Jom Haschoa

»Die Bedrohung ist nicht mehr abstrakt«

Israels Botschafter Ron Prosor bei der Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ Sachsenhausen Foto: picture alliance/dpa

Am Dienstagvormittag stand Israel still. Am Jom Haschoa, dem nationalen Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust, heulten um 10 Uhr landesweit die Sirenen für zwei Minuten. Das öffentliche Leben kam zum Erliegen. Parallel dazu gedachte die Israelische Botschaft in Deutschland im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin der sechs Millionen jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.

Dabei warnte Israels Botschafter Ron Prosor vor zunehmendem Antisemitismus, einer Relativierung des Holocaust sowie der Dämonisierung Israels und des jüdischen Volkes. Er kritisierte, dass die Erinnerung an die Schoa oft folgenlos bleibt, und machte deutlich, dass es keine weiteren Worte über die Vergangenheit oder weitere symbolische Gesten brauche. »Wir brauchen Schutz für das jüdische Leben, Konsequenzen für Antisemitismus, Klarheit statt Zweideutigkeit. Wir brauchen keine Sonntagsreden über tote Juden.« Er sprach von Sachsenhausen als einem Ort der Erinnerung, der Verantwortung und der Mahnung.

Prosor betonte, dass der 7. Oktober 2023 eine Zäsur darstelle: Er habe die Illusion zerstört, dass Hass durch Dialog allein überwunden werden könne, und gezeigt, dass es Akteure gibt, die Israels Existenz aktiv vernichten wollen. Die Illusion sei verschwunden, »weil die Bedrohung nicht mehr abstrakt ist, weil der Hass nicht mehr verborgen ist«.

Licht der Erinnerung

Und es sei klar, dass der Iran es mit seiner »Endlösung der Judenfrage« ernst meine. Doch könne es nicht allein die Verantwortung des jüdischen Staates sein, den Iran daran zu hindern, eine Atomwaffe zu erwerben, die Israel vernichten könnte. »Wieder einmal steht Israel an vorderster Front. Aber die freie Welt, insbesondere Deutschland und Europa, hat nicht nur die Verantwortung, sondern die Pflicht, der tödlichen Ideologie entgegenzutreten, die Europa von innen bedroht«, sagte Prosor.

Lesen Sie auch

An der Zeremonie am Gedenkort der »Station Z« des ehemaligen Konzentrationslagers nahm die Zeitzeugin Ingeburg Geißler teil. Sie wurde 1932 in Erfurt geboren und als Zwölfjährige ins KZ Theresienstadt deportiert. Gemeinsam mit IDF-Oberst Aviran Lerner entzündete sie ein Licht der Erinnerung.

Auch Andreas Büttner, Beauftragter für die Bekämpfung des Antisemitismus im Land Brandenburg, war Gast der Gedenkfeier. Prosor nannte ihn »ein leuchtendes Beispiel dafür, wie konsequentes Handeln gegen Antisemitismus aussieht«. Büttner ist im März aus der Partei »Die Linke« ausgetreten, nachdem deren niedersächsischer Landesverband beschlossen hatte, den »heute real existierenden Zionismus« abzulehnen. Zuvor hatte es Morddrohungen gegen ihn gegeben, Unbekannte verübten einen Brandanschlag auf sein Wohnhaus.

Sechs Kerzen

In seiner Rede betonte Büttner, Antisemitismus sei kein Schatten der Vergangenheit. Der zunehmende Judenhass sei vielmehr ein Problem im Zentrum der Gesellschaft. »Es ist ein Versagen an Mut, an Klarheit, an moralischer Verantwortung.« Nach der Schoa dürfe es nie wieder einen Moment geben, in dem sich Juden angesichts des Hasses allein fühlen, so Büttner. Das »Nie wieder« sei kein Satz für Gedenkfeiern, es sei eine Verpflichtung, die nur durch Handeln Wirklichkeit werde. Es bedeute, die Stimme zu erheben, wenn es unbequem ist. Und es bedeute, »zu Israel zu stehen, nicht nur, wenn es leicht ist, sondern gerade dann, wenn es schwer ist«.

Lesen Sie auch

Beim Gedenken an der »Station Z«, wo sich die frühere Vernichtungsstätte im KZ Sachsenhausen befand, wurden als Symbol für die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust sechs Kerzen entzündet. Rabbiner Yehuda Teichtal von der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin sprach das Kaddisch.

In Sachsenhausen waren von 1936 bis 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, viele wurden dort systematisch ermordet. Als »Station Z« war der Bereich innerhalb des Konzentrationslagers bezeichnet worden, in dem sich Krematorium, Genickschussanlage und Gaskammer befanden. Über den Fundamenten wurde ein Gedenkort eingerichtet. Am Dienstag erklang an dieser Stelle zum Ende der einstündigen Zeremonie die Hatikwa, die israelische Nationalhymne. ddk

Tel Aviv

Omer Shem Tov: 505 Tage Gefangenschaft, Hunger und Einsamkeit

»Wegen der Angst konnte ich nicht atmen«, sagt die frühere Geisel über die 50 Tage, in denen er in völliger Dunkelheit leben musste

 14.09.2026

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026

Interview

»Unsere Brandmauer zu allen Antisemiten steht«

Steffen Krach, Berliner Spitzenkandidat der SPD, spricht über Israel-Hass bei der Linken, die »Fördergeldaffäre« der CDU und Vorwürfe, die SPD sei in Teilen von Islamisten unterwandert

von Detlef David Kauschke  14.09.2026

Künstliche Intelligenz

Dario Amodei: »Es gibt echte Gefahren«

»Ich glaube, die Branche hat die Menschen zu lange darüber belogen, dass diese Technologie Risiken birgt«, sagt der jüdische Anthropic-Chef

 14.09.2026

New York

Israel erwartet heftige Proteste bei Netanjahus UN-Besuch

Israels UNO-Botschafter Danny Danon kritisiert Bürgermeister Zohran Mamdani scharf: Statt für einen geordneten Ablauf in der Stadt zu sorgen, trage er zur Eskalation bei

 14.09.2026

Gaza/Jerusalem

IDF übt scharfe Kritik an »Naza« und weist Vorwurf zum angeblich genehmigtem Angriff auf 500 Zivilisten zurück

»Die IDF haben niemals einen Angriff geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem erwartet wurde, dass 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele getötet werden«, heißt es von der Armee

 14.09.2026

Berlin

Antisemitischer Angriff auf 43-jährige Frau

Einer der Täter verletzte die Frau, die einen Davidstern trug, mit einer zerbrochenen Glasflasche

 14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  13.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder – und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Meinung

Wie London die Verweigerungshaltung der Palästinenser belohnt

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  13.09.2026 Aktualisiert