Fastentag

Am Jisrael chai!

Trauern über den Verlust des Heiligtums in Jerusalem: zwei Beter vergangenes Jahr an Tischa beAw am Rand der Kotel Foto: Flash90

Die Atmosphäre an Tischa beAw ist deprimierend. Aber das war auch die Absicht unserer Weisen, die nach der Zerstörung des Ersten Tempels 586 v.d.Z. und der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n.d.Z. ein aufwendiges und intensives Trauerritual zum Gedenken an das verlorene jüdische Heiligtum einführten.

Staatstrauer ist etwas anderes als die Trauer nach einem individuellen Verlust. Wenn jemand stirbt, der der Familie nahesteht, ist das Trauerritual unmittelbar nach dem Tod am intensivsten. Der Schock sitzt tief. Die Menschen sitzen Schiwe – sieben Tage lang auf dem Boden.

Wenn wir den Verlust unseres Heiligtums in Jerusalem betrauern, verändert sich der Trauerprozess in die gegensätzliche Richtung, von leichter zu schwerer Trauer. Mit dem Fastentag am 17. Tamus – in diesem Jahr war es der 27. Juni – haben die drei Trauerwochen des jüdischen Volkes um beide Tempel begonnen. In diesen Zeit intensivieren sich die Trauervorschriften. Am 9. Tag des Monats Aw, also an Tischa beAw – in diesem Jahr beginnt der Trauertag am Abend des 17. Juli – werden wieder Tausende Juden trauernd und fastend auf dem Boden nahe der Kotel in Jerusalem sitzen.

An Tischa beAw trauern Tausende Juden an der Kotel in Jerusalem.

Mit dem Verlust unserer nationalen Unabhängigkeit mussten wir in den vergangenen 2000 Jahren ein bitteres Exil in fremden Ländern durchmachen, wo wir fast nie wohlwollend behandelt wurden. Inzwischen ist eine neue Form des virulenten Judenhasses entstanden, die in der Bedrohung durch den möglichen Bau einer Atombombe durch den Iran gipfelt. Steht nun ein zweiter Holocaust bevor? Wird der Iran die Bombe einsetzen, wenn er sie denn hat?

EXILPERIODEN Gehen wir noch einmal in die Geschichte zurück: Bis zur Ankunft des Messias werden wir fünf Exilperioden überstanden haben. Das erste Exil war die Galut von Babylonien, die 70 Jahre nach der Zerstörung des Ersten Tempels (586–516 v.d.Z.) andauerte. Es folgten die Galujot von Medien und Persien, König Achaschwerosch und Haman.

Die dritte Galut war durch die Herrschaft Griechenlands und des Hellenismus gekennzeichnet, danach kam die vierte Galut von Edom, Rom oder dem Westen. Diese Galut dauert immer noch an. Die fünfte und letzte Galut hat sich angekündigt: die Galut von Jischmael. Wir leiden täglich unter dem Zusammentreffen von westlichem und östlichem Antisemitismus.

Der Iran und viele andere Gruppierungen streben die Zerstörung Israels an. Ich erinnere mich, wie meine Mutter Bloeme Emden erzählte, wie sie 1943 durch die Straßen von Amsterdam ging, wo die Nazis große Lautsprecher aufgehängt hatten. Sie hörte Hitlers Worte: »Die Juden sind unser Unglück. Wir werden sie ausrotten.« Wenn unsere Erzfeinde die Chance dazu bekommen, werden sie uns völlig vernichten.

ATOMBOMBE Der Iran wird von der internationalen Gemeinschaft wegen seiner Bestrebungen, eine Atombombe zu entwickeln, kontrolliert – aber jeder, der die schwachen Versuche des Westens sieht, versteht, dass nichts gegen die iranische Aggression bestehen kann. Was hält die Zukunft also für Israel bereit?

Die letzte Galut wird zum ersten Mal in der Tora angekündigt. Sarai schlägt Awram vor, eine zweite Frau zu heiraten, die Ägypterin Hagar. Hagar wird bald schwanger: »Sara wurde in den Augen ihrer Dienerin minderwertig.« Awram gab Hagar in die Macht von Sarai. Sarai demütigte sie ständig (1. Buch Mose 16, 5–7). Hagar flieht.

G’ttes Engel weist Hagar an, zurückzukehren: »Lass dich unter Sarais Behandlung demütigen, denn ich werde deine Nachkommenschaft sehr stark vermehren. Du wirst deinen Sohn Jischmael (G’tt hört) nennen, denn G’tt hat deine Demütigung erhört. Er wird ein wilder Mann unter den Menschen werden, seine Hand gegen alle und alle gegen ihn; gegen alle seine Brüder wird er wohnen« (1. Buch Mose 16, 9–12).

Das Bemerkenswerte an diesen sehr frühen prophetischen Worten ist, dass sie gerade in unseren Tagen Wirklichkeit geworden sind. Inzwischen lebt Jischmael überall und verschafft sich in den westlichen Hauptstädten Gehör. In der Endzeit, so der Sohar, werden sich Jischmael und Esaw gemeinsam gegen die Hauptstadt Israels erheben.

Das fünfte und letzte Exil hat sich angekündigt: die Galut von Jischmael.

Jischmael erhält seinen Namen von dem Allmächtigen selbst. Nach unseren Weisen bedeutet dies, dass wir uns, wenn wir von Jischmael angegriffen werden, an G’tt wenden müssen, um Ihn in unserer Not zu rufen. G’tt wird uns dann hören.

Die internationale Gemeinschaft vergisst mitunter, dass auch Israel Atombomben hat. Israel könnte zurückschießen oder die gleiche Waffe präventiv einsetzen – möge G’tt dies verhüten. Das Einzige, was wir tun können, ist, uns auf unseren Schöpfer zu konzentrieren.

IDENTITÄT Wenn wir alle gegenseitigen »Sinat chinam« – sinnlosen Hass – vergessen und uns nur darauf konzentrieren, unsere jüdische Identität in allen Aspekten unserer Existenz zu stärken, werden wir ohne allzu großen Schaden triumphieren, und die messianischen Zeiten werden bald anbrechen.

Auch daran sollten wir an Tischa beAw denken – dass der Trauer die Freude folgt. Am Jisrael chai – das Volk Israel lebt! LeSchana habaa biruschalajim habnuja – nächstes Jahr in Jerusalem!

Der Autor ist Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Dajan beim Europäischen Beit Din und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026

Bein Hametzarim

Die verborgene Struktur der drei Wochen

Warum die Zeit der größten Trauer zugleich auf die endgültige Erlösung verweist

von Valentin Lutset  17.07.2026

Tradition

»Frauen waren schon immer weise«

Seit vier Jahren leitet Rabbanit Yemima Mizrachi Seminare für die Frauen von europäischen Rabbinern. Und definiert damit die Rolle der Rebbetzin neu

von Mascha Malburg  16.07.2026

Streit

Welche liberalen Konversionen werden in Israel anerkannt?

Die Union progressiver Juden behauptet, künftig würden nur Giurim ihres Rabbinatsgericht für die Alija anerkannt. Nun stellt der Zentralrat dies mit Verweis auf die Jewish Agency richtig

 15.07.2026 Aktualisiert

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026

Perspektive

»Viele Juden haben das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen«

Rabbiner Ammiel Hirsch gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Reformjudentums in den USA. Ein Gespräch über Zionismus, Proteste vor Synagogen und den Bruch mit liberalen Milieus

von Alexandra Farkas Bandl  10.07.2026

Talmudisches

Der Garten Eden

Was unsere Weisen über das Paradies lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  09.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026