Behar

Alle 7 und alle 49 Jahre

Die jüdischen Gesetze sind auf sehr lange Zeiträume ausgelegt. Foto: Getty Images/iStockphoto

Behar

Alle 7 und alle 49 Jahre

Was die Tora über das Schmitta- und über das Joweljahr lehrt

von Rabbiner Joel Berger  20.05.2022 09:56 Uhr

Unsere Parascha befasst sich mit den Anordnungen des Schabbat- und des Joweljahres. Diese Gebote der Tora wurden installiert, um zu verhindern, dass die Eigentumsrechte der Landbesitzer auf Kosten der Schwächeren missbraucht werden. Dadurch wurde ausgeschlossen, dass das Land als Produktionsmittel, als ewiges Eigentum eines Ein­zelnen, zum Nachteil der Besitzlosen genutzt wurde.

Ebenso wurden durch die Gebote der Tora im alten Israel die zwischenmenschlichen Beziehungen der Abhängigkeit, wie Schuldknechtschaft, wesentlich eingeschränkt. Es durften in der biblischen Zeit keine Verhältnisse einer Sklavenhaltergesellschaft entstehen, wie es später im antiken Rom der Fall war. Wenn jemand den durch ihn verursachten Schaden bei dem betreffenden Geschädigten wiedergutmachen musste, so durfte er ihm nicht länger als sieben Jahre dienen. Sollte ein Joweljahr, das nach sieben Schabbatjahren eintrat, dazwischenliegen, so musste er unverzüglich freigelassen werden. Die Gebote der Schabbat- und Joweljahre sind somit wichtige Teile der Sozialgesetzgebung der Tora.

ÖKOLOGIE Umweltbewusst denkende Menschen, die aus der Bibel meist nur den Vers kennen »Die Erde sei euch untertan«, müssten jetzt beide Ohren spitzen. Denn an diesem Schabbat wird aus dem Wochenabschnitt einiges vorgetragen, das ihre Einstellung zu den altertümlichen biblischen Texten radikal ändern könnte: »Wenn ihr in das Land kommt (…), soll das Land Schabbatruhe (…) halten. Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen (…) und seinen Ertrag ernten. Doch im siebten Jahr soll das Land einen vollständigen Schabbat halten. (…) Dein Feld sollst du nicht besäen, (…) den Wildwuchs deiner Ernte sollst du nicht einfahren« (3. Buch Mose 25, 1–6).

Diese Anordnung, die als Schmitta-, Brach- oder Schabbatjahr bekannt ist, hatte die Bedeutung, dass sie das Land als Gabe G’ttes vor der menschlichen Ausbeutung oder vor Raubbau schützen sollte. Ferner diente die Einrichtung des Schabbatjahres auch sozialen Zwecken. Die wild nachwachsende Ernte auf den Feldern konnten die Ärmeren, Besitzlosen und die Fremden für sich einbringen.

Maimonides betont, dass die Gesellschaft verpflichtet ist, für jeden Einzelnen Sorge zu tragen.

Der große mittelalterliche jüdische Philosoph Maimonides, der Rambam (1138–1204), hob die vornehmlich soziale und ethisch-religiöse Bedeutung des Schmittajahr-Gebots hervor. Er betont, dass die Gesellschaft verpflichtet ist, für jeden Einzelnen Sorge zu tragen. Daher vertiefte die Tora diese Einrichtung bereits im 2. Buch Mose (23, 10–11), wenn sie die Felder im siebten Jahr de facto den Besitzlosen überträgt. Diese durften über den Ertrag des Brachjahres verfügen.

Wenn jemand im siebten Jahr seine Felder brachliegen ließ, bezeugte er gleichzeitig sein G’ttvertrauen. Er vertraute darauf, dass der Herr in Seiner Gnade ihn nicht verhungern lässt. Auf die Frage: »Was werden wir essen im siebten Jahr? Siehe, wir dürfen nicht säen und nicht unseren Ertrag einsammeln«, antwortet die Tora: »Ich aber werde euch Meinen Segen gebieten im sechsten Jahr, und es wird den Ertrag bringen für drei Jahre« (3. Buch Mose 25, 20–21). Ferner erzieht die Schmitta den Menschen dazu, mit seinem Besitz anderen gegenüber großzügiger umzugehen.

SCHULDKNECHTE Die Parascha befasst sich weiterhin mit der Art und Weise, wie die in die Schuldknechtschaft Geratenen ihre Freiheit anlässlich des Joweljahres zurückgewinnen können.
Die Tora schreibt: Im Joweljahr »sollst du Posaunenschall erklingen lassen, im siebten Monat, am 10. Tag des Monats, an Jom Kippur, dem Versöhnungstag, sollt ihr Posaunen ertönen lassen in eurem ganzen Land. Und ihr sollt damit das Joweljahr heiligen, dass ihr die Freilassung aller Geknechteten im Land ausruft – da soll ein jeder zu seinem Besitz und Familie zurückkehren« (3. Buch Mose 25, 9–10).

Die Erläuterungen der Schrift weisen darauf hin, dass es am Jom Kippur strengstens verboten war, Instrumente ertönen zu lassen. Das Schofar und seine Töne würden einen krassen Widerspruch zum Versöhnungsfest bilden.

