Interview

Nuklearforscher: »Das iranische Atomprogramm neu aufzubauen, wird Jahre dauern«

Am Sonntag griffen US-Bomber drei Atomanlagen im Iran an Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Herr Steinhauser, Israel und auch US-Präsident Donald Trump behaupten, man habe mit den Luftschlägen die iranischen Atomanlagen weitgehend zerstört. Wie ist Ihre Bewertung?
Ich bin Nuklearforscher und kein Geheimdienstmann. Ich kann deswegen nur eine fundierte Vermutung abgeben, basierend auf den Satellitenbildern und Berichten, die uns zur Verfügung stehen. Wie es aussieht, wurde der unterirdischen Anlage in Fordo, die in einem Gebirge liegt, aber auch der in Natans erheblicher Schaden zugefügt. Die Einschlaglöcher dort sind sehr exakt über den vermuteten Standorten der Zentrifugen gesetzt worden. Es gibt auch keine Senkungskrater. Das lässt vermuten, dass die Bomben sehr tief eingedrungen sind.

Man darf also annehmen, dass die Zentrifugen in Fordo schwer in Mitleidenschaft gezogen worden sind ...
Sie sind zumindest beschädigt worden. Da reicht meist eine größere Erschütterung. Dass viele Zentrifugen die Sprengkraft dieser bunkerbrechenden Bomben überlebt haben, halte ich für fraglich. Aus israelischer Sicht kann man das also durchaus als Erfolg bewerten.

Nun gibt es Berichte, dass die mehr als 400 Kilo hochangereichertes Uran vor dem Angriff weggeschafft worden sein sollen.
Das überrascht mich nicht. Alles andere wäre von iranischer Seite ziemlich dilettantisch gewesen. Dieses Material ist sehr wertvoll für die Iraner. Es ist ein sehr langer, aufwändiger Prozess, so viel Uran auf 60 Prozent anzureichern. Von 60 Prozent auf 90 Prozent, also zur Waffenfähigkeit, geht das viel schneller.

Wenn die Anreicherungsfähigkeit des Iran nun zumindest vorläufig gestoppt ist, heißt das, dass das Regime keine Atombombe mehr bauen kann?
Es hat meines Wissens bislang niemand versucht, mit 60-prozentigem Uran eine Bombe zu bauen. Selbst wenn das physikalisch denkbar ist, halte ich es für nahezu ausgeschlossen. Ich denke auch nicht, dass der Iran darauf aus war, schnell auf 90 Prozent zu gehen, um eine Bombe zu bauen.

Georg Steinhauser ist Professor für Radioökologie an der TU Wien und beschäftigt sich mit nuklearer Forensik und den ökologischen Auswirkungen von Nuklearkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima.

Geht von den gut 400 Kilogramm hochangereichertem Uran eine Gefahr aus, zum Beispiel im Blick auf freigesetzte Radioaktivität?
Letzteres ganz klar nein. Uran-235 hat eine Halbwertszeit von mehr als 700 Millionen Jahren. Ein radioaktiver Stoff strahlt aber nur, wenn er zerfällt. Und wenn er so eine lange Halbwertszeit hat, zerfällt er eben sehr, sehr selten. Sonst gäbe es auf der Erde gar kein Uran. Also ist die Strahlung absolut vernachlässigbar.

Sie sehen aber durchaus andere Gefahren?
Ja. Zum einen ist eine lokale Schwermetallkontamination vorstellbar. Zum anderen könnte Uranhexafluorid austreten. Wenn dieses Gas mit Wasser reagiert, entsteht Flusssäure, und das könnte lokal sehr unangenehm sein. Aber eine radiologische Gefahr geht von diesem Material nicht aus.

Wie schnell können die Iraner die Einrichtungen, die jetzt zerstört wurden, wieder aufbauen – falls sie denn gelassen werden?
Das ist ein wichtiger Punkt, den die Geheimdienste jetzt klären müssen. Ich habe da keine Einblicke. Aber es könnte sein, dass das wirklich ein massiver Reset ist, den wieder einzuholen es Jahre brauchen wird. Auch wenn man nicht ausschließen kann, dass der Iran versuchen könnte, sich waffenfähigem Material anzunähern. Sofern in Fordo noch Zentrifugen übrig und verwendbar sind und die Anlage weiter zugänglich ist.

Welche Mengen an Uran kann der Iran derzeit noch anreichern?
Viel ist es wahrscheinlich nicht. Aber grundsätzlich hängt das von der Zahl der verfügbaren Zentrifugen ab. Eine einzelne Zentrifuge ist nur mit einer sehr geringen Stoffmenge gefüllt. Wie viel das ist, kann ich nicht genau sagen, aber wahrscheinlich nicht mehr als ein paar Gramm. Deswegen braucht man auch so viele Zentrifugen, um auf einer großen Skala etwas zu bewegen. Wir reden von Tausenden von Zentrifugen. Wenn davon jetzt nur noch fünf übrig sind, kann der Iran zwar weitermachen, aber nur mit kleinen Schritten.

Kann man nicht einfach Zentrifugen nachbauen?
Einfach geht das definitiv nicht. Das sind High-Tech-Geräte, die ein großes Knowhow erfordern. Wenn es stimmt, was ich den Medien entnommen habe, dass Zentrifugenhallen und auch Fabriken getroffen und zerstört wurden, wäre das ein kompletter Reset des Atomprogramms. Es neu aufzubauen, würde Jahre dauern.

