Stuttgart

Holocaust-Überlebende kritisiert ARD-Spitze

Foto: IMAGO/onemorepicture

Die Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees, Eva Umlauf, hat scharfe Kritik an der ARD-Programmdirektorin Christine Strobl geübt. Anlass ist der geplante späte Sendeplatz für den Film »Führer und Verführer« von Regisseur Joachim Lang. Nach Angaben der »Stuttgarter Zeitung« bezeichnete Umlauf den Umgang mit dem Film als »Skandal und Schande« und warf der ARD vor, eine zentrale Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Propaganda in die Nacht zu verdrängen.

Der vom SWR mitfinanzierte Film, eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation, soll nach derzeitiger Planung am Sonntag, 25. Januar, erst um 23.35 Uhr ausgestrahlt werden – wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Kritiker sehen darin ein fatales Signal.

Umlauf erklärte dem Bericht zufolge, der Film zeige »auf eindringlichste Weise« die Mechanismen von Propaganda »gestern und heute« und sei für die Gegenwart »unverzichtbar«, da die Demokratie erneut unter Druck stehe. Ein international erfolgreicher Film dürfe im Ursprungsland nicht »in der Nacht versteckt« werden.

Bereits seit Monaten protestieren Historiker gegen den späten Sendeplatz. Der Stanford-Historiker Thomas Weber sprach von einer »Ohrfeige für die Holocaust-Überlebenden« und warnte vor erheblichem Reputationsschaden für die ARD. Auch international könne der Imageschaden wachsen, sollte eine so prominente Überlebende wie Umlauf öffentlich und scharf Stellung beziehen.

ARD bleibt beim Sendeplatz

Wie die »Stuttgarter Zeitung« weiter berichtet, plant die ARD trotz des zunehmenden Drucks keine Vorverlegung des Films in die Primetime. Allerdings reagierte Programmdirektorin Strobl auf die Kritik mit einer kurzfristigen Programmänderung: Am 27. Januar soll um 20.15 Uhr ein bisher nicht geplantes »ARD Extra« ausgestrahlt werden. Darin geht es um die aktuelle Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland, um Antisemitismus, Angst und mögliche Auswanderungsgedanken. Interviewgast ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Lesen Sie auch

Strobl wies den Vorwurf zurück, die ARD nehme die Gefahr des Antisemitismus nicht ernst. Es sei wichtig, »zwei Dinge zu trennen«: »Das eine ist die Platzierung eines bereits veröffentlichten historischen Kinofilms, an dem die Macher sehr hängen, und das andere ist der Umgang mit dem Antisemitismus bei uns im Programm.«

Zusätzlich will die ARD am 28. Januar die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus aus dem Bundestag live übertragen. Rund um den Gedenktag sollen zudem Dokumentationen und auch der Film »Führer und Verführer« in der Mediathek prominent platziert werden. Strobl sprach von einem »vielfältigen Gesamtangebot«, um das Publikum »eindringlich auf die Gefahren des wachsenden Antisemitismus aufmerksam zu machen«.

Kritik reißt nicht ab

Für Eva Umlauf und Thomas Weber bleibt der zentrale Vorwurf jedoch bestehen: Ein Film, der sich explizit mit den Verführungsmechanismen des Nationalsozialismus auseinandersetzt, werde ausgerechnet zu einem symbolisch hoch aufgeladenen Zeitpunkt einem breiten Fernsehpublikum entzogen. Weber begrüßte zwar die geplante Sondersendung, betonte jedoch, ein kurzes Zusatzformat könne keine öffentliche Debatte über Demagogie und Desinformation ersetzen.

Unabhängig davon wird auch über persönliche Hintergründe spekuliert: Regisseur Joachim Lang ist seit Beginn des Jahres nicht mehr beim SWR beschäftigt und arbeitet künftig als freier Autor. Ob dies Einfluss auf die Programmentscheidung hatte, ist offen. im

Dokumentation

»Seit zweieinhalb Jahren bebt die Erde«

In Erfurt sprach der Zentralratspräsident über den Status quo Jüdischen Lebens in der Bundesrepublik. Dabei ging Schuster auch auf das Programm »Demokratie leben« und die Kritik an Familienministerin Karin Prien ein

 25.03.2026

Krieg

Iran lässt wenige Schiffe durch Straße von Hormus

Die iranischen Behörden lassen nur wenige Schiffe durch die für den Energiehandel wichtige Wasserstraße. Viele Reedereien meiden die Route angesichts von Angriffen und fehlender Versicherungen

 25.03.2026

London

»Ihm gefiel die Angst«: Frauen berichten von Epstein-Skandal

Über Jahre betrieb Jeffrey Epstein einen Missbrauchsring mit einer hohen Zahl an Opfern. In einem Fernsehinterview berichten fünf Frauen von ihren schlimmen Erfahrungen

 25.03.2026

Meinung

EU-Parlament: Fällt die Brandmauer?

Nach einem Medienbericht haben sich Vertreter der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament mit rechtsextremen Kräften zur Migrationspolitik abgestimmt. Diese Enthüllung wirft viele Fragen auf

von Michael Thaidigsmann  25.03.2026

Krieg gegen Iran

Hoffnung auf Verhandlungen

Raketenalarm in Tel Aviv, Angriffe auf Teheran: Trotz neuer Vermittlungsversuche und Forderungen an den Iran bleibt eine schnelle Waffenruhe wohl unwahrscheinlich

 25.03.2026

Berlin

»Ich bin für dich Ron!«

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinden Deutschlands, ehrte Israels Botschafter Ron Prosor für dessen Engagement für die kurdischen Gemeinden. Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut

von Ali Ertan Toprak  25.03.2026

Berlin

Kurdische Gemeinde zeichnet Ron Prosor aus

Der israelische Botschafter wurde beim Neujahrsfest für sein Engagement für die kurdische Gemeinschaft ausgezeichnet

 25.03.2026

Kassel

Schmerzensgeld-Klage nach Antisemitismus auf documenta

Vor Gericht kam es zu keiner Einigung – wie geht es nun weiter?

 25.03.2026

Dokumentation

»Dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig«

Bundespräsident Steinmeier verurteilte im Auswärtigen Amt den Krieg Israels und der USA. Wir dokumentieren seine Rede

von Frank-Walter Steinmeier  25.03.2026