Anders verhält es sich am Jom Kippur des Joweljahres: Hier rufen die eindringlichen Schofartöne die Freiheit der Menschen aus. Man soll, im Gegensatz zu den anderen Jahren, an diesem höchsten Feiertag des jüdischen Jahres mit dem Schofarklang im ganzen Land auf die unwiderrufliche Freiheit eines jeden Einzelnen, laut und für jedermann vernehmbar, aufmerksam machen. Niemand sollte sagen können, dass er den Ruf des Schofars nicht gehört oder nicht verstanden hätte und sich Menschen weiter widerrechtlich unterzuordnen hätten. Das Schofar am Jom Kippur steht unmissverständlich nur im Dienst der Befreiung.

JOM KIPPUR Die Gelehrten weisen darauf hin, dass am Jom Kippur des Joweljahres das Schofar aus einem völlig anderen Grund als an Rosch Haschana, dem Neujahrsfest, geblasen wird.

An Rosch Haschana steht das Schofar als Instrument der Erinnerung und des Wachrüttelns des Gewissens. Wir wollen uns durch diese Töne an den Bund Awrahams mit G’tt erinnern und an den Versuch Awrahams, seinen Sohn Jizchak zu opfern.

Die Verkündung der Freiheit des Menschen ist höher zu bewerten als die Schabbatverbote.

Zwischen den Schofartönen am Jom Kippur im Joweljahr und denen des Neujahrstages gibt es keine Unterschiede musikalischer Art. Wenn der Neujahrstag jedoch auf einen Schabbat fällt, wird das Schofarblasen unterlassen. Am Jom Kippur des Joweljahres, der auch »höchster Schabbattag« genannt wird, bläst man auf jeden Fall das Schofar. Die Verkündung der Freiheit des Menschen ist höher zu bewerten als die Schabbatverbote.

Die Gelehrten wiesen ferner darauf hin, dass die Gültigkeit dieser Anordnung der Tora zwar ans Heilige Land gebunden, doch von jeglichem staatlichen Apparat unabhängig ist: Wenn in der nachbiblischen Zeit ein Beit Din, ein rabbinischer Gerichtshof, im Land tagte, konnte er auch die Befreiung der Unterdrückten am Jom Kippur des Joweljahres anordnen.

Im Übrigen gehörte es zu den Pflichten der Heiligung des Joweljahres, die Eigentumsverhältnisse über die Früchte des Feldes aufzuheben, sodass sie jedermann genießen konnte.

Der deutsche Ausdruck »alle Jubeljahre« hat uns die Spuren dieser biblischen Anordnung bewahrt.

Der Autor ist emeritierter Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Behar führt das Erlass- und das Joweljahr ein. Das Erlassjahr – es wird auch Schabbatjahr genannt – soll alle sieben Jahre sein, das Joweljahr alle 49 Jahre. Die Tora fordert, dass der Boden des Landes Israel einmal alle sieben Jahre landwirtschaftlich nicht genutzt werden darf, sondern brachliegen muss. Dies geschehe »dem Ewigen zu Ehren«. Im Joweljahr soll alles verkaufte Land an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden, die es erhielten, als das Land nach der Eroberung verteilt wurde (Jehoschua 13, 7–21). Außerdem müssen im Joweljahr alle hebräischen Sklaven freigelassen werden.
3. Buch Mose 25,1 – 26,2

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Video

Pessach verstehen: Bedeutung, Bräuche und Traditionen

Rabbiner Dovid Gernetz erläutert die religiöse und historische Bedeutung von Pessach

von Jan Feldmann  01.04.2026

Chol HaMoed

Warum der Esel?

Das Grautier steht in der biblischen Geschichte für die Kraft, die den Menschen an seine niederen körperlichen Bedürfnisse bindet

von Vyacheslav Dobrovych  01.04.2026

Schemini

Fremdes Feuer

Wer mehr tut als geboten, läuft Gefahr, dass Frömmigkeit zur Selbstdarstellung wird

von Rabbiner Bryan Weisz  01.04.2026

Meinung

Hauptsache, Israel steht am Pranger!

Palmsonntag in Jerusalem und auf Social Media: Ein Rückblick

von Wolf J. Reuter  01.04.2026

Mascha Malburg

Jerusalem ist allen heilig

Regelmäßig knirscht es vor Ostern zwischen Christen und den israelischen Behörden. Unsere Redakteurin wünscht sich nach dem neuesten Vorfall an der Grabeskirche mehr gegenseitiges Verständnis

von Mascha Malburg  31.03.2026

Psychologie

Mizrajim ist wie die Enge in der Brust

Aus chassidischer Sicht geht es an Pessach nicht darum, der Bitterkeit schnellstmöglich zu entfliehen. Wir müssen sie durchleben

von Rabbiner David Kraus  31.03.2026

Exodus

Türen öffnen, Freiheiten erobern

Der Auszug aus Ägypten ist ein Appell, den Mut zu haben, uns der Welt zuzuwenden – auch wenn sie noch so bedrohlich erscheint

von Shoshana Ruerup  31.03.2026

Essay

Das fünfte Glas

Beim Seder füllen wir voller Hoffnung einen Becher Wein für Elijahu – doch er bleibt unberührt. Es ist eine Geduldsprobe, ein ritualisiertes Sehnen. Wir wissen: Seine Zeit wird kommen

von Rabbiner Noam Hertig  31.03.2026