Wie wichtig waren die israelischen Schläge gegen iranische Atomwissenschaftler? Wie schnell sind die zu ersetzen?
Das kommt darauf an. Ein Atomwaffenprogramm, das bei null startet, braucht viele brillante Köpfe. Anders geht das nicht. Im amerikanischen »Manhattan Project« in Los Alamos arbeiteten alleine 13 Nobelpreisträger, also Menschen, die entweder den Nobelpreis schon hatten oder ihn später für ihre Arbeit bekamen. Dort war eine unglaubliche Brainpower versammelt. Heute hat man natürlich mehr Wissen und auch mehr Rechen- und Simulationskapazitäten. Falls der Iran aber wirklich planen sollte, aus 60 Prozent angereichertem Uran eine Bombe zu fabrizieren, wird das ohne brillante Köpfe nicht gehen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es da tiefgreifende Vorarbeiten gegeben hat, welche irgendwo auf einer Festplatte abgespeichert wurden und nur abgerufen werden müssen.

Vorwissen aus Büchern nützt also relativ wenig?
Genau. Das alles ist ohnehin ein sehr komplexes Unterfangen, und mit 60-prozentigem Material ist es noch viel schwieriger. Wenn jetzt auch viel Brainpower abhandengekommen ist, wird das Ganze noch schwieriger. Natürlich kann man kluge Köpfe, Leute mit großem Potenzial, nachziehen. Man kann sie wieder ausbilden. Das geht binnen einiger Jahre. Aber es braucht Leute, die das richtige Bauchgefühl haben. Es braucht eine gewisse Intuition. Die hat man entweder oder man hat sie nicht. Es wird vielfach unterschätzt, dass Wissenschaft auch viel Intuition ist.

Kann man so ein Programm überhaupt im Verborgenen vorantreiben?
In einem Keller, unentdeckt von der Umgebung, lässt sich das nicht realisieren. Dafür sind die Dimensionen so eines Programms viel zu groß. Zurück zum »Manhattan Project«, weil dazu viel bekannt ist: Das lief über einen Zeitraum von fünf Jahren. Insgesamt arbeiteten dort 600.000 Leute, wenn auch nicht alle zum selben Zeitpunkt. Natürlich geht mittlerweile vieles schneller und es braucht nicht mehr ganz so viele Beteiligte, es bleibt aber riesiges Unterfangen.

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Wie sieht es mit dem finanziellen Aspekt eines Atomprogramms aus?
Das Manhattan Project verschlang knapp 1 Prozent des amerikanischen Militärbudgets für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg. Das hört sich wenig an, war aber eine gigantische Summe. Ich persönlich habe Zweifel, dass der Iran aktuell die notwendigen Ressourcen hat. Auch wenn das auf 60 Prozent angereicherte Uran schon einen gewissen Startvorteil bietet: Der Iran, der von den Sanktionen getroffen ist, steht wirtschaftlich nicht gut da und ist international isoliert. Dass sich das Regime jetzt einfach den nächsten Berg für seine Zentrifugen-Halle sucht, kann ich mir nicht vorstellen. Auch, wenn es im Iran an der Willenskraft nicht mangelt.

Die Islamische Republik hat angekündigt, ihre Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) einzustellen. Wie bewerten Sie deren Rolle in Sachen Iran?
Die IAEO versucht natürlich ihr Bestes, einen diplomatischen Weg zu beschreiten. Aber sie ist Gefangene ihrer verschiedenen Stakeholder und bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Entsprechend behäbig wirkt das oft. Aber auf technischer Seite hat die IAEO sehr gute Arbeit gemacht. Sie hat sich die Situation im Iran genau angesehen, mit iranischen Gegenübern gesprochen und zu ihnen vernünftige Beziehungen unterhalten. Möglicherweise hätte man trotzdem früher klare Worte finden können. Der Iran-Deal von US-Präsident Obama hat ja eine Zeit lang Ruhe an dieser Front gebracht. Und die Hoffnung war immer, dass man zu so einem Deal zurückkommt.

Ist nicht schon lange klar, dass der Iran Atomwaffen anstrebt? Seine Anreicherungsaktivitäten gehen ja weit über die 4 Prozent hinaus, die für die friedliche Nutzung der Kernenergie notwendig sind.
Ich denke, es ist noch nicht ausgemacht, wo die Reise hingeht. Der Iran hat ja bislang nicht auf 90 Prozent angereichert, er hätte das längst tun können. Die Iraner haben bewusst bei 60 Prozent wieder aufgehört. Sicher war dieser Schritt ein Druckmittel am Pokertisch der Diplomatie. So verstehe ich das zumindest. Man signalisiert: »Wir könnten damit aufhören, aber nur, wenn ihr die Sanktionen lockert«. Und eine Organisation wie die IAEO muss auf Diplomatie setzen, muss weitermachen bis zum Schluss. Wenn ich Ernest Hemingway zitieren darf, der gesagt hat: »Die Welt ist so schön und wert, dass man um sie kämpft.«

Mit dem österreichischen Nuklearexperten sprach Michael Thaidigsmann.

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