Daniel Mosseri

Sind wir hier noch sicher?

Vor etwa sieben Jahren bin ich aus Italien nach Deutschland gekommen. Ich zog von Rom nach Berlin, und damit gehörte ich zu den letzten Tausenden Juden, die in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland eine neue Heimat suchten und fanden.

Ich kam am Vorabend von Kippur an, und ich erinnere mich sehr gut und sehr genau an die glückliche Atmosphäre, trotz der Ernsthaftigkeit der Feiertage, die ich in der Synagoge erleben durfte. Damals, 2012, hat mich die Vielfalt des jüdischen Lebens in dieser Stadt angezogen. Jetzt aber fühle ich, dass dieses jüdische Leben bedroht ist.

SCHULEN An- und Übergriffe gegen Juden, die von Muslimen verübt werden, gibt es hier in Berlin inzwischen fast täglich. Meine Kinder, die deutsche Staatsbürger sind, gehen in einen jüdischen Kindergarten und auf eine überwiegend von christlichen Kindern besuchte Schule.

Die Frage, ob sie eine Schule in den Bezirken Schöneberg oder Kreuzberg besuchen können, muss ich leider verneinen. Warum? Weil sie ständig Gefahr laufen würden, gemobbt und antisemitisch beleidigt zu werden. Das ist traurige Realität. Und ich als Vater muss mich besorgt fragen: Haben denn nicht alle deutschen Kinder die gleichen Rechte?

Erkennen die Behörden nicht, wie sehr
sie Juden in Angst versetzen, wenn
mögliche Täter sofort freigelassen werden?

Zumindest in Worten sagt die Bundesregierung, dass der islamische Terror derzeit die größte Bedrohung für Deutschland darstellt. Aber dann versucht ein Mann – wie wir mittlerweile wissen: ein Syrer –, die vor der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin stationierte Polizei mit einem Kampfmesser anzugreifen. Er kann überwältigt und verhaftet werden, doch am nächsten Tag ist er wieder auf freiem Fuß. Ein Haftgrund liege nicht vor.

JOM KIPPUR So war es nicht verwunderlich, dass ich zwei Tage später den Anruf eines jüdischen Freundes erhielt, der normalerweise immer diese Synagoge besucht. Diesmal fragte er mich: »In welche Synagoge gehst du zu Kippur, Daniel?« Und er begründete seine Frage schnell: »Ich will meine Familie nicht mit in die Oranienburger Straße nehmen, es kommt mir nicht sicher vor.«

Ist es möglich, dass die Behörden überhaupt nicht erkennen, wie sehr sie jüdische Bürger in Angst versetzen, wenn mögliche Täter sofort freigelassen werden?

Dann heißt es plötzlich, dass das Augenmerk der Behörden eher auf die Bedrohung durch Rechtsextremisten gerichtet ist. Doch nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und der Terrorattacke in Halle muss man feststellen, dass dabei kein guter Job gemacht wird. Die Bevölkerung wird auch vor der Bedrohung von Rechts nicht ausreichend geschützt.

ISRAEL Und in Bezug auf die Außenpolitik beteuert die Regierung, dass die Verteidigung Israels zur Staatsräson gehört. Man stehe unverbrüchlich an der Seite des jüdischen Staates. Zugleich aber bemüht man sich, der beste Freund des Iran, also auch der Hisbollah, in Europa zu sein. Warum kann das Außenministerium nicht laut sagen, dass Teherans viszeraler Antizionismus eine Form des Antisemitismus ist, die den internationalen Beziehungen angepasst ist? Wie kann Deutschland den Staat der Juden verteidigen und zugleich den Staat, der jeden Tag die Zerstörung Israels verspricht, hofieren? Und fast immer ist man auch mit dabei, wenn Israel in den Gremien der UN verurteilt wird.

Der im Mai gefasste Beschluss des Bundestages, Boykottaufrufe gegen Israel zu verurteilen und der BDS-Bewegung entschlossen entgegenzutreten, war ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es war eben nur ein Schritt.

Insofern bleibe ich etwas ratlos zurück: Kann mir bitte jemand die Frage beantworten, ob Deutschland für meine Familie und für mich noch ein sicherer Ort ist?

Der Autor ist italienischer Journalist in Berlin.

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  24.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Glosse

Ein Clan-Chef als Antisemitismusbeauftragter!

Warum Issa Remmo der »Linken« offiziell Persilscheine ausstellen und Arafat Abou-Chaker neuer Polizeipräsident in Berlin werden sollte

von Ayala Goldmann  22.09.2026

Kommentar

Schwesigs Erfolg: Wie man die AfD im Zaum halten kann

Manuela Schwesig hat gezeigt, wie man dem Populismus der Rechtsextremen begegnen kann. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die SPD, sondern für alle Demokraten

von Michael Thaidigsmann  22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Essay

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026

Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Wenn Rassismus von rechts für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen?

von Nelly Eliasberg  20.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Michael Lüders, Groß-Palästina und seine Vorliebe für Wassermelonen

Wie BSW-Spitzenkandidat Michael Lüders sich als verrückter Rand einer Wahldebatte präsentierte

von André Anchuelo  19.09.2026 Aktualisiert

Kommentar

Hohe Feiertage, wichtige Wahl

Die Bürger von Mecklenburg-Vorpommern wählen am 20. September ihr Parlament. Wird der besorgniserregende Trend, der in Sachsen-Anhalt zu beobachten war, fortgesetzt und verfestigt?

von Juri Rosov  19.09.2026