Frau Müller, das Pilotprojekt »ZdZ-Aktiv-Tage gegen Antisemitismus« soll Lehrer dazu befähigen, gemeinsam mit Schülern und Studenten über Antisemitismus aufzuklären. Wie kam es zu diesem Projekt?
Wir haben als »Zeugen der Zeitzeugen« vor 14 Jahren angefangen, Interviews mit Überlebenden der Schoa zu führen und dann mit ihnen gemeinsam an Schulen zu gehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Als sich nach dem 7. Oktober 2023 Lehrkräfte hilfesuchend an uns gewandt haben, haben wir uns die Frage gestellt, wie man ein Angebot schaffen kann, das für den zunehmenden Antisemitismus sensibilisiert. Das neue Projekt soll Lehrkräfte in Online-Fortbildungen zu den Themen Schoa, Antisemitismus, Israel/Nahost und Judentum aufklären. In einem zweiten Schritt gehen wir dann gemeinsam mit den Lehrkräften und jüdischen Referenten in die Schulklassen, um über diese Themen zu sprechen.
Nicht erst seit dem 7. Oktober ist der Judenhass unter Schülern und Studierenden immer wieder Thema. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?
Jüdische Schüler und Studierende sind einem unfassbaren Hass ausgesetzt. Dabei ist es immer wieder erschreckend zu sehen, wie überfordernd diese Situation für die Lehrkräfte ist. Zum Beispiel, wenn ein Opfer von Antisemitismus zum eigenen Schutz die Schule wechseln muss. In solchen Situationen ist es entscheidend, dass Antisemitismus als solcher erkannt und benannt wird. Hier kommt unser Projekt ins Spiel. Zum einen unterstützen wir auf der Bildungsebene mit Fakten und Kontextwissen. Zum anderen ist uns die Biografiearbeit wichtig. Das heißt, dass wir für Lehrer und Schüler durch die Gespräche mit Überlebenden und deren Nachkommen einen persönlichen Bezug zu diesen Themen herstellen.
Das Projekt bringt viele große Themenkomplexe zusammen. Wie kann es gelingen, diese miteinander zu verbinden?
In der Biografie vieler Jüdinnen und Juden kommen all diese Themen zusammen. Die Geschichte der Schoa lässt sich nicht erzählen, ohne auch über Israel und jüdisches Leben in der Gegenwart zu sprechen. Es geht uns darum, Aufklärungsarbeit durch Begegnungen im Hier und Jetzt zu leisten.
Sie setzen auf Gespräche mit Zeitzeugen, während es immer weniger Überlebende der Schoa gibt. Wie verändert das die Erinnerungsarbeit, und welche Rolle spielen die nachfolgenden Generationen?
Man kann den Überlebenden, die unermüdlich in Schulen sprechen und gesprochen haben, gar nicht genug für ihre Arbeit danken. Heute erzählen wir gemeinsam mit den Nachfahren die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern weiter. Das ist auch ein Gewinn für Schüler und Lehrkräfte, weil sie etwas über die Schoa erfahren und aktuelle Themen im Dialog mit Jüdinnen und Juden nachfolgender Generationen reflektieren können.
Mit der Gründerin und Projektleiterin der Bildungsinitiative »Zeugen der Zeitzeugen« sprach Leon Stork.