Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Annabelle Ganapol-Vučelić ist Mitglied des Jüdischen Juristenverbands in Deutschland. Foto: privat

Meinung

Nein, ein Davidstern ist keine Provokation

Im Amtsgericht Flensburg wurde einer Frau der Zutritt zum Saal nur unter der Bedingung gewährt, dass sie ihre Kette mit einem jüdischen Symbol ablegt. Das ist keine Auslegungsfrage, sondern ein Justizskandal

von Annabelle Ganapol-Vučelić  09.06.2026 14:55 Uhr

Was sich vergangene Woche am Amtsgericht Flensburg abspielte, ist kein bloßes Missverständnis, keiner »Unklarheit« geschuldet und weder eine Auslegungsfrage noch Ansichtssache. Was es ist: ein Justizskandal. Eine Jüdin, die sich mit einem kleinen Symbol als solche zu erkennen gibt, darf den Gerichtssaal nicht betreten. Nicht, solange sie eine Kette trägt, an der ein Davidstern hängt.

Der »Vorfall« wäre für sich genommen schon ein Justizskandal. Die traurige Ironie ist aber: Sie war dort, weil ein Antisemit als das, was er ist, vor Gericht stand. Vergangenen Spätsommer hatte er in seinem Laden einen Zettel aufgehängt, auf dem »Juden haben hier Hausverbot!« stand.
Es gibt Dinge, die kann man sich nicht ausdenken. Und dann passieren sie doch, an einem deutschen Gericht.

Wer ist ein Sicherheitsrisiko? Die Juden in Deutschland?

Juristisch ist die Sache einfach: Sicherheit und Ordnung im Gerichtssaal werden durch störendes Verhalten oder durch Gegenstände gefährdet, die als Mittel demonstrativer Einflussnahme oder Störung eingesetzt werden können. Eine Davidsternkette? Man muss keine Juristin sein, um zu wissen, dass das absurd ist.

Eine Davidsternkette ist weder Aufruf noch Provokation noch Störhandlung. Sie ist kein Instrument der Agitation, sondern Ausdruck von Persönlichkeit, Religionsfreiheit und Würde. Wer ist ein Sicherheitsrisiko? Die Juden in Deutschland? In einem deutschen Gerichtsgebäude erfolgt die Aufforderung, sich unsichtbar zu machen. Als jüdisch erkennbar zu sein, ist schon eine Provokation.

Lesen Sie auch

Ob das Tragen einer Davidsternkette uns oder unsere Kinder gefährdet, fragen wir uns jeden Tag. Darüber, dass uns deswegen der Zugang zu einem Gerichtssaal verwehrt werden würde, hatten wir bislang nicht nachgedacht. Eine weitere traurige Ironie liegt darin, dass nun Klarstellungsbedarf besteht: Nein, jüdische Symbole im Gerichtssaal sind nicht als Störung von Sicherheit und Ordnung zu behandeln. Das wussten wir eigentlich schon vorher.

Die Autorin ist Mitglied des Jüdischen Juristenverbands in Deutschland.

Hinweis: Nach Erscheinen dieses Textes hat das Landgericht Flensburg nach einer internen Aufarbeitung weitere Details zu dem Vorfall veröffentlicht. Demnach sei auch eine Person mit einem Kreuz dazu aufgefordert worden, ihre Kette vor Betreten des Gerichtssaals abzulegen. Das Gericht spricht von einer fehlenden »klaren Differenzierung zwischen ihrer Art nach zulässigen und unzulässigen Symbolen« und kündigt an, richterliche Anordnungen künftig eindeutiger zu fassen.

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Meinung

Ist der neue jüdische Außenminister nur ein Feigenblatt?

Großbritanniens neuer Premier Andy Burnham hat Ed Miliband zum Außenminister ernannt. Dass nun ein jüdischer Politiker für die Nahostpolitik zuständig ist, könnte auch ein Feigenblatt sein

von Michael Thaidigsmann  21.07.2026

Kommentar

Absage an Danger Dan und Igor Levit: Das ZDF hat absolut richtig gehandelt

Nicht alles, was nicht justiziabel ist, muss auch gesendet werden. Schon gar nicht unverhohlene Aufrufe zur linksextremen Gewalt und Verherrlichung der »Hammerbande«-Terroristen

von Philipp Peyman Engel  18.07.2026 Aktualisiert

Kommentar

Warum ich mit der SPD fertig bin

Eine späte Einsicht ist besser als gar keine, oder?

von Imanuel Marcus  18.07.2026