Wandel

Bürger mit Verantwortung

Sitz des Parlaments in Jerusalem: die Knesset Foto: israelimages

Wandel

Bürger mit Verantwortung

Wie sich das jüdische Volk zu einer Nation entwickelte

von Rabbinerin Elisa Klapheck  23.08.2010 13:37 Uhr

Nach dem Wochenabschnitt Ki Tawo sind Juden eine Nation – im Unterschied zu einem Volk. Moses spricht von einer »heiligen Nation«: »Der Ewige wird dich zu seiner heiligen Nation (Am kadosch) erheben, wie er es dir geschworen hat, wenn du die Gebote des Ewigen, deines Gottes, beachtest und in seinen Wegen wandelst« (5. Buch Moses 28,9). Das hebräische Wort für Nation ist hier »Am«. Offensichtlich hat sich eine Entwicklung vollzogen. Denn im 2. Buch Moses war noch von »Volk« die Rede. Dort sagte Gott zu den Israeliten: »Ihr sollt mir ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk (Goi kadosch) sein« (19,6).

Von »Goi« zu »Am«. Die Übersetzungen des Tanach achten meist nicht auf den Unterschied und verwenden die Begriffe »Volk« und »Nation« undifferenziert für beide Wörter. Dabei geht es nicht nur um Nuancen, sondern um eine wichtige historische Etappe in der Geschichte Israels, die für unser jüdisches Selbstverständnis entscheidend sein sollte.

Jüdische Geschichte begann zunächst mit der Aussicht, ein »Goi gadol«, ein großes Volk, zu werden. Das hatte Gott Awraham verheißen. Zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meer sollten Awrahams Nachfahren werden – vereint in ihrer monotheistischen Weltanschauung, doch erwachsen aus einem ursprünglich verwandtschaftlichen Zusammenhang.

befreiung Dem Wort »Volk« haften auch heute noch Vorstellungen von einer ausgewachsenen Sippe, einem Stamm mit gemeinsamen Blutsbanden an. Dem gegenüber begründet sich eine Nation nicht in erster Linie in einer gemeinsamen biologischen Herkunft, sondern in einem übergeordneten Prinzip – dem Staat, der Verfassung, der Demokratie, gemeinsamen Werten, Kultur und Sprache. Historisch gesehen emanzipierten sich Völker zu Nationen.

Im Abschnitt Ki Tawo spiegeln sich wesentliche Kriterien des israelitischen Selbstverständnisses nicht als ein Volk, sondern als einer »religiösen Nation«. Das Eingangskapitel beschreibt die Abgabe des Zehnten, des Ma’asser, von den Erstlingsbodenfrüchten. Schon die Einleitungsformel, die der einzelne Israelit bei dem Abgabenritual zu sprechen hatte, bedeutete, dass er sich auf keine passive Zugehörigkeit zu einem gewachsenen Volk berufen konnte, sondern sich zu einer Nation bekannte, deren Prinzipien täglich aktiv verwirklicht werden mussten.

Wie der Titel des Abschnitts Ki Tawo – Deutsch: »Wenn du in das Land kommst« – besagt, kam auch der einzelne Israelit mit jedem Abgaberitual erneut in das Land. Mit den Erstlingsfrüchten im Korb trat er vor den Priester im Tempel und sagte: »Ich tue dem Ewigen, deinem Gotte, heute kund, dass ich in das Land gekommen bin, von dem der Ewige unseren Vätern geschworen hat, er würde es uns geben« (26,3). Doch selbst durch die rituell wiederholte Ankunft wurde er kein vollgültiger Einheimischer. Mochte seine Familie schon seit Jahrhunderten im Land leben, musste er dennoch seine fremdländische, ja nicht einmal israelitische Abkunft aussprechen: »Arami owed ami« – »Ein Aramäer, dem Untergange nahe, war mein Vater« (26,5).

zugehörig Während das Abgaberitual den Aspekt der Volkszugehörigkeit entkräftete, stellte es zugleich einen Zusammenhang zwischen dem Land sowie Israel als einer religiösen Nation her. Die Tora drückte die religiöse Beziehung zum Land durch Akte der Heiligung aus. Heiligung heißt, anzuerkennen, dass das Land in einer eigenen Beziehung zu Gott steht, dass es mit seinen Früchten und Erträgen ein eigenes und zugleich besonderes, von Gott gegebenes Potenzial in sich birgt.

Im Akt der Heiligung, hier durch die Abgabe des Zehnten, verband sich das Potenzial des Landes mit der ebenfalls besonderen Beziehung zwischen den Israeliten und Gott. Dabei leistete die Abgabe weniger einen an Gott zu zahlenden Tribut, als dass sie Prinzipien bestätigte, die Israel zu einer religiösen Nation machten. Sie spiegelten sich in den drei Sorten von Zehntabgaben. Ein Ma’asser galt den Leviten, ein zweiter einem fröhlichen Fest in Jerusalem, ein dritter den Armen und Mittellosen. Damit waren drei Aspekte benannt, die den religiös-sozialen Zusammenhalt der israelitischen Nation sicherten: das kultische Leben, die Gemeinschaft sowie soziale Solidarität.

Widerstand Das rabbinische Schrifttum verweist jedoch noch auf einen zusätzlichen Punkt, der gerade heute heraussticht. Im halachischen Midrasch Sifre klingt an, dass viele Israeliten nicht bereit waren, den Zehnten an die Leviten abzuliefern, da deren Verhalten oft nicht den moralischen Ansprüchen ihres Amtes entsprach. Der Midrasch fordert seine Leser dennoch dazu auf, die Abgabe zu leisten. Denn mit jeder Abgabe bekenne sich der einzelne Israelit zu den Prinzipien seiner Nation und ermahne zugleich die Leviten , ihren Pflichten nachzukommen.

Es ist genau in diesem Punkt ein Aspekt benannt, mit dem sich das einstige »Volk« von seinen Priestern zu emanzipieren begann und Autorität über sie erlangte. In der Umkehr des Autoritätsverhältnisses beginnt sich das Volk zugleich zu einer Nation verantwortlicher Bürger zu demokratisieren, denen gegenüber die Autoritäten rechenschaftspflichtig werden. Es verblüfft, dass dieser moderne Impuls bereits in der Tora angelegt und vom rabbinischen Schrifttum aufgegriffen wurde.

Aus dem einstmaligen Volk, das sich der unbedingten Autorität Gottes unterwarf, sollte eine Nation werden, die die Gesetzesoffenbarungen Gottes in ein Instrument verwandelte, um eigenverantwortete Autorität auszuüben. Ki Tawo ist ein Beispiel dafür, wie – im Positiven – politisch gerade die jüdische Religion sein kann.

Die Autorin ist Rabbinerin des Egalitären Minjans in Frankfurt am Main.

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