New York

Drahtzieher gefasst?

Ein Foto zeigt den inhaftierten al-Saadi (r.) mit dem mittlerweile getöteten iranischen Kommandeur Soleimani. Foto: picture alliance / Southern District of New York via AP

»Tötet jeden, der Amerika und Israel unterstützt. Lasst keinen von ihnen übrig. Zivile und militärische Ziele sowie Stimmen der Zwietracht – tötet sie überall.« Diese Botschaft richtete Mohammad Baker Saad Dawood al-Saadi Ende Februar auf dem Netzwerk Telegram an die Schiiten im Irak.

Und der Iraker beließ es nicht bei Worten. Al-Saadi schritt selbst zur Tat – zumindest, wenn die Einschätzung der amerikanischen Bundespolizei FBI zutrifft. Demnach war der 32-Jährige ein hochrangiges Mitglied der pro-iranischen Terrormiliz Kataib Hisbollah und einer der Drahtzieher der mindestens 18 Anschläge, die zuletzt Europa erschütterten, darunter auch der Messerangriff auf zwei Juden im Londoner Stadtteil Golders Green Ende April. Vergangene Woche wurde al-Saadi in der Türkei festgenommen. Jetzt wurde bekannt: Er war wohl dabei, auch Anschläge auf jüdische Ziele in den USA zu planen.

Im März hatte sich eine zuvor unbekannte Gruppe namens Harakat Aschab al-Yamin al-Islamiya (HAYI) auf Telegram und Snapchat zu Anschlägen in Europa bekannt und in einigen Fällen auch zeitnah Videos davon veröffentlicht. Auch der Brandanschlag auf das israelische Grillrestaurant »Eclipse« in München im April ging demnach auf das Konto von HAYI.

Terrorismusexperten gelangten schnell zu der Vermutung, dass es sich bei der Gruppe um eine Frontorganisation der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) handeln dürfte und nicht um eine eigenständige Miliz im Irak. Das Vorgehen sollte dazu dienen, die Revolutionsgarden, die Teil des Staatsapparates der Islamischen Republik sind, nicht offiziell in Terrorakte zu implizieren, gleichzeitig aber der westlichen Welt deutlich zu machen, zu was das Mullah-Regime bereit ist.

Verbindungen zur Iranischen Revolutionsgarde

Wenig überraschend waren denn auch die Berichte, dass Mohammad al-Saadi in engem Kontakt mit Qasem Soleimani gestanden haben soll. Soleimani war einst Kommandeur der für Auslandseinsätze zuständigen Eliteeinheit der IRGC. Im Januar 2020 wurden er und auch der Gründer und Chef der Schiitenmiliz Kataib Hisbollah, Abu Mahdi al-Muhandis, von den USA bei einem Drohnenangriff am Flughafen Bagdad getötet.

Erkenntnissen der Ermittler zufolge waren Soleimani und al-Muhandis für Mohammad al-Saadi leuchtende Vorbilder, deren Tod er rächen wollte. So feierte er später in den sozialen Medien Anschläge auf israelische, amerikanische und jüdische Ziele als »anhaltende« Vergeltungsmaßnahmen für die Tötung Soleimanis. Und tat dies sogar unter seinem eigenen Namen. Entifadh Qanbar, ehemaliger amerikanischer Militärattaché im Irak, sagte dem israelischen Nachrichtensender »i24 News«, al-Saadi habe zudem vorgehabt, die Präsidententochter Ivanka Trump zu töten.

Al-Saadi wollte für Anschläge in den USA mögliche Attentäter im kriminellen Milieu rekrutieren.

Das dürfte ihm so schnell nicht mehr gelingen. Denn der mutmaßliche Terrorist befindet sich nicht mehr im Irak, sondern bereits in einer Gefängniszelle in New York. Ende vergangener Woche wurde der Iraker in die USA ausgeflogen und in Manhattan einer Bundesrichterin vorgeführt. Auf die verschiedenen Anklagepunkte stehen jeweils langjährige Haftstrafen, in einem Punkt sogar lebenslänglich. Laut Anklageschrift soll al-Saadi nicht nur Ivanka Trump, sondern auch anderen Amerikanern nach dem Leben getrachtet haben. Offenbar hatte er gleich drei Anschläge auf jüdische Einrichtungen in den USA geplant: eine Synagoge in New York sowie jüdische Einrichtungen in Los Angeles und Scottsdale im Bundesstaat Arizona.

