Nahost

Strategische Oberhand

Michael Wolffsohn Foto: picture alliance / teutopress

Stimmt es? Waren, wie fast alle wissen und verkünden, Gaza- und Iran-Krieg für USA und Israel ein Fehlschlag? Das waren die verkündeten Ziele: erstens Schluss mit der atomaren Bedrohung durch den Iran. Zweitens Schluss mit der Produktion und Anwendung iranischer ballistischer Raketen. Drittens Entmachtung der Stellvertreter Irans, also Hamas, Hisbollah, irakischer Milizen sowie der jemenitischen Huthi. »Regime Change« war erwünscht, doch kein erklärtes Ziel.

Kriege sind mehr als ein Ereignis oder die Summe von Ereignissen. Kriege sind ein längerer Prozess. Also eine längere Entwicklung. Vor und nach Kriegen gelten die Gesetze der Politik. Politisch abgeschlossen ist weder der Gaza- noch der Iran-Krieg. Eine Zwischenbilanz sei versucht. Eine tektonische Veränderung, könnte eigentlich von jedermann erkannt werden, benannt wird sie jedoch des antizionistischen und anti-amerikanischen Welt- und Zeitgeistes wegen selten.

Immer mehr arabisch-sunnitische Staaten arbeiten inzwischen mit Israel zusammen

Immer mehr arabisch-sunnitische Staaten arbeiten inzwischen mit Israel zusammen: Nicht nur Ägypten und Jordanien, die 1979 beziehungsweise 1994 mit Israel Frieden fixierten, sondern auch die arabischen Staaten des 2020 geschlossenen Abraham-Abkommens (Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, VAE und Marokko; im Sudan herrscht Bürgerkrieg) arbeiten ganz offen mit Israel zusammen. Ebenso, ohne formalisierte Beziehungen, Saudi-Arabien und Syrien sowie unsichtbar, doch faktisch, Kuwait und Oman. Das islamische Somaliland erkennt außer Israel kein Staat an, aber gerade diese neue Beziehung neutralisiert bezüglich der Einfahrt ins Rote Meer das strategische Gewicht der mit dem Iran verbundenen jemenitischen Huthi.

Keiner der arabischen Staaten ließ Israels Bomber auf dem Weg in und vom Iran abschießen.

Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu wissen, dass zwischen Israel und dem Iran einige arabische Staaten liegen. Keiner ließ Israels Bomber auf dem Weg in und vom Iran abschießen. Aber Saudi-Arabien, die VAE und Jordanien schossen auf Israel gerichtete iranische Raketen ab.
Als Hamas-Sieg wird die Tatsache gefeiert oder bedauert, dass diese Terrororganisation »durchhält« und sich nicht entwaffnen lässt. Wenn für die Hamas rund 70.000 Tote des eigenen Zivils und circa 90 Prozent der materiellen Infrastruktur sowie die seit 2005 neuerliche Besetzung von 60 Prozent des Gazastreifens durch Israel einen Sieg bedeuten, dann hat Hamas einen nahezu totalen Sieg errungen.

Ein zweiter 7. Oktober ist allein geografisch unmöglich. Das Massaker vom 7. Oktober 2023 sollte im Westjordanland einen Aufstand der Palästinenser auslösen. Die Zahl derer, die aufgrund der israelischen Gegenmaßnahmen Haus und Hof verloren, ist hoch fünfstellig. Angaben über die Zahl getöteter Palästinenser schwanken, sind jedoch deutlich vierstellig. Terror hier und dort: hier Hamas, dort extremistische jüdische Siedler.

Der Libanon führt ganz offen Friedensverhandlungen mit Israel

Verabredungsgemäß griff der verlängerte libanesische Arm Irans, die libanesisch-schiitische Hisbollah, Israel am 7. Oktober 2023 an und erneut seit März 2026. Noch ist im Südlibanon das Ausmaß der Zerstörung des Gazastreifens nicht erreicht. Die libanesische Regierung führt ganz offen Friedensverhandlungen mit Israel. Beide wollen die Hisbollah entwaffnen. Die meisten Libanesen wünschen das ebenfalls.
Mit dem Iran verbündete Milizen beschossen Israel von 2023 bis 2026 aus dem Irak ebenfalls mit Raketen.

Heute verfügt Israel über mindestens zwei Stützpunkte im Irak, und Irans irakischer Kollaborateur namens Maliki wurde nicht zum Premier seines Landes gewählt. Irans angereichertes Uranium liegt unter Trümmern. Dessen Bergung können USA und Israel verhindern. Folglich kann der Iran, in welchem Tempo auch immer, auf absehbare Zeit keine Atombombe bauen. Irans Arsenal an konventionellen ballistischen Raketen wurde verkleinert, wenngleich nicht vernichtet.

Sogar Saudi-Arabien und die VAE fliegen seit Mai Vergeltungsangriffe auf den Iran.

Die Lufthoheit über den Iran haben seit April und Oktober 2025 sowie erst recht seit dem 28. Februar die USA und Israel. Sogar Saudi-Arabien und die VAE fliegen seit Mai Vergeltungsangriffe auf den Iran. Eine Marine hat der Iran nicht mehr, wohl aber bewaffnete Schnellboote, mit denen Teheran die Ein- und Ausfahrt von Schiffen durch die Straße von Hormus auf der einen Seite kontrolliert. Auf der anderen kontrollieren die USA den Ex- und Import vom und zum Iran, dem durch die verhinderte Öl- und Gasausfuhr dringend benötigtes Geld selbst für den Kauf von Lebensmitteln oder medizinischen Gütern fehlt.

Wirtschaftsnot und Wasserkrise

Irans Wirtschaftsnot und selbstverschuldete Wasserkrise bestanden bereits vor dem 7. Oktober 2023 beziehungsweise 28. Februar 2026. Jetzt droht eine Katas­trophe. Wenn Irans Bürger weder Wasser noch Brot und Medikamente bekommen, bleibt ihnen nur die Wahl zwischen Hunger-und-Durst-Tod oder, im Falle eines Aufstands, die Ermordung durch die Mullah-Schergen.

Vor dem Krieg lieferte der Iran Russland Drohnen für den Krieg gegen die Ukraine. Jetzt braucht sie der Iran selbst – sofern er sie noch herstellen kann. Schlecht für Israel, die USA oder Europa?

China sei der Gewinner des Iran-Krieges, verkünden manche. Doch Wohl und Wehe Chinas und anderer Staaten Asiens hängen von Öl und Gas aus dem Iran ab. Der lässt Schiffe nach China passieren. Die USA können das aber mit ihrer Blockade dieses Seeweges verhindern. Fazit: Strategisch haben die USA und Israel die Oberhand.

Der Autor ist Historiker. Zuletzt erschien im Herder Verlag sein Buch »Genie und Gewissen« (2026).

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