Antisemitismus

»Erhöhtes Risiko«

Sie wurden bespuckt und beschimpft: Aktuell sorgen zwei Übergriffe auf Rabbiner und Mitglieder ihrer Familien in München und Berlin für Schlagzeilen. Es sind die Städte mit den beiden größten Gemeinden bundesweit: Nach Angaben der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) waren es im vergangenen Jahr 9316 Mitglieder in München/Oberbayern und 9255 in Berlin.

Bereits im Juni waren der Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky und das Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde, Eliezer Noe, bespuckt und beleidigt worden. Zuvor waren Anfeindungen gegen den Kölner Rabbiner Yechiel Brukner in öffentlichen Verkehrsmitteln bekannt geworden.

risiko »Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass Personen, die öffentlich als Juden wahrnehmbar sind, einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, angefeindet zu werden«, sagt Alexander Rasumny, Projektmitarbeiter des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). Dort können Betroffene und Zeugen antisemitisch motivierte Übergriffe melden – auch unterhalb der Schwelle von Straftaten. Die jüngste Reihe mit Vorfällen gegen die Rabbiner bestätige die genannte Entwicklung, betont Rasumny.

Es seien immer wieder »Dynamiken« zu beobachten: So sei es nach der Gürtel-Attacke auf einen Kippa tragenden Mann in Berlin zu einer »kleineren Welle« von weiteren antisemitischen Vorfällen gekommen.

Es seien immer wieder »Dynamiken« zu beobachten: So sei es etwa nach der Gürtel-Attacke auf einen Kippa tragenden Mann in Berlin im vergangenen Jahr zu einer »kleineren Welle« von weiteren antisemitischen Vorfällen in Berlin gekommen. Rasumny spricht von »Trittbrettfahrern«.

Allein in der Bundeshauptstadt seien bei RIAS-Berlin in diesem Jahr bisher mehr als 300 antisemitische Vorfälle gemeldet worden, davon über zehn Angriffe. Dazu gehöre auch der Vorfall mit Rabbiner Yehuda Teichtal, der Ende Juli bei einer Berliner Synagoge in Begleitung eines seiner Kinder von zwei Männern auf Arabisch beschimpft und zudem bespuckt wurde. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr wurden RIAS für Berlin 46 Angriffe und 1083 antisemitische Vorfälle gemeldet, wie Rasumny erläutert. Bundesweite Zahlen lägen bislang nicht vor.

toleranz »Es gibt seit Jahren eine hohe Bereitschaft zu antisemitischen Äußerungen«, sagt Rasumny. Möglicherweise ziehe dies auch Angriffe nach sich. Anders als die Rabbiner erreichen viele Betroffene nicht die gleiche Aufmerksamkeit der Medienöffentlichkeit, gibt er zu bedenken. Ob sich nun aber Menschen ermutigt fühlten, weniger Toleranz zu zeigen, wenn sie Zeugen von antisemitischen Vorfällen würden, bleibe abzuwarten, so der Experte.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, wünscht sich jedenfalls mehr Zivilcourage: »Wegschauen ist gefährlich!« So werde das Feld »Hetzern und Spaltern« überlassen. Daher brauche es neben politischen Maßnahmen zum Schutz von Minderheiten auch mutiges Einschreiten. Bisher machten Juden jedoch immer wieder die Erfahrung, dass niemand bei antisemitischen Beleidigungen eingreife. »Mehr mutiges Einschreiten für die Werte des Grundgesetzes sollte in unserer Gesellschaft Konsens sein.«

Mehr mutiges Einschreiten für die Werte des Grundgesetzes sollte in unserer Gesellschaft Konsens sein, meint Zentralratspräsident Josef Schuster.

Schuster betont: »In der jüdischen Gemeinschaft werden diese Vorfälle mit großer Beunruhigung wahrgenommen. Meine Warnung, dass Juden sich nicht überall erkennbar als Jude frei bewegen können, wird damit leider bestätigt.«

zivilcourage Neben aller Beunruhigung kam es im Kölner Fall aber auch zum Handeln. So berichtete Rabbiner Brukner von einem geplanten gemeinsamen Projekt von Juden und Katholiken zur Stärkung von Zivilcourage. »Wir wollen die Gesellschaft sensibilisieren, immunisieren und trainieren«, hatte er im Mai angekündigt. Bis dato seien Vertreter von Judentum und Christentum aus dem Raum Köln beteiligt.

In Berlin ist für diesen Freitag ein Solidaritätsgebet geplant, an dem sich Außenminister Heiko Maas (SPD) mit einem Grußwort beteiligen will. Zudem sind Gebete für Frieden und Toleranz für alle Menschen auf Hebräisch und Deutsch vorgesehen. Vorgestellt werden soll auch eine Initiative zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Das Opfer des Berliner Übergriffs, Rabbiner Teichtal, gibt sich jedenfalls kämpferisch: »Wir werden uns nicht verstecken oder unsere Identität auf irgendeine Weise verbergen.«

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Protest

Zehntausende Gegner des AfD-Bundesparteitags in Erfurt erwartet

Erfurt hofft auf ein gewaltfreies Wochenende: Zum AfD-Bundesparteitag in der Stadt werden zehntausende Demonstranten erwartet. Kirchen, Parteien und Bündnisse rufen zu friedlichem Protest auf. Die Polizei bereitet sich auf mögliche Störungen vor

von Matthias Thüsing  02.07.2026

Nahost

Iran besteht auf militärische Kontrolle der Straße von Hormus

Die iranische Armee verlangt, dass Schiffe nur die vom Iran festgelegte Route durch die Meerenge nutzt

 02.07.2026

Diplomatie

USA und Iran sollen Fortschritte bei indirekten Gesprächen gemacht haben

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran erschweren eine Lösung der komplexen Konfliktlage im Nahen Osten. Nach indirekt geführten Gesprächen in Doha melden die Vermittler Fortschritte

 02.07.2026

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Analyse

Vorteil Putin?

Früh hieß es, Russland sei einer der Profiteure des Iran-Kriegs und die Ukraine ein Verlierer. Doch das greift zu kurz

von Alexander Friedman  02.07.2026

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Extremismus-Bericht

Auschwitz Komitee macht AfD für gestiegenen Rechtsextremismus verantwortlich

Die Zahl der Extremisten in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiter gestiegen. Dafür macht das Komitee vor allem die AfD verantwortlich

 01.07.2026