Al-Saadi wollte die möglichen Attentäter im kriminellen Milieu rekrutieren. Doch als er einem Gesprächspartner eine Anzahlung von 3000 Dollar für die Durchführung des Anschlags in New York machte, ging Mohammad al-Saadi dem FBI in die Falle. Denn die amerikanische Bundespolizei hatte nicht nur einen Informanten. Der mögliche »Partner in Crime« des Irakers entpuppte sich als verdeckter Ermittler der Bundespolizei. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung soll sich al-Saadi in der Türkei aufgehalten haben, auch wenn sich die USA zu den Einzelheiten der ungewöhnlich raschen Überstellung des mutmaßlichen Terroristen bedeckt gehalten haben.

AL-Saadi bezeichnet sich als »Kriegsgefangenen«

Redseliger gaben sich die Ermittler hingegen, was die mutmaßliche Vorgehensweise von al-Saadi und seine Rekrutierungspraktiken angeht. So habe der Iraker mit einem Mann Kontakt aufgenommen, der sich als hochrangiger Vertreter eines mexikanischen Kartells ausgab, jedoch in Wahrheit für das FBI arbeitete. Dieser Person bot al-Saadi 10.000 Dollar an, um Anschläge auf eine Synagoge und jüdische Gemeindezentren auszuführen, und bat sie, diese auf Video aufzuzeichnen.

Lesen Sie auch

Vor Gericht wollte sich der Iraker zunächst nicht äußern. Über seinen Anwalt sagte er lediglich, er sei ein »Kriegsgefangener« der USA. Bis Prozessbeginn muss al-Saadi nun in Untersuchungshaft bleiben. Das FBI und sein Direktor Kash Patel, der persönlich wegen des Vorwurfs angeblicher Eskapaden und exzessiven Alkoholkonsums zuletzt schwer unter Druck stand, freute sich über die Festnahme. Das sei nur »der jüngste Erfolg in der historischen Arbeit dieser Regierung«, erklärte Patel. Und es sei eine »gerechte Mission«, die von amerikanischen Agenten, Ermittlern und einer Spezialeinheit des FBI ausgeführt worden sei.

Berlin

Zentralratspräsident Schuster kritisiert Antisemitismus-Papier von Linken, Grünen und SPD

Die mutmaßliche neue Regierung will mit Gremien gegen antisemitische Ausfälle von Abgeordneten der Koalition vorgehen. Den Zentralrat der Juden, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die WerteInitiative überzeugt das nicht

 08.10.2026

Nahost

Huthis greifen Flughafen in Riad an

Die Huthi und die von Saudi-Arabien unterstützte Regierung bekämpfen sich im Jemen weiter. Auch Saudi-Arabien gerät immer wieder selbst in die Schusslinie. Droht eine weitere Eskalation am Golf?

 08.10.2026

Clan-Kontakte

Berliner SPD-Chef fordert Ausschluss von Ferat Koçak

Auch die Linken-Landesvorsitzende betonte, die Aufklärung sei noch nicht abgeschlossen

 08.10.2026

Kommentar

Allein mir fehlt der Glaube

Die Spitzen von Linken, Grünen und SPD in Berlin haben bei ihren Sondierungen in Berlin ein dreiseitiges Papier zur Bekämpfung von Antisemitismus vereinbart. Eine Einordung

von Michael Thaidigsmann  08.10.2026

Washington D.C.

Medien: US-Regierung erwägt neue Angriffe auf den Iran

Seit Wochen gibt es im Krieg der USA gegen den Iran keine sichtbaren Fortschritte. Kurz vor den wichtigen Zwischenwahlen könnte US-Präsident Trump die Situation noch einmal eskalieren lassen

 08.10.2026

Gedenken

Litfaßsäulen in Berlin sollen an NS-Deportationen erinnern

Mehr 1000 jüdische Berlinerinnen und Berliner Juden wurden mit dem ersten sogenannten »Osttransport« aus der Hauptstadt deportiert. Eine neues Projekt soll an die Opfer des nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs erinnern

 08.10.2026

7. Oktober

»Wir erinnern nicht schweigend«

Melody Sucharewitz über ihren Kampf gegen das Vergessen des 7. Oktober bei der Gedenkveranstaltung auf dem Bebelplatz in Berlin. Ihre Rede im Wortlaut

von Melody Sucharewicz  08.10.2026

9. Oktober 2019

Gedenken zum Jahrestag des Anschlags von Halle

Der antisemitische Anschlag von Halle jährt sich am Freitag zum siebenten Mal. Die jüdische Gemeinde, Kirchen, Stadt und zivilgesellschaftliche Gruppen planen Gedenkveranstaltungen auch an den Anschlagsorten

 08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026