tipp eine Wette abschließt (ob man heutzutage Sportwetten abschließen darf, ist eine weitere halachische Frage), dann ist es sicherlich ein Problem von Nichusch. Möglicherweise wäre hier auch der Raawad der Meinung, dass es sich dabei um Nichusch handelt, weil es nicht nur ein Omen ist, sondern der Glaube an ein tierisches Orakel, ein Konzept, das im Judentum generell nicht unterstützt wird.
Eine Art von Orakel, die jedoch auch in der jüdischen Tradition vorhanden war, waren die Urim weTumim (2. Buch Mose 28,30). Dabei handelte es sich um die Steine auf der Brustplatte des Hohepriesters.
Treffsicherheit macht aus einem Oktopus noch keinen Propheten.
Auf den zwölf Steinen waren die Namen der zwölf Stämme eingraviert, und wenn der Kohen HaGadol eine Frage stellte, dann leuchteten die verschiedenen Buchstaben auf und bildeten eine g’ttliche Botschaft. Außerdem gab es eine Zeit, als es Newi’im, Propheten, gab, denen G’tt die Zukunft voraussagte, aber andere Arten von Orakeln werden vom Judentum nicht anerkannt.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es mehrere Theorien, warum Pauls Entscheidung keiner höheren Kraft oder Magie bedurfte. Mathematiker betonen, dass seine Erfolgsquote statistisch gesehen nicht außergewöhnlich ist. Pauls Ruhm und Bekanntheit ließen sich jedoch dadurch nicht beeinträchtigen. Nach seinem Tod widmete das Sea Life Centre in Oberhausen ihm sogar ein Denkmal, einen rund zwei Meter großen Kraken, der auf einem Fußball sitzt.
Auch viele Jahre nach Krake Paul sind Tierorakel nicht verschwunden. Für die kommende Weltmeisterschaft haben sich bereits die Blaukehlaras im Zoo Leipzig in Stellung gebracht. Bei der Generalprobe entschied sich das »Arakel« für einen Auftaktsieg des Gastgebers Mexiko. Und in Münster soll Ameisenbär Taio voraussagen, wie die deutsche Nationalmannschaft ihre Spiele bestreiten wird. Einen Nachfolger für Krake Paul, der die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich zog, scheint es bislang jedoch nicht zu geben.
Der Autor ist Assistenz-Rabbiner der Gemeinde Kahal Adass Jisroel, Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.