Essay

Schoa-Erinnerung ohne Juden

Gunda Trepp war bis zu seinem Tod mit dem Rabbiner Leo Trepp verheiratet. 2018 veröffentlichte sie eine Biographie ihres Mannes Foto: Marina Maisel

Mein verstorbener Mann liebte den Rhein. Wenn er in seiner Geburtsstadt Mainz lehrte, saßen wir an lauen Sommerabenden manchmal am Ufer und schauten aufs Wasser, beobachteten die Menschen, die auf den Passagierschiffen zu sehen waren, und wunderten uns über die schweren Frachtschiffe, die sich beharrlich wie Flusspferde durchs Wasser schoben. »Während der Kreuzzüge war der Rhein rot mit dem Blut der Juden«, sagte er einmal in die Stille hinein.

In den darauffolgenden Jahrhunderten starben Juden in Pogromen in England, Frankreich, Russland, und wo immer die Mehrheitsgesellschaft einen Grund herbeiphantasierte, eine winzige Minderheit auszubeuten, zu berauben und zu töten. Und dann kam die Schoa. Neben ihm überlebten sein Bruder und ein Cousin.

Für Leo Trepp war der industrialisierte Massenmord die Kulmination eines Judenhasses, dem die Juden allein nicht in der Lage waren, etwas entgegenzusetzen. Öffentlich sprach er über seine Erlebnisse auf beinahe analytische Weise. Seine Gefühle – der Schmerz und die Trauer – fanden erst in seinen letzten Wochen einen Weg. Wenn er aus Alpträumen erwachte und erzählte.

Rabbiner Leo Trepp (1913-2010) überlebte das KZ Sachsenhausen und emigrierte 1938 nach England. Später lebte er in den USAFoto: Mike Minehan
Was soll die Lehre aus der Schoa sein?

Wie kann man so etwas als Gesellschaft erinnern? Den Verlust einer Familie? Einer Kultur? Einer Welt? Der Holocaust gehöre zu den Erfahrungen, die einen zum Schweigen verdammten, sagte der israelische Autor Aharon Appelfeld einmal in einem Gespräch mit Philip Roth. »Jede Aussage, jede Feststellung, jede ‚Antwort‘ ist klein, ohne Bedeutung und manchmal lächerlich. Und selbst die beste Antwort scheint belanglos.« Vielleicht sollten wir heute fragen, worauf wir überhaupt eine Antwort wollen. Was sollen die Erfahrungen der Überlebenden uns lehren? Oder die Holocaustmuseen und zahlreiche andere Institutionen, die diese Erfahrungen vermitteln, indem sie an den Völkermord erinnern, und auf die wir uns, wenn auch die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden, ausschließlich verlassen müssen?

Was also soll die Lehre aus der Schoa sein? Für den amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance ist sie beispielsweise das Versprechen, »nie wieder den dunkelsten Weg« zu gehen. Was das bedeutet, konnte man in seinem Tweet am diesjährigen Internationalen Holocaust-Erinnerungstag nicht erkennen. Die Juden kamen zumindest nicht vor. So ließ sich aus seinem »Nie wieder« alles machen. Oder eben nichts. Zumindest nichts Konkretes, das die Antisemiten in den Reihen seiner eigenen Republikaner verstören könnte. In der Blase des universellen Nichtsagens fühlen sich Redner, Dozenten, Lehrer und Publikationen zunehmend sicher, wenn sie über die Schoa sprechen. Anfang Januar strahlte die britische BBC einen Beitrag über die Kindertransporte aus. Die überwältigende Mehrheit der rund zehntausend Jungen und Mädchen, die so 1938 und 1939 vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht wurden, war jüdisch. Die Redakteure erwähnten sie mit keiner Silbe.

Die Vereinnahmung der Opfer ist nicht neu

In zahlreichen Holocaustmuseen in den Vereinigten Staaten enden Ausstellungen und Erzählungen nicht mehr mit Juden oder jüdischem Leben nach der Schoa, sondern mit anderen Genoziden. Nun kann niemand etwas dagegen haben, Menschen über die Massenverbrechen an den Tutsi in Ruanda oder über andere Völkermorde aufzuklären. Irritierend daran ist, dass man sich umso intensiver auf die Holocaust-Erziehung konzentriert, je mehr antisemitische Anschläge es gibt, mit der Aufklärung offensichtlich also auch den Antisemitismus bekämpfen will. Wie das gelingen soll, wenn nicht der jahrtausendealte Judenhass mit seinen irrationalen, hasserfüllten Stereotypen als einer der maßgebenden Gründe für die Schoa erklärt wird, bleibt ein Rätsel. Stattdessen wird der Massenmord zu einer Art Moralmetapher dafür, was passieren kann, wenn Menschen sich nicht tolerieren, Vorurteile haben und sich nicht achten. Kurz – wenn es an Liebe fehlt. Das ist alles nett, hat aber mit dem Mord an den Juden und der Erinnerung an sie wenig zu tun.

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Auf der anderen Seite ist die Vereinnahmung der Opfer nicht neu. Als Elie Wiesels Erzählung Die Nacht 1958 auf Französisch veröffentlicht wurde, hatte er seine Erinnerungen bereits aufgeschrieben. 1954, auf Jiddisch, unter dem Titel Un die velt hot geshvign. An vielen Stellen wortgleich, und doch mit einem anderen Tenor. Wütend und enttäuscht und mit dem Gedanken an Rache. Als ihn der Schriftsteller und Nobelpreisträger François Mauriac zum Schreiben der französischen Fassung motiviert, ändert sich der Ton. In seinem Vorwort gibt Mauriac der Geschichte eine beinahe christliche Wendung, wie die Literaturwissenschaftlerin Naomi Seidman schildert, indem er Wiesel als Lazarus beschreibt, auferstanden von den Toten, immer noch wandelnd zwischen Leichen.

Während die französische Version mit dem fassungslosen Blick in den Spiegel endet, in dem Wiesel sich nach dem Lager zum ersten Mal als abgemagertes Skelett sieht, das aus ihm geworden ist, endet die jiddische Version damit, dass er den Spiegel mit geballter Faust zerschlägt und zehn Jahre später anklagt, dass die Täter wieder ihr Leben genießen – dass die Vergangenheit ausgelöscht sei. Worüber nicht gesprochen werden kann, weder in Französisch noch in anderen Weltsprachen, ist genau die Verweigerung dieser Opferrolle und der Zorn des Überlebenden, die sich in Un die velt hot geshvign finden.

Auch Leo Trepp konnte der ihm zugedachten Opferrolle oft nicht entkommen. Doch aus seiner Sicht hatten Juden auf Dauer keinen Platz in dieser Form von Erinnerungskultur. Schon 1988 setzt er sich in dem damals populären US-Magazin Judaism mit Möglichkeiten auseinander, der Opfer der Schoa in einem jüdischen Rahmen zu gedenken. Gemeinschaften, vor allem in Israel und den USA, haben diese Suche wieder aufgenommen und entwickeln neue Formen des Erinnerns. Es kann nur besser werden.

Die Autorin lebt als Publizistin in San Francisco